Netztrend Webisodes Miami Vice aus Moabit

Wozu noch Fernsehen? TV-Stars gibt es auch im Netz. Web-Soaps und "Webisodes" ziehen in den Vereinigten Staaten ein Millionenpublikum vor den Computerbildschirm. In Deutschland experimentieren Online-Dienste und Fernsehsender mit dem Format.

Von Helmut Merschmann


Sie tragen Sakkos mit Schulterpolstern in indiskutablen Farben, fahren im weißen Peugeot Cabrio mit quietschenden Reifen durchs Regierungsviertel, haben die Magnum gezückt und eine Pumpgun im Anschlag. Sunny und Ricardo, zwei 80er-Jahre-Cops, ermitteln auf den Straßen von Berlin-Moabit. Ihre Klientel sind Handtaschenräuber und Sozialschmarotzer. Die beiden Undercover-Polizisten, Stars der Web-Soap Moabit Vice, wollen in ihrem Kiez aufräumen und stehen sich dabei meistens gegenseitig auf den Füßen.

Moabit Vice: Ungeschickte Undercover-Cops im Stil der Achtziger

Moabit Vice: Ungeschickte Undercover-Cops im Stil der Achtziger

Auch im "Epizentrum der Mittelmäßigkeit", Hannover, geht es etwas beengt zu. Dort teilen sich vier Freunde zwei Zimmer, Küche und Bad auf 56 Quadratmetern. Bei Apos, Albert, Kazimir und Everett ist immer etwas los. In der Männer-WG wird gelacht, gelabert und herumphantasiert. Bereits 14 Folgen von Die Wohnung sind abgedreht. Als "Soap 2.0" fließen Nutzervorschläge in die Dramaturgie ein.

Ganz ähnlich funktioniert Blaschke.tv vom ZDF. Der öffentlich-rechtliche Fernsehsender hat offenbar erkannt, dass er am jungen Publikum im großen Bogen vorbeifunkt. Kurzerhand hat man nun eine Fortschreibegeschichte um den jungen Prominenten-Chauffeur Hubertus Blaschke aufgelegt, der das Glitzerleben der Stars und Sternchen hinter seiner Windschutzscheibe verfolgt. An Blaschke.tv kann sich jeder mittels eines E-Script-Tools beteiligen. Sieben Wochen schrieben Web-Autoren "mit redaktioneller Unterstützung" an der ersten Folge, in der Jenny Elvers-Elbertzhagen auftritt. Bald folgt der zweite Streich.

Millionenpublikum in den USA

Seriell erzählte Videos im Netz werden Webisodes genannt. Sie erzählen eine Geschichte über mehrere Folgen hinweg, ganz so wie Soap-Operas im Fernsehen, bloß entsprechend kürzer. Statt 25 Minuten sind die einzelnen Folgen einer Webisode nicht länger als vier bis sechs Minuten. Und selbst in so kurzer Zeit lassen sich interessante Geschichten erzählen.

Von Roommates, einer Webisode auf MySpace, gibt es bereits 47 Folgen. Augenblicklich wird die zweite Staffel produziert. Ganz professionell beginnen die Episoden mit "Previously on Roommates…", gefolgt von einer kurzen Zusammenfassung der bisherigen Geschehnisse – so wie man es aus dem Fernsehen kennt. Immer montags, mittwochs und freitags erscheinen neue Folgen. Die Webisode, die unter College-Abgängern spielt, ist insgesamt 12,5 Millionen Mal angeschaut worden. Die Carwash-Folge, in der es etwas nacktes Fleisch zu sehen gibt, konnte drei Millionen User anziehen.

Gesponsert wird "Roomates" von einer Kontaktlinsenfirma und dem Autohersteller Ford. Das neue Kleinwagenmodell wird in den Episoden entsprechend in Szene gesetzt. Das hat eine gewisse Tradition im Mediengeschäft: Auch die ersten Soap Operas im Fernsehen sind von Waschmittelherstellern produziert worden, die in den Pausen eifrig die Werbetrommel für ihre Seifen und Laugen rührten.

Serien sind Teil des Online-Lebens

Weitere amerikanische Webisodes wie Quarterlife und Dorm Life lassen in ihrer professionellen Machart kaum Wünsche offen und erreichen ebenfalls ein Millionenpublikum: "Quarterlife" unter frischen Uni-Absolventen und "Dorm Life" unter jungen Studienanfängern. Alle wollen ins Netz: Google hat eine Webisode namens "Cavalcade" angekündigt, der Produzent der Bourne-Trilogie, Doug Liman, hat mit "Jackson Bite" eine Produktionsfirma für Web- und Mobilinhalte gegründet. Und Plattformen wie MySpace richten eigene Video-Sektionen für audiovisuelle Serieninhalte ein.

"So wie sich Musik durchgesetzt hat, versuchen wir nun dasselbe mit Video", erklärt Jason Kirk, Chef von MySpaceTV, in einem Interview. "Es ist Teil des Online-Lebens der Nutzer und wir versuchen, eine interaktive Erfahrung zu schaffen. Wann immer Leute nach Videos suchen, wollen wir, dass es bei uns geschieht. Denn dann tritt ein Domino-Effekt ein, und alle Freunde werden informiert und sehen auch zu."

Darüber hinaus will MySpace, einem Bericht der "New York Times" zufolge, gut laufende Webisodes ins Fernsehen bringen. Das Online-Netzwerk plant auch eine Kooperation mit der britischen TV-Produktionsfirma ShineReveille, um Filminhalte nach Übersee zu vertreiben. Skepsis ist allerdings angebracht. Erst im Februar scheiterte der Versuch, "Quarterlife" beim amerikanischen Fernsehsender NBC auszustrahlen. Mangels Quoten wurde die Serie nach nur einer Folge wieder abgesetzt.

Umgekehrt kündigte NBC an, ab Juli Web-Versionen von Fernsehserien wie "Heroes", "Chuck" und "The Office" ins Netz zu stellen. Internet und Fernsehen sollen sich stärker verzahnen. Zudem ist eine nur fürs Web produzierte Webisode mit dem Titel "Fears, Secrets & Lies" in Planung. In der Beschreibung dazu heißt es: "User helfen, eine Online-Serie zu schaffen, indem sie ihre tiefsten, dunkelsten Geheimnisse, ihre unvorstellbaren Ängste und skandalösen Begierden teilen." Auch das ist Web 2.0.



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