Internet: Ein Phänomen namens Häkelschwein

Von

Internet-Phänomen: Die Abenteuer des Herrn haekelschwein Fotos
Sven Bartel

Es ist klein, rosa, weitgereist und aus Wolle: das Häkelschwein. Eine 97-jährige Frau bastelt die kleinen Tierchen, Fans nehmen sie mit auf Reisen und schießen Fotos. Zu ihrem Geburtstag bekommt die Häkeloma jetzt Post aus der ganzen Welt.

Manche behaupten, Twitter sei nur für ein kleines rosafarbenes Schwein erfunden worden. Andere sagen, ohne das Schwein ergäbe der Kurznachrichtendienst gar keinen Sinn. Sicher ist: Als Twitter im Jahr 2006 an den Start ging, gab es das Schwein längst. Berühmt wurde es aber erst durch seine Tweets.

Das Schwein heißt Häkelschwein, wird eigentlich haekelschwein geschrieben, ist sieben mal vier Zentimeter groß und eine Kunstfigur im Internet. Dahinter steckt keine Spielzeugfirma, kein Verlag und auch kein Film. Nur Michael Budde aus Göttingen und seine Oma Frieda, eine 97-jährige Frau aus Hude im Landkreis Oldenburg. Der Kult entstand aus einem Zufall: Eines Tages, vor elf Jahren, brachte der Enkel ein gehäkeltes Schwein mit von einem Basar. Seine Oma mochte das Tier, fand es aber verbesserungswürdig. Also griff sie zur Wolle und häkelte selbst eines, "mit schöneren Proportionen", wie ihr Enkel findet, und schenkte es ihm. Er nahm es an sich und machte es zu einem verblüffenden Netzkunstwerk.

Denn als Oma Frieda gleich ein paar weitere Exemplare produzierte, hatte ihr Enkel "die Idee, ob man diese Schweinchen nicht übers Internet verkaufen könnte. Also entwickelte ich eine satirische Vermarktungsidee", erklärt der 39-Jährige. Auf der Website steht deshalb, das Wolltier tauge als Navigationssystem und Fliegenfänger, als Kamera, Lügendetektor oder Energiespar-Lampe. Alles Unsinn, natürlich. "Es sollte die Parodie eines Onlineshops werden, hat sich aber auf amüsante Weise verselbständigt", sagt Budde. Reich dürfte das Schwein wohl niemanden gemacht haben, aber viele Menschen kauften sich eins - ein paar Gramm Wolle für ein paar Euro.

15.000 Schweine hat Frieda Budde bisher gehäkelt

Sobald sie ein Exemplar haben, nehmen die Besitzer es mit ins Restaurant, auf Reisen oder ins Bett und schießen Fotos davon (siehe Fotostrecke). Dazu twittern und posten sie, wohin es das Häkelschwein diesmal verschlagen hat. Mittlerweile hat das Tier einiges gesehen: Venedig, Kapstadt und Griechenland, Memphis, Sumatra und Australien. Mal sitzt das Schwein auf der Chinesischen Mauer und mal vor den Iguazú-Wasserfällen, steht vor Big Ben oder auf dem Roten Platz in Moskau.

Oma Budde sitzt derweil auf ihrem Sofa in Hude, häkelt Nachschub und "amüsiert sich darüber, dass die Schweinchen weiter in der Welt herumgekommen sind als sie selbst", schreibt ihr Enkel. "Sie ist Zeit ihres Lebens eine starke, zähe Frau gewesen. Geboren im Kaiserreich, hat sie im 1. Weltkrieg ihren Vater, im 2. Weltkrieg ihren Mann verloren, allein vier Söhne aufgezogen und widmet sich nun der Schweinchenproduktion." Mit beachtlicher Ausdauer: Rund 15.000 Schweine hat sie über die Jahre gemacht, aus 270 Kilometer Wolle, das entspricht ziemlich genau der Strecke von ihrem Zuhause bis zu ihrem Enkel in Göttingen. Für jedes Exemplar braucht sie etwa eine Stunde.

Tweets vom @haekelschwein

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"Tweets können eine eigenständige Literaturform sein"

Das allererste Schwein hat ihr Enkel heute noch. Es steht in seinem Bücherregal, sein Foto ziert das Twitter-Profil des "Herrn haekelschwein". Über diesen Kanal verbreitet er Nonsens, Sprüche und schräge Lebensweisheiten. "Die Welt verdirbt den Charakter", twittert er, oder "Die Welt sähe ganz anders aus, wenn mehr Dinge aus Butter wären." Weil das aber nicht so ist, gibt er seinen Lesern Tipps, um in dieser recht ungebutterten Welt einigermaßen klarzukommen: "Überlegt Euch, ob Ihr dereinst im Pflegeheim derjenige mit den schönen Erinnerungen sein wollt oder derjenige mit dem vielen Geld" schreibt er, und: "'Du bist die zwölftschönste Frau, die ich je getroffen habe' ist als Kompliment eine Spur zu präzise."

