Netzwelt-Ticker Ansturm auf die Barbie-Welt

Das Wunder von Mattel: Mindestens drei Millionen Mädchen tummeln sich bereits in Barbies virtueller Puppenstube - und täglich gesellen sich Zehntausende dazu. Außerdem im Nachrichtenüberblick: Sprachprobleme bei Google, die Bank gewinnt immer und vieles mehr.

Von Sönke Jahn


Nicht die Krieger und Sammler in der Welt von "World of Warcraft" und auch nicht der Tummel- und Rummelplatz "Second Life" verzeichnet zurzeit einen geradezu explodierenden Bevölkerungszuwachs, sondern ausgerechnet die von Barbie-Girls bevölkerte virtuelle Barbie-Welt ( SPIEGEL ONLINE berichtete). Denn dorthin strömen die zirka zehnjährigen Mädchen in den USA derzeit in Massen.

Eine typische Barbie-Girls-Kundin beim Zeitvertreib: Riesenerfolg in der Zielgruppe der 10- bis 13-jährigen US-Mädchen
AP

Eine typische Barbie-Girls-Kundin beim Zeitvertreib: Riesenerfolg in der Zielgruppe der 10- bis 13-jährigen US-Mädchen

Aber daraus abzuleiten, dass Onlinewelten a) nun Mainstream sind und b) es später darin Frauenüberschuss geben würde, ist wohl noch arg verfrüht.

Drüben bei "Techcrunch"erfahren wir die schier unglaubliche Zahl von täglich 50.000 Neuanmeldungen für einen Zweitwohnsitz im virtuellen Computer-Kinderzimmer. Noch ist die quietschbunte Püppchenwelt erst seit 60 Tagen in einer unfertigen Beta-Version und auch nur auf Englisch erreichbar, da meldet Barbie-Hersteller Mattel bereits drei Millionen kleine Teilnehmerinnen. In diesem Anmeldetempo dürfte die Barbiewelt die eingangs erwähnten und bislang größten virtuellen Communitys mit um die acht Millionen Mitgliedern tatsächlich bald überrundet haben.

Google und Guge kann man schon mal verwechseln

Rätselhafter ferner Osten. Die Pekinger Firma Guge Science and Technology Ltd. Co. fordert die chinesische Niederlassung des Suchmaschinenprimus Google auf, dessen örtliche Schreibweise des Firmennamens mit chinesischen Schriftzeichen zu ändern. Eine entsprechende Klage wurde beim Pekinger Haidian-Bezirksgericht eingereicht. Googles Problem: Es gibt kein chinesisches Alphabet. Die Firma musste sich für die lokale Schreibweise ihres Namens aus den 415 chinesischen Silbenzeichen bedienen, um annähernd gleichlautend ausgesprochen auch im Reich der Mitte firmieren zu können.

Wie schwierig das sein kann, zeigt das Beispiel Hamburg. Die Stadt schreibt sich in China - besser geht es dort eben nicht - Han-boa. Vor etwas mehr als einem Jahr entschied sich Google für die Schreibweise Guge und das heißt dann sogar so viel wie "Lied der Ernte", wie uns der chinesische Blogger Yan Feng im April 2006 verriet. Ihm persönlich, schrieb er damals, wäre die Aussprache "Gougou" lieber gewesen – für "alter Hund" – aber man könne ja nicht alles haben.

Zurück in die Gegenwart. Die Firma Guge ist genervt, weil bei ihr ständig das Telefon klingele und die Anrufer aber eigentlich mit Google sprechen wollen. Google jedoch stünde nicht im Pekinger Telefonbuch, beklagt sich der Sprecher des nach eigener Aussage älteren Namenvetters, der die ganze Angelegenheit als überaus geschäftsschädigend ansieht.

Seitdem ich dies nun auf "News.com.au" las rätsele ich aber nicht so sehr über das chinesische Nutzerverhalten, schwere Telefonbücher zu wälzen um Google an- statt besser deren Seite aufzurufen. Ich wundere mich eher über den Kläger. Denn was den geschädigten Geschäftsgegenstand der Guge Science and Technology Ltd. Co. angeht, habe es deren Sprecher als "wenig hilfreich" bezeichnet, diesen in dieser Angelegenheit zu benennen. Mit anderen Worten: Niemand weiß, was die eigentlich den lieben langen Tag machen. Außer telefonieren.

