Netzwelt-Ticker Briten basteln an Hirnscannern

Man kann jemandem nur vor den Kopf gucken, sagt der Volksmund. Das muss man ändern, sagen britische Entwickler. Außerdem: Deutschland in den Top Ten der Schnüffelstaaten, Griechenland bremst Google aus, und Kirche will Bibel vertwittern. Das und mehr im Überblick.


Viereinhalb Millionen britische Überwachungskameras, die jeden Schritt der Untertanen Ihrer Majestät festhalten, sind den Behörden nicht genug. Sie möchten den Leuten nicht nur auf den Kopf schauen, sondern am liebsten auch hinein.

Per Scan beobachteter Denkvorgang im Bild: Das Gehirn als ultimatives biometrisches Kennzeichen?
University of Illinois at Chicago

Per Scan beobachteter Denkvorgang im Bild: Das Gehirn als ultimatives biometrisches Kennzeichen?

Und das ist angeblich kein unerfüllbarer Wunsch, sondern soll mit den neuesten Entwicklungen in der biometrischen Technik möglich werden. Sogenannte Hirnscanner sollen die Aktivität des Hirns und den Herzschlag messen und bei etwaigen Unregelmäßigkeiten Alarm schlagen.

Erste Testläufe für ein von der EU initiiertes Projekt wurden bereits absolviert. Dabei wurden die individuellen Hirnströme, Herzschlag und die Stimme der Probanden aufgezeichnet sowie das Gesicht vermessen, alle Daten auf einem RFID-Chip gespeichert. Mit diesen Referenzdaten kann später, zum Beispiel bei Grenzkontrollen, die Identität mit großer Sicherheit festgestellt werden, indem der Einzelne erneut auf Bauch und Bregen getestet und anschließend mit den RFID-Daten verglichen wird.

Was wie ein besonders bizarres Detail aus Orwells Requisitenkoffer klingt, soll ganz harmlos und völlig sicher sein, beteuern die verantwortlichen Forscher. Schließlich hätten die Probanden keinerlei Vorbehalte gegenüber der Technik gezeigt, die im Übrigen auch gegen jeden unbefugten Zugriff gesichert sei.

Führend ist Großbritannien übrigens auch bei der Zahl der Datenschutzskandale in den vergangenen Jahren.

L'Oréal scheitert mit Klage wegen fast echten Parfums

Der französische Kosmetikkonzern L'Oréal ist mit seiner Millionenklage gegen das Internet-Auktionshaus Ebay um den Verkauf gefälschter Parfums gescheitert. Das Pariser Landgericht wies den Vorwurf von L'Oréal zurück, das US-Unternehmen habe seinen Nutzern "geholfen", gefälschte Ware in Umlauf zu bringen. Ebay muss demnach nicht überprüfen, ob Produkte, die auf der Website verkauft oder versteigert werden, tatsächlich echt sind. L'Oréal wirft Ebay vor, den Verkauf von nachgemachten Parfums und Kosmetika geduldet zu haben und verlangte 3,5 Millionen Euro Schadenersatz.

Das Unternehmen trete lediglich als Bereitsteller der Website auf und sei nicht für die von den Nutzern erzeugten Inhalte verantwortlich, erklärte das Gericht. Ebay könne nicht belangt werden, wenn das Unternehmen von der gefälschten Ware nichts gewusst habe. Das Unternehmen habe zudem "bedeutende Mittel im Kampf gegen Fälschungen" eingesetzt. Im Bereich von Parfums und Kosmetika sei die Echtheit aber nur äußerst schwer zu überprüfen. Dies sei nur bei enger Zusammenarbeit mit dem Hersteller möglich.

Das Gericht schlug den Streitparteien vor, ihren Konflikt durch einen gerichtlich bestellten Vermittler beilegen zu lassen und sich auf ein gemeinsames Vorgehen gegen Produktpiraten zu verständigen. Beide Unternehmen sollen bei einer Anhörung am 25. Mai erklären, ob sie diesen Weg gehen wollen.

