Netzneutralität Europäische Provider fordern Zwei-Klassen-Netz

Neue Regeln für den Datenverkehr: Im Dezember werden die Vereinten Nationen über Internet-Standards beraten. Europäische Provider wittern ihre Chance. Sie wollen mit garantierten Übertragungsleistungen zusätzliches Geld verdienen.

Stecker eines Netzwerkkabels: Provider stellen das Prinzip der Netzneutralität in Frage
DPA

Stecker eines Netzwerkkabels: Provider stellen das Prinzip der Netzneutralität in Frage


Der Verband der europäischen Netzbetreiber ETNO drängt auf eine Provider-freundliche Neuregulierung der Internet-Infrastruktur. Statt nur für Datenmengen wollen die Provider auch je nach Qualität der Datendurchleitung bezahlt werden, gerade wenn sie aus Übersee kommen - das ist die klassische Gegenposition zum Prinzip der Netzneutralität, wonach alle Daten im Internet gleich behandelt werden sollen.

Konkret fordern die Provider quasi ein, zwar alle Daten gleich, manche aber gleicher zu behandeln. Wenn etwa Apple besseren Service anbieten will, dann soll das Unternehmen auch dafür bezahlen. Zum Beispiel, um wichtige Videotelefoniedaten "mit garantierter Qualität" an die Kunden ausliefern zu können.

Solch eine Forderung ist nicht ungewöhnlich. Regelmäßig stellen Provider das Prinzip der Netzneutralität in Frage oder greifen es rundheraus an, etwa mit besonders eng ausgelegten Mobilfunktarifen. Doch diesmal steht mehr auf dem Spiel: Adressat der Forderung ist die Internationale Fernmeldeunion (ITU), eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen. Die ITU entwirft Standards- und Regulierungsvorschläge, die die Uno-Mitgliedstaaten umsetzen können. Derzeit arbeitet die ITU daran, der Wichtigkeit des Internet-Datenverkehrs Rechnung zu tragen und entsprechende Standards in das große Rahmenwerk der Telekommunikationsregulierungen aufzunehmen.

Im Dezember 2012 trifft sich die ITU dazu zum Jahreskongress auf der World Conference on International Telecommunication (WCIT) in Dubai. Vertreter aus 193 Mitgliedstaaten, 700 Mitglieder aus dem privaten Sektor, 40 Wissenschaftler und viele Unternehmen werden dort - zum ersten Mal seit 1998 - über die "generellen Prinzipien für die Bereitstellung und den Betrieb der internationalen Telekommunikation" abstimmen.

Für die Provider ist das die Chance, ihre Wünsche nach einer Datenmaut quasi im regulatorischen Fundament der internationalen Telekommunikation unterzubringen: Sie fordern die ITU auf, ihre Investitionen in die Informations- und Kommunikationinfrastruktur "den Primat des privaten Sektors in der Ausgestaltung des Internets, der Vielfältigkeit unabhängiger Interessenvertreter und kommerzieller Abkommen" anzuerkennen. Oder kurz: Finger weg vom Netz, lasst uns das machen!

Was die ITU derzeit vorhat, das kann auch als drastische Reformation des Internets gesehen werden. So erkennt "Cnet News" in den ITU-Vorschlägen bereits eine "globale Internet-Steuer", mit der gerade US-Firmen wie Apple und Google zur Kasse gebeten werden sollen. US-Politiker warnen bereits, dass die Uno drauf und dran sei, das Internet zu kapern - was zu einem "internationales Regime der Zensur, der Steuern und der Überwachung" führen könnte. ITU-Generalsekretär Hamadoun Touré erklärte in der "International Herald Tribune" nur, dass es "keinen einzigen Hinweis auf Internet-Governance in den Unterlagen (des WCIT)" gebe. Die ITU wolle das Internet hegen, nicht regieren.