Die Bank hat schon wieder gewonnen

Spielschulden sind immer noch Ehrenschulden. "Heise online" berichtet von einem Grundsatzurteil des Landgerichts Koblenz, "dass dem Betreiber einer in Hessen zugelassenen Internet-Spielbank einen Anspruch gegen den Spieler auf Zahlung der beim Online-Spiel verlorenen Einsätze zusteht”.

Im verhandelten Fall hat ein Roulettespieler seine Einsätze per Kreditkarte eingezahlt, die Zahlungen später aber storniert, nachdem er alles Spielgeld verloren hatte. Der Spieler habe sich sogar mit dem Hinweis aus der Affäre ziehen wollen, dass er sich den Zugang aus einem anderen Bundesland ja nur erschlichen und die Bank zudem kein Limit gesetzt habe. Beides ließen die Richter nicht gelten und forderten den Verlierer auf, mit seinem Einsatz endlich herüberzukommen: 4000 Euro.

Google finanziert namenloses Surfen

Ausgerechnet Google, sonst eher für seinen guten Appetit auf Nutzerdaten bekannt, unterstützt in diesem Jahr Karsten Loesings Mitarbeit am Anonymisierdienst TOR. Die Abkürzung TOR steht für "The Onion Router", einen quelloffenen Anonymisierdienst für Websurfer. Der Bamberger Doktorand am Lehrstuhl für Praktische Informatik der Universität Bamberg erhält ein Stipendium des "Google Summer of Code", bei dem in diesem Jahr weltweit wieder mehrere hundert Softwareprojekte finanziell unterstützt werden, davon vier, die sich mit dem Onion Router beschäftigen. "Warum Google solche Projekte fördert, ist allerdings nicht ganz klar", wird Loesing auf der Webseite der Uni zitiert, "aber vielleicht sind sie nur auf der Suche nach guten Leuten."

Vielleicht hat Google aber auch nur die Spendierhosen an, weil man das World Wide Web begriffen hat und sicherstellen will, das jeder jederzeit Zugriff auf jede Webseite haben kann? Bei TOR handelt es sich im Grunde um einen Umleitungsdienst für Webnutzer, mit dem jeder anonym auf jegliche Inhalte zugreifen können soll. Nicht nur Menschen aus totalitären Staaten wüssten "The Onion Router” zu schätzen, auch hierzulande gäbe es gute, nicht selten vor allem private Gründe, sich etwa in Foren zu Gesundheitsfragen nicht offen zu erkennen zu geben. Der Preis für die Namenlosigkeit ist allerdings eine oft überaus träge Datenübertragung, was TOR für manche illegale Zwecke uninteressant machen dürfte.

Redet mit Euren Politikern

"Ich hatte geglaubt, der Plan sei zu naiv. War er aber nicht”, schrieb Hanno Zulla neulich leicht verblüfft in sein Blog. Sein Plan war, gegen Gesetzesvorhaben wie die geplante Vorratsdatenspeicherung und andere kommende Verschärfungen und Einschränkungen in der Telekommunikation hierzulande aktiv zu werden.

Er wollte deshalb seine Abgeordneten aufsuchen, denn die haben am Ende schließlich im Parlament darüber zu befinden. Er wollte sie aufklären, überzeugen, zur Rede stellen. Lobbyarbeit eben. Denn dass nicht alle Politiker mit ihrem Kenntnisstand zu Onlinethemen auf der Höhe der Zeit sind, wurde hier schon dokumentiert (" Browser, was sind jetzt noch mal Browser?”). Nerd-Lobbyist Zulla schildert nun seine aufschlussreichen Erfahrungen mit Besuchen bei sehr interessierten und irgendwie auch zutraulichen Hamburger Politikern und fordert seine Leser dazu auf, es ihm gleichzutun: "... dass Ihr ebenfalls Eure Politiker besucht und mit ihnen über IT-relevante Themen redet. Politiker können unsere Interessen nur dann vertreten, wenn sie diese kennenlernen. Das persönliche Gespräch ist der beste Weg dafür."

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.