Netzvisionär Paul Otlet Googles genialer Urahn

Er plante ein mechanisches Gehirn und kabellose Kommunikation: Der belgische Bibliothekar Paul Otlet entwarf Anfang des 20. Jahrhunderts die erste Suchmaschine der Welt - lange vor Computern und Internet. Warum gerieten seine revolutionären Ideen in Vergessenheit?

Archiv Mundandeum, Mons

Von Meike Laaff


Die erste Suchmaschine der Welt ist aus Holz und Papier gebaut. Mannshohe, dunkelbraune Schränke reihen sich aneinander, darin Zettelkästen mit Karteikarten. "Sechzehn Millionen Karteikarten", sagt Jaques Gillen und legt die Hand auf den Griff eines Schrankes. Gillen ist Archivar im Mundaneum - der Institution, die diesen gigantischen Katalog in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts betrieb. Anfragen gingen per Brief oder Telegramm in Brüssel ein, bis zu 1500 im Jahr. Antworten wurden per Hand herausgesucht, das konnte Wochen dauern. Ein Papier-Google, entwickelt Jahrzehnte vor dem Internet, ohne Computer.

Erfinder des Mundaneums war der belgische Bibliothekar Paul Otlet. Der gelernte Jurist aus bürgerlichem Hause wollte das Wissen der Welt kartografieren und in Holzschränken aufbewahren. Seine Vision: Das Mundaneum sollte alle Bücher erfassen, die jemals erschienen sind - und sie über ein eigens entwickeltes Archivsystem miteinander verbinden.

Archivar Gillen fischt eine Karteikarte aus einem Kasten. Aus dem Zahlenwirrwarr darauf kann er dutzende Informationen über das Buch, auf das verwiesen wird, ablesen. Mit seinem Archivsystem, darin sind sich viele Forscher heute einig, hat Otlet praktisch schon um die Jahrhundertwende den Hypertext erfunden - das Netz von Verknüpfungen, die uns heute durch das Internet navigieren. "Man könnte Otlet als einen Vordenker des Internets bezeichnen", sagt Gillen und steckt die Karteikarte zurück.

Karteikästen, Telefone, Multimedia-Möbel

1934 entwickelte Otlet die Idee eines weltweiten Wissens-"Netzes". Er versuchte, kaum dass Radio und Fernsehen erfunden waren, Multimedia-Konzepte zu entwickeln, um die Kooperationsmöglichkeiten für Forscher zu verbessern. Otlet zerbrach sich den Kopf darüber, wie Wissen über große Distanzen zugänglich gemacht werden kann. Er entwickelte Multimedia-Arbeitsmöbel, die mit Karteikästen, Telefonen und anderen Features das versuchten, was heute an jedem Rechner möglich ist.

Auch ohne die Hilfe elektronischer Datenverarbeitung entwickelte er Ideen, deren Umsetzung wir heute unter Begriffen wie Web 2.0 oder Wikipedia kennen. Trotzdem sind sein Name und seine Arbeit heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Als Vordenker von Hypertext und Internet gelten die US-Amerikaner Vannevar Bush, Ted Nelson und Douglas Engelbart. Die Überbleibsel der Mundaneum-Sammlung vermoderten jahrzehntelang auf halb verfallenen Dachböden.

Praktischere Medien sollen Bücher ersetzen

Dabei was das Mundaneum im frühen 20. Jahrhundert zunächst eine schillernde Erfolgsgeschichte. An dem Projekt hatten Otlet und sein Mitstreiter, der spätere Friedensnobelpreisträger Henri La Fontaine, schon seit 1895 gearbeitet. 1920 öffnete das Mundaneum in einem Prunkbau im Herzen von Brüssel seine Türen - eine Mischung aus Besuchermuseum und Gelehrtentreff, mit einem gigantischen Wissenskatalog und Archiv.

Darin wurden nicht nur Bücher erfasst, sondern auch zahllose Zeitungen, Poster, über 200.000 Postkarten sowie Ausstellungsstücke, von Flugzeugen bis zu Telefonen. Riesige Materialmengen, an denen sich das Projekt schon bald zu verschlucken drohte. Doch Otlet und seine Mitstreiter hatten eine Mission: Sie waren davon überzeugt, dass die globale Verbreitung von Wissen den Frieden fördern könne. Auch darum gab es einen engen Austausch mit anderen Forschungseinrichtungen im Ausland.

Parallel zu dieser Sammelwut arbeitete Otlet an neuen Ideen für das papierlose Verbreiten von Wissen. Bücher waren für ihn nicht mehr als "Container für Ideen", die durch praktischere Medien ersetzt werden könnten. Durch Grafiken und Schaubilder zum Beispiel, von denen er selbst zahllose anfertigte. Platzsparend, weil man sie auf Mikrofilm bannen konnte. International verständlich. Mit Ton und Film wollte er Informationen schneller, einfacher und weiter transportieren.

