Netzneutralität Indische Firmen verweigern Facebook die Kooperation

Eine Milliarde Menschen könnten mit der Facebook-Initiative Internet.org Zugang ins Netz bekommen. Doch sind darüber nur einige wenige Seiten erreichbar. Der Protest ist groß, mehrere Firmen machen nicht mehr mit.

Von Ulrike Putz, Neu-Delhi

Screenshot von Internet.org: Das Internet besteht für viele Inder aus 38 Webseiten

Screenshot von Internet.org: Das Internet besteht für viele Inder aus 38 Webseiten


Der Streit um Netzneutralität in Indien eskaliert: Gleich vier große online operierende Unternehmen zogen sich am Mittwoch aus dem von Facebook lancierten vorgeblichen Wohltätigkeitsprojekt Internet.org zurück. Der Reiseveranstalter Cleartrip und die Medienhäuser NDTV, Newshunt und Times Group kündigten ihre Zusammenarbeit mit der von Mark Zuckerberg finanzierten Initiative auf.

Unter Netzneutralität versteht man das Prinzip, dass alle Daten im Netz gleich behandelt werden. Keine Dienste sollen gegen Geld schneller ihre Daten übertragen dürfen, das Ansurfen jeder Adresse im Internet soll gleich viel kosten und gleich schnell gehen. So zumindest sähe der Idealzustand eines freien Netzes aus.

In Indien ist diese Bastion schon vor einigen Wochen gefallen: Über Internet.org können Kunden des indischen Internetproviders Reliance Communications seit Februar online gehen, ohne dass dafür Gebühren für die Datenübertragung anfallen. So soll den knapp einer Milliarde Indern, die noch offline sind, das Internet zugänglich werden. Der Haken: Die Nutzer können über Internet.org nur 38 Webseiten ansteuern, darunter Facebook, Wikipedia und bis Mittwoch auch Cleartrip.

Die Nutzer wehren sich

Man habe den Benachteiligten in Indien die Möglichkeit geben wollen, kostengünstig Reisen zu buchen, erklärte der Vorstandsvorsitzende von Cleartrip, Subramanya Sharma, das Engagement seiner Firma für das Projekt.

Doch der seit Wochen in Indien tobende Streit zur Netzneutralität habe zu einem Sinneswandel geführt, schreibt Sharma in einem Blogeintrag. Man habe verstanden, dass es vielleicht doch fragwürdig sei, wenn große Unternehmen darüber entscheiden würden, wer wie schnell zu welchen Inhalten Zugriff bekommt.

In den vergangenen Tagen hatten über 200.000 Inder im Rahmen der Initiative SavetheInternet.in der indischen Telekom-Aufsichtsbehörde TRAI gemailt und sich über den Bruch der Netzneutralität durch zwei Telekom-Giganten beschwert. Da ist einmal Reliance, der als örtlicher Partner von Internet.org Internetnutzung gratis anbietet, so lange sie sich auf die gesponserten Seiten beschränkt. Und dann ist da Airtel Zero, ein Service des indischen Marktführers Bharti Airtel, der kommenden Monat starten soll.

Airtel-Zero-Kunden sollen künftig die Datengebühren für das Ansteuern bestimmter Webseiten erlassen werden, solange die hinter den Webseiten stehenden Unternehmen dafür bezahlen. Auch sollen die Seiten dafür zahlender Firmen künftig schneller laden als herkömmliche Websites. Angesichts des Zorns der indischen Netznutzer zog sich am Dienstag Flipkart, Indiens größter Internetmarktplatz, aus dem Projekt zurück und gab ein vollmundiges Bekenntnis zur Netzneutralität ab.

Die Regierung will den Firmen den Bruch gestatten

Kritiker sagen, dass der Bruch der Neutralität den Wettbewerb im Internet zugunsten zahlungskräftiger Unternehmen verzerren würde. Kleine Firmen hätten künftig keine Chance mehr am Markt. "Mangelnde Neutralität nützt nur einem Markt der Monopole und tötet das Ökosystem der kleinen Start-ups", sagte der Marketingchef des indischen Online-Möbelhauses Pepperfry der Zeitung "Hindustan Times".

Ausgelöst wurde der aktuelle Streit durch einen Vorstoß der indischen Regierung. Neu-Delhi argumentiert, dass es großen Telekom-Unternehmen gestattet werden müsse, die Netzneutralität zu brechen. Schließlich müssten sie im infrastrukturschwachen Indien enorme Kosten für die Einrichtungen von Netzen tragen. Zudem müssten die Provider sehr hohe Gebühren für die Bereitstellung von Bandbreite an den Staat zahlen.