Doch das letzte Wort wird im Streit um die Herrschaft im Internet noch lange nicht gesprochen sein. Denn gerade für die Provider steht viel auf dem Spiel: Wirtschaft, Strafverfolger, Geheimdienste und nicht zuletzt Bürgerrechtler wollen mitentscheiden, wie genau der Datenversand funktioniert.

fkn

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
gandalfthegreen 12.06.2012
1. Das ist doch schon lange üblich
Youtube lahmt, und wird gezielt blockiert. Bei der Telekom nix neues... Angeblich sind seit Jahren die Leitungen noch nicht geschaltet oder werde eben stets ausgebaut. So ruckelt und stockelt das Video in 240p selbst mit einer 25.000 VDSL Leitung. Über einen VPN, läd das Video dann mit voller Geschwindigkeit. Telekom 2-3 Mbit/s, VPN volle 25 Mbit/s http://img841.imageshack.us/img841/4747/telekomlangsam.jpg Die Leitung ist also VORHANDEN. Aber auch andere Anbieter sind sind betroffen. Als endkunde hat man Regional die kleinste Geschwindigkeit. Man muss halt mehr bezahlen lautet die Antwort des Service auf das Problem, oder man arbeite daran.
darksystem 12.06.2012
2.
Zitat von sysopDPANeue Relgen für den Datenverkehr: Im Dezember werden die Vereinten Nationen über Internet-Standards beraten. Europäische Provider wittern ihre Chance. Sie wollen mit garantierten Übertragungsleistungen zusätzliches Geld verdienen. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,838331,00.html
Wenn das durchkommt - na Prost Mahlzeit. Dann regiert Geld nicht mehr nur die Welt, sondern auch das Internet. Konkurrenten mit geringerem Budget lassen sich schnell ausbremsen indem man Ihnen die Bandbreite wegkauft, denn diese ist auch nur begrenzt, und "hohe" Qualität wird teuer werden. Sofern das überhaupt nötig wird, wenn nicht von vorn herein bei "nicht Qualitätkäufern" mittlere bis schlechte Qualität absichtlich (obwohl bessere verfügbar) angesetzt wird. HOFFENTLICH entsteht aus der Euro-Krise noch der große Bums welcher den halben Weltfinanzsektor mitreißt. Dieses Wirtschaftssystem welches Gier massiv unterstützt wird immer gefährlicher, und ausbaden müssen es die Konsumenten.
derjansel 12.06.2012
3. Na toll, also 2x zahlen
Also zahlt der Verbraucher dann einmal dafür, dass er Internet haben und nutzen kann, incl. GESCHWINDIGKEIT (womit alle Leitungen und das Netzwerk finanziert werden) und nun wollen sie nochmal Geld haben, weil es nicht reicht, wenn jeder schon für die Verbindung zahlt. Erkennt jemand die Logik dahinter? Hmm, achja so kann man mehr Geld verlangen, ohne, dass der Endkunde es sofort merkt. Der darf dann dafür, dass die Dienste auch wirklich laufen nochmal bei jedem Anbieter zahlen. Also: Einmal zahlen, dafür, dass man Internetzugang und Geschwindigkeit hat. Und nochmal zahlen, weil... ahm? -.-
spon-facebook-10000154928 12.06.2012
4. Und der Endkunde zahlt
Natürlich wird es, sollte sich das durchsetzen, wieder der Endkunde sein, der diesen Dummfug bezahlt.
fragel 12.06.2012
5. Abwehr
Dann können sich die User nur selber helfen- Sollte es so kommen , dann ist die einzige wirksame Abwehr , Internet kündigen . mal 2-3 Monate wie in alten Zeiten ohne internet leben und schon werden die Betreiber klein. Die Verluste , die sie dann haben , kann man nutzen , indem vom Kunden , also von uns usern die neuen Bedingungen ausgehandelt werden. Der geldverlust macht sie kirre. Die kleine aber feine Nebenwirkung ist, es werden Arbeitsplätze geschaffen , denn selbst in den Banken müssen dann Leute eingestellt werden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.