"Ein universelles Netzwerk, das die Verbreitung von Wissen erlaubt."

In seinem 400 Seiten dicken Buch "Traité de documentation" sammelte er all diese Ideen. Er skizzierte eine wissenschaftliche Konferenz, die per Telefon übertragen werden sollte und spann die Idee weiter - warum nicht auch mit Bildübertragung? "Radiotelefotografie"! Grammophone sollten gesprochene Informationen archivierbar und reproduzierbar machen. "Kürzlich haben wir einen Text aus dem Jahr 1907 gefunden, in dem er von einem mobilen Telefon spricht", sagt der Archivar Gillen, während er behutsam die dünnen Original-Skizzen Otlets von all diesen Visionen wieder einpackt.

Besonders das neue Medium Radio faszinierte Otlet - ermöglichte es doch, Informationen kabellos über weite Strecken zu versenden und dabei beliebig viele Empfänger zu erreichen. Für ihn ein kleiner Schritt zu seinem Traum, den er 1934 formulierte: einem "universellen Netzwerk, das die Verbreitung von Wissen ohne Beschränkung erlaubt." Jeder Mensch würde "im Sessel" auf den aktuellen Stand des Weltwissens zugreifen können, "applaudieren, Ovationen geben und im Chor singen." Alle weltweiten Entwicklungen würden aufgezeichnet werden, sobald sie entstünden: "So entsteht ein bewegliches Bild der Welt - ihr Gedächtnis, ihr wahres Duplikat." Ein "mechanisches, kollektives Gehirn".

Die Regierung strich 1934 die Subventionen, das Mundaneum schloss

Parallel zu diesen visionären Gedanken erlebte Otlets Mundaneum einen herben Rückschlag. Es musste 1934 schließen, nachdem seine Geldgeber aus der belgischen Regierung das Interesse an dem Projekt verloren hatten. Als 1940 die Nazis in Brüssel einmarschierten, entfernten sie die Sammlung aus dem zentralen "Palais Mondial", um dort Nazi-Kunst auszustellen. Otlets Vision vom Frieden durch Wissen war gescheitert, er starb 1944 verarmt und verbittert. Erst 1968 entdeckte der amerikanische Forscher W. Boyd Rayward Teile der Sammlung wieder, begann zu forschen und engagierte sich so lange, bis das Mundaneum 1998 wiedereröffnet wurde. Ein paar Nummern kleiner und im Provinzstädtchen Mons, etwa 30 Kilometer von Brüssel entfernt. Dort sortieren Archivar Gillen und seine Kollegen bis heute die Masse von Dokumenten. Sechs Kilometer Archivmaterial.

Über 60 Jahre nach seinem Tod sind viele Ideen Otlets Wirklichkeit geworden. Und Forscher wie Netzexperten interessieren sich für seine Überlegungen zum "mechanischen Gehirn". Seine Vorstellung vom dynamischen Weltwissen, das ständig ergänzt werden muss und an dem kollektiv gearbeitet wird, erinnert stark an das Konzept der Internet-Enzyklopädie Wikipedia.

Der Traum vom dynamischen, ständig wachsenden Wissensnetz

Auch, weil Otlet bereits darüber nachdachte, wie in seinem vernetzten Wissenskatalog Anmerkungen einfließen könnten, die Fehler korrigieren oder Widerspruch abbilden. Vor dieser Analogie warnt jedoch Charles van den Heuvel von der Königlichen Niederländischen Akademie der Künste und Wissenschaften: Seiner Interpretation zufolge schwebte Otlet ein System vor, in dem Wissen hierarchisch geordnet ist: Nur eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern sollte an der Einordnung von Wissen arbeiten; Bearbeitungen und Anmerkungen sollten, anders etwa als bei der Wikipedia, nicht mit der Information verschmelzen, sondern sie lediglich ergänzen.

Das Netz, das Otlet sich ausmalte, ging weit über das World Wide Web mit seiner Hypertext-Struktur hinaus. Otlet wollte nicht nur Informationen miteinander verbunden werden - die Links sollten noch zusätzlich mit Bedeutung aufgeladen werden. Viele Experten sind sich einig, dass diese Idee von Otlet viele Parallelen zu dem Konzept des "semantischen Netz" aufweist. Dessen Ziel ist es, die Bedeutung von Informationen für Rechner verwertbar zu machen - so dass Informationen von ihnen interpretiert werden und maschinell weiterverarbeitet werden können.

