Netzticker Ex-Kanzler Schröder mahnt Weblog ab

Gerhard Schröder verteidigt seinen guten Ruf, Cybermobbing nimmt zu, Deutsche schätzen digitale Technik. Das und mehr im Überblick.


Wenn es um seine Reputation geht, zeigt Altkanzler Gerhard Schröders schon einmal gern die Zähne. Unvergessen bleibt, wie er einst gerichtlich klarstellen ließ, dass seine Haare echt und ungefärbt glänzen. Weniger Sorgen um Ruf und Glaubwürdigkeit hat er, wenn er seinem Freund Wladimir Putin bescheinigt, ein "lupenreiner Demokrat" zu sein. Was nicht heißt, dass der Altkanzler frei von Berührunsängsten wäre: Als "Berater des chinesischen Außenministeriums" will er sich jedenfalls nicht bezeichnen lassen und ließ den Verein "LobbyControl - Initiative für Transparenz und Demokratie e.V." abmahnen.

Altbundeskanzler Gerhard Schröder: Mitunter haarige Reaktionen, wenn es um seine Reputation geht
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Altbundeskanzler Gerhard Schröder: Mitunter haarige Reaktionen, wenn es um seine Reputation geht

Die Verfasser einer Studie über die heutigen Arbeitsverhältnisse von 63 Mitgliedern der letzten rotgrünen Regierung hatten sich mit der Bitte um Aufklärung über etwaige Beratertätigkeiten auch an Schröder gewandt. Der ließ ausrichten, über "private Tätigkeiten" gebe er keine Auskunft, so Lobbycontrol.

Unter Berufung auf eine Notiz im SPIEGEL erschien die Studie dann mit dem Hinweis auf Schröders China-Mandat, was dem Verein neben der Abmahnung nun auch noch die Anwaltskosten in Höhe von 1200 Euro beschert. Abgesehen vom seltsamen Verständnis über die Mittel und Möglichkeiten der Kommunikation überrascht vor allem, dass ein Politiker, der zu seinen Regierungszeiten beste Beziehungen zum Reich der Mitte gepflegt hat, die Vermutung, eine Behörde ebendieses Staates zu beraten, für eine abmahnwürdige Peinlichkeit hält.

MobbingVZ: Diskriminierung auch auf Teenieplattform

Der "Kölner Stadt-Anzeiger" erschien am Wochenende mit einem lesenswerten Stück über SchülerVZ, die Teenieversion des Gruschelnetzwerkes StudiVZ. Eine entlarvende Darstellung über das, was geschieht, wenn Jugendschutzbeauftragte mehr an Page Impressions und Visits denken als an den wirklichen Schutz der Kinder, Schulleiter und Lehrer sich für unzuständig erklären und ein gemobbtes 13-jähriges Mädchen mit seinen Problemen allein bleibt.

US-Gesundheitsbehörde: jeder zehnte Jugendliche Opfer von Online-Schikanen

Dass Quälereien vom Schulhof in die Onlinewelt überschwappen, ist beileibe kein auf Deutschland begrenztes Phänomen. AFP verweist auf eine Studie der amerikanischen Gesundheitsbehörde, derzufolge mittlerweile beinah jedes zehnte Kind im Alter zwischen zehn und 17 Jahren über Online-Mobbing klagt, damit hat sich die Anzahl der Betroffenen zwischen 2000 und 2005 um 50 Prozent vergrößert. Bösartige E-Mails oder Textnachrichten und Beschimpfungen in Chatrooms sind für sie eine tägliche, erniedrigende Erfahrung. Und im Unterschied zu Schikanen auf dem Schulhof, wo sich die Kontrahenten immerhin noch Auge in Auge gegenüberstehen, können die Online-Mobber aus dem Schutz der Anonymität heraus operieren.

Die Mehrheit der befragten Opfer von Cyberattacken sagten, sie hätten keine Ahnung, wer ihre Quälgeister seien. Überdies erklärten beinahe zwei Drittel der Opfer von Onlineschmähungen, dass ihnen im "richtigen" Leben, auf ihren Schulen, nichts derartiges zugestoßen sei.

Umfrage: Deutsche schätzen Digitaltechnik, befürchten jedoch Datenmissbrauch

Die Deutschen schätzen die IT-Welt, sind sich aber der Risiken bewusst. Das ist in etwa die Quintessenz einer heute in der "Stuttgarter Zeitung" veröffentlichten Umfrage zum Leben im digitalen Alltag. Immerhin 70 Prozent der Befragten sehen ihre Lebensqualität durch Computer & Co gesteigert, auch die über 60-Jährigen stehen der modernen Technik mehrheitlich (57 Prozent) positiv gegenüber.

Hingegen befürchten fast drei Viertel der Befragten den Missbrauch ihrer persönlichen Daten, und beinahe ebenso viele Menschen sehen im Internet einen Tummelplatz für Kriminelle, der Straftaten begünstige. Insgesamt aber sieht sich die große Mehrheit (72 Prozent) den Anforderungen digitaler Technologien gewachsen und glaubt, diese im Griff zu haben, wobei Frauen ihre technischen Fähigkeiten als nicht ganz so stark ansehen.

Großbritannien: MI5 wirft China massive Hackangriffe vor

In einem Brief an die wichtigsten Banken und Finanzinstitute klagt Jonathan Evans, der Chef des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5, China betreibe einen veritablen Cyberkrieg gegen das Finanzsystem der Insel. Er warnte besonders vor Spionageangriffen staatlicher chinesischer Stellen, an der Spitze die chinesische Armee, die bekannt dafür sei, sich Zugang zu persönlichen und anderen geschützten Daten zu verschaffen. Auch wenn es gute ökonomische Gründe für intensiven Handel mit China gebe, müsse sich das Management in den Unternehmen stets der damit verbundenen Risiken bewusst bleiben.

Der nächste Kalte Krieg wird digital

Dazu passt die nahezu zeitgleich veröffentlichte Studie des Sicherheitssoftwareherstellers McAfee, die vom nächsten kalten Krieg spricht, der im Cyberspace stattfindet.

Bereits jetzt würden weltweit 120 Staaten das Internet für militärische und Spionagezwecke nutzen. Onlinekriminalität sei nicht länger die Sache von Einzelpersonen oder kleinen Gruppen, sondern werde mittlerweile von kapitalkräftigen Organisationen mit ausgeklügelten Techniken betrieben. Der jährliche Bericht zur virtuellen Kriminalität befasst sich außerdem mit den Gefahren für die individuelle Sicherheit, aber auch für den Bereich der Wirtschaft und der nationalen Sicherheit und der Onlinekriminalität als Wachstumsbranche.

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