Der indische Kommunikationsminister Ravi Shankar Prasad sagte, das Internet gehöre "der gesamten Menschheit und nicht nur einigen wenigen". Nur aus dem Kontext konnte man erschließen, was er meinte: Gesponsertes Internet für alle sei besser als ein freies Internet für die etwa 20 Prozent der Bevölkerung Indiens, die es sich jetzt schon leisten können, online zu sein.

Netzneutralität - Gleiches Recht für alle Daten
Wofür steht Netzneutralität?

Ob YouTube-Video oder Nachrichten von SPIEGEL ONLINE, ob World of Warcraft oder BitTorrent: Neutrale Netze leiten alle Inhalte durch, ohne nach der Herkunft der Datenpakete zu fragen. Die Netzbetreiber, darunter vor allem die großen Telekommunikationsunternehmen, kontrollieren nicht, welche Inhalte unterwegs sind. Ebenso wenig bremsen sie bestimmte Daten aus - etwa Filme aus Tauschbörsen, die oft mehrere Gigabyte groß sind.

dpa
Was spricht für Netzneutralität?

Befürworter sehen in neutralen Netzen eine Voraussetzung für den Wettbewerb - und der dient dem Verbraucher. Das wird an einem Negativ-Szenario deutlich: Was wäre etwa, wenn ein Provider mit einem Online-Kaufhaus kooperiert und dessen Konkurrenten ausbremst? Oder wenn nur eine Suchmaschine zugelassen wäre? Außerdem gilt das Prinzip als Garant für Innovationen. Weil die Kosten für ein digitales Kaufhaus, Blog oder Web-2.0-Portal vergleichsweise niedrig sind, versuchen Jahr für Jahr Tausende Unternehmer ihr Glück. Viele scheitern, einige schaffen es. Auch heutige Größen wie Google, Amazon und Facebook fingen klein an.

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Warum gibt es Bedenken?

Der Verkehr auf der Datenautobahn wächst durch Videos, Internet-TV und das Telefonieren im Netz (VoIP) rasant - so sehr, dass es ohne Regulierung bald einen Mega-Stau geben könnte. Schon heute betreiben Telekom, Vodafone und andere daher ein Netzwerkmanagement, um die verfügbare Bandbreite sinnvoll zu nutzen.

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Wer ist gegen Netzneutralität?

Vor allem die Netzbetreiber fordern eine Abkehr vom Prinzip in seiner Reinform. Ihr Argument: Wer die Leitungen besonders stark in Anspruch nimmt, soll auch mehr zahlen. Bei der Deutschen Telekom und dem spanischen Pendant Telefónica ist etwa zu hören, dass sie beispielsweise den Internet-Giganten Google gerne zur Kasse bitten würden. Darüber hinaus böten sich ihnen neue Geschäftsmodelle, etwa durch differenzierte Tarife: Nutzer, die große Datenmengen saugen, zahlen mehr als Gelegenheitssurfer.

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Gibt es schon nicht-neutrale Netze?

Aber sicher: Das Paradebeispiel sind die Mobilfunknetze. So blockieren etliche Anbieter den Dienst Skype oder verlangen dafür einen Zuschlag - die Software für Internet-Telefonie schadet dem eigenen Geschäftsmodell.

dpa



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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
MarkusH. 17.04.2015
1. top
lasst euch sowas nicht gefallen. die Megakonzerne sind eh schon kaum wegzudenken. schlimm was einem unter dem Begriff Freiheit verkauft wird
xees-s 17.04.2015
2.
Die brauchen bloß die Flat Tarife abschaffen und wieder wie zu Anfangszeiten die Volumentarife einführen. Dann zahlt der was weniger Surft auch weniger. Nur es traut sich keiner den ersten Schritt zu machen....wenn einer nicht mitmacht von den Providern, dann gibt es rießen Verluste.
Fliegerviertel 17.04.2015
3. Fb
... unglaublich wie dreist diese "Entwicklungshilfe" daher kommt !! Aber gut zu wissen, wie FB sich das Internet vorstellt ... bin gespannt, wie lange wir uns das noch an tun.
spon-facebook-10000521566 17.04.2015
4.
Verstehe ich das richtig? Da wird den Menschen etwas kostenlos angeboten und diese meckern noch?
Nonvaio01 17.04.2015
5. sie verstehen das nicht richtig
Zitat von spon-facebook-10000521566Verstehe ich das richtig? Da wird den Menschen etwas kostenlos angeboten und diese meckern noch?
einfach den artikel nochmal sorgfaeltig lesen
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