Projekte, die sich an einer Verwirklichung des semantischen Netzes versuchen, könnten von einem Blick auf Otlets Konzepte profitieren, so van den Heuvel, von dessen Überlegungen zu Hierarchie und Zentralisierung in dieser Frage.

Im Mundaneum in Mons arbeitet man derzeit daran, Otlets Arbeiten zu digitalisieren, um sie ins Netz zu stellen. Das dürfte zwar noch ziemlich lange dauern, warnt Archivar Gillen. Aber wenn es soweit ist, wird sich endlich Otlets Vision erfüllen: Seine Sammlung des Wissens wird der Welt zugänglich sein.

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insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
xees-s 20.07.2011
1. Patente von apple und google falsch?
Da sollten dann eigentlich die Patente von Google und Apple sowie Microsoft und anderen obsolet sein, denn erfunden haben die dann das nicht! Ob das die Gerichte auch wissen? Siehe aktuelle Verfahren die Apple gerade jedem überzieht.
#Nachgedacht 20.07.2011
2. Nur ein weiterer Fall von Wissensbarberei
Dieser Artikel zeigt, dass die Menschheit auch heute die Ideen nicht richtig verstanden hat. Was wäre möglich wenn man das Wissen der Menschheit zusammenführen und nutzen würde? Wo stünde die Menschheit heute ? Es zeigt aber auch, die Begrenztheit Einzelner, dafür aber mächtiger Personen, kann revolutionäre Entwicklungen verhindern. Leider geschieht dies allzu oft mit dem Blick auf das eigene Kapital. So lange Egoismus die Welt beherrscht, so lange der Kampf auf Besitzgüter und materiellen Reichtum gerichtet bleibt, werden alle Bemühungen scheitern. Vielleicht würden wir schon Außenstationen im Weltall besitzen, wären alle ansteckenden Krankheiten ausgeräumt und die Umwelt sauber und weitgehend unbelastet, Selbstzerstörung, Kriege gehörten der Historie an. Vielleicht gebe es nur noch krankheitsbedingte Analphabeten. *Der größte Feind menschlichen Fortschritts ist der Mensch! Leider!* Es ist aber gut das es immer wieder Visionäre gibt die derartige Ideen wieder hervorhohlen und den Traum von einer besseren, gerechteren und vor allem ehrlichen Welt nicht aufgeben, die den Traum nicht aufgeben das Kriege nicht nötig sind und gemeinsam mehr erreicht werden kann. Es gibt in D bereits regelmäßig lange Nächte der Wissenschaft, hier wie auch in Medien werden Forschungsergebnisse vorgestellt bei denen der Aha-Effekt noch fehlt. Ziel ist es im kollektiven Nachdenken die Frage oder Anregung zu finden, welche die Lösung bringt. Ein erster, ein kleiner Schritt aber lieber klein als gar nicht. #Nachgedacht
xdvd 20.07.2011
3. Beziehung zu Vannevar Bush?
Danke, ich fand den Artikel sehr interessant und unterhaltsam. Mich würde interessieren, ob Paul Otlet mit Vannevar Bush Kontakt hatte. Zumindest ähneln sich die Konzepte so sehr, dass man versucht ist Bushs MEMEX als eine Microfiche-Variante von Otlets Projekt zu anzusehen.
Phi-Kappa 20.07.2011
4. Was anderes
Zitat von sysopEr plante ein mechanisches Gehirn und kabellose Kommunikation: Der belgische Bibliothekar*Paul Otlet entwarf Anfang des 20. Jahrhunderts die erste Suchmaschine der Welt - lange vor Computern und Internet. Warum gerieten seine revolutionären Ideen*in Vergessenheit? http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,768312,00.html
"Kartografieren" kann man Länder, Orte, ja ganze Planetenoberflächen. Etwas auf Karteikarten schreiben, ist jedenfalls was anderes. Sind wir inzwischen so weit, dass nicht nur die Rechtschreibung, sogar in seriösen Medien, mit Füßen getreten wird, sondern selbst die Semantik eine Sache der persönlichen Unwissenheit wird?
Dunedin, 20.07.2011
5. |
Zitat von Phi-Kappa"Kartografieren" kann man Länder, Orte, ja ganze Planetenoberflächen. Etwas auf Karteikarten schreiben, ist jedenfalls was anderes. Sind wir inzwischen so weit, dass nicht nur die Rechtschreibung, sogar in seriösen Medien, mit Füßen getreten wird, sondern selbst die Semantik eine Sache der persönlichen Unwissenheit wird?
In einer Zeit wo in Deutschland selbst die unsinnigsten Anglizismen, insbesondere von Medien, verbreitet werden, dürfen Sie kaum erwarten das die jungen Spiegel Autoren ein besseres Schreib -Niveau besitzen, als der mittlerweile völlig verblödete deutsche Durchschnitt.
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