Mehr als 21.000 Menschen lesen diese Kurznachrichten, Budde hat sogar ein Buch daraus gemacht. "Mit der gedruckten Tweet-Sammlung konterkariere ich die Erwartung, dass Twitter nur für Flüchtigkeiten konzipiert wurde und zeige, dass Tweets eine eigenständige Literaturform sein können, irgendwo zwischen Aphorismus und Witz."

Ein hochpolitisches Schwein, das bloggt und twittert

Das alles schreibt uns Budde in einer E-Mail. Es hat etwas gedauert, bis er bereit war, unsere Fragen zu beantworten, sieben Monate lang haben wir darauf gewartet. Er war skeptisch und sagte, er fürchte eine Flut von Bestellungen. "Klingt zwar etwas unkapitalistisch, aber ich kann die Schweinchen nur in geringen Mengen liefern und nicht plötzlich Hunderte", sonst komme die Oma nicht mehr hinterher. "Schon den Auftritt bei Jauch konnte ich nur mit Mühe abfangen", schreibt er in einem der Mail-Wechsel.

Mit dem Auftritt bei Jauch ist eigentlich der Auftritt von Internet-Aktivistin Anke Domscheit-Berg gemeint, die das Tierchen mitgebracht hat zu Talkshows im Fernsehen, dem "alten Medium", zu Anne Will oder zu Günther Jauch. So wie andere Netznutzer es mit an den See nehmen oder zu einem Parabelflug.

Es ist tatsächlich ein guter Begleiter, wenn man etwas über das Internet sagen möchte. Denn das Kunstwerk ist ein Symbol der Netzkultur: ein Schwein, das über soziale Netzwerke zum Star wurde, das weder eine Agentur noch ein Verlag berühmt gemacht hat, sondern allein ein Schwarm aus Fans, die das Kunstwerk mitgestalten und seine Geschichte weitererzählen. Ein Schwein, das bloggt und twittert, dessen Schöpfer aber lieber im Hintergrund bleibt. Ein hochpolitisches Schwein, das seine Ansichten aber lieber durch witzige Tweets zum Ausdruck bringt als durch lange Essays. Ein Schwein, um das sich völlig fremde Menschen scharen, und das nur überlebt, wenn jemand mitmacht. Ein Schwein wie das Internet.

"Am Computer vereinzelt man nicht"

"Wollte ich vor zwanzig Jahren meinem Mitteilungsdrang nachgeben, musste ich einen Leserbrief an die Zeitung schreiben oder hoffen, von ihr interviewt zu werden. Heute schreibe ich einfach einen Tweet oder Blog-Eintrag", sagt Michael Budde, "ich bin es gewohnt, mir mein Publikum selbst zu schaffen."

Und das Schwein könne noch etwas anderes lehren: "Das Internet ist kein Gegensatz zur dinglichen Welt, sondern ein zusätzlicher Interaktionsraum, der Menschen zusammenbringt", schreibt Budde, "am Computer vereinzelt man nicht". Er habe über Twitter viele Leute kennengelernt, "und meine Oma hätte ohne Internet keinen annähernd so weiten Wirkungskreis gefunden."

Im Netz hat Frieda Budde den Spitznamen Häkeloma, auch wenn sie momentan gar nicht häkeln kann; wegen einer Verletzung ruht die "Produktion" bis auf Weiteres. Anfang April wird sie 98 Jahre alt, deshalb greifen ausgerechnet die netzaffinen Häkelschwein-Fans zu Stift, Papier und Briefmarke - und gratulieren ganz altmodisch . Wie in den vergangenen Jahren bekommt eine alte Dame aus Hude Hunderte von Postkarten "vun överall her", wie sie sagt. Denn dann schreibt ihr das Internet, um danke zu sagen.

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insgesamt 15 Beiträge
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1. optional
dofroh 20.03.2013
Häkeln statt mäkeln!
2. Ein Schwein in Dubai? Wie geht das?
Haarspalter 20.03.2013
Boah, ein Häkelschwein in Dubai und die Moslems haben es einreisen lassen? Werden die langsam weich?
3.
conflake 20.03.2013
Schön, dass es noch genug Menschen auf der Welt gibt, die sich über solch kleine Dinge freuen können!
4. Laaaangweilig
remmbremmerdeng 20.03.2013
Die Nummer mit den Photos hat doch sooo'n Bart. War's früher nicht ein Gartenzwerg?
5.
richardheinen 20.03.2013
Zitat von remmbremmerdengDie Nummer mit den Photos hat doch sooo'n Bart. War's früher nicht ein Gartenzwerg?
Amélie lässt grüßen!
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