AFP

Top in den Charts der Schnüffelstaaten

Diktaturen und Demokratien unterschieden sich früher im Maß der Freiheit und der Privatsphäre, die den Bürgern zugestanden wurde. Doch diese Abgrenzung scheint in der von Terrorangst geprägten Gegenwart zunehmend zu verschwinden. So erwartet man beim Vergleich der Überwachungsmaßnahmen in aller Welt Staaten wie China, Nordkorea oder Russland ganz oben auf der Liste der Oberschnüffler. Doch auch, was noch vor einem Jahrzehnt undenkbar schien, dürfte heute kaum noch jemanden irritieren: Auch Großbritannien, die USA, Frankreich und Deutschland finden sind unter den ersten zehn der "elektronischen Polizeistaaten".

Dieses wenig schmeichelhafte Urteil ist in einem gleichnamigen Bericht enthalten, den ein in Chicago beheimatetes IT-Sicherheitsunternehmen namens Cryptohippie dieser Tage herausgebracht hat (Pdf).

Das Unternehmen bietet Dienstleistungen im Bereich Privatsphäre beziehungsweise den Schutz derselben an. Geforscht haben die IT-Experten nicht selbst, sondern letztlich nur eine Inventur gemacht: Ihr Papier ist eine Meta-Studie, die die Erkenntnisse verschiedener renommierter Studien zusammenfasst.

Denn wie sehr die in verschiedenen Ländern bedroht ist, wurde auf der Grundlage von Berichten diverser Organisationen wie "Reporter ohne Grenzen" oder "Freedom House" nach insgesamt 17 Kriterien eingeordnet. 52 Staaten wurden auf ihre Praxis überprüft, was zum Beispiel Grenzkontrollen, Vorratsdatenspeicherung, die Überwachung finanzieller Transaktionen, Richtervorbehalt für staatliche Maßnahmen oder das Ausspähen von Computern betrifft.

Je mehr dieser Kriterien erfüllt sind, umso höher erfolgt die Einstufung als "Polizeistaat". Dabei solle man sich nicht von überkommenen Bildern behindern lassen, so die Autoren der Studie. "Das übliche Bild eines Polizeistaats besteht immer noch in der Vorstellung von Geheimpolizisten, die nächtens unschuldige Bürger aus ihren Wohnungen holen, wie zu Zeiten Nazi-Deutschlands oder in Stalins Sowjetunion. Aber so ging es zu Großvaters Zeiten zu. (...) Ein elektronischer Polizeistaat ist vom Ausmaß der Verwendung von Technologien zur Aufzeichnung, Verwaltung und Verbreitung von Beweismaterial gegen die eigenen Bürger charakterisiert", stellt der Bericht fest.

Auch wenn die Verfasser dieser Studie ein Interesse daran haben, die Lage zur Förderung des eigenen Unternehmens möglichst düster darzustellen, bleibt angesichts der langen Kriterienliste ein unangenehmes Gefühl zurück.

Griechenland stoppt Street View

Auch in Griechenland hat Suchmaschinist Google, wie schon zuvor in anderen Ländern, jetzt Probleme mit seinem Street-View-Programm bekommen. Die firmeneigenen Kamerawagen sollten eigentlich auch durch hellenische Straßen rollen und sie dabei abfotografieren. Nichts da, sagte die Datenschutzbehörde des Landes, die Unkenntlichmachung von Gesichtern und Autokennzeichen reicht nicht aus.

Bevor nicht klar sei, wo das Bildmaterial gespeichert und wie es vor Missbrauch geschützt werde, gebe es keine Fotoerlaubnis. Die griechischen Datenschützer stören sich außerdem daran, wie klammheimlich die Kamerawagen plötzlich ohne jede vorherige Ankündigung auftauchen. "Das Auto einfach nur zu kennzeichnen ist keine adäquate Form der Ankündigung", wird die Behörde von "Futurezone" zitiert.

Frommes Gezwitscher: Ev. Kirchentag will Bibel twittern

Twitter lässt es mittlerweile aus allen Regionen der Welt zwitschern, selbst aus dem All. Was so populär ist, muss gut sein, dachten sich die Verantwortlichen der Evangelischen Kirche und planen für den Evangelischen Kirchentag, der vom 20. bis 24. Mai in Bremen stattfindet, ein frommes Twitter-Event.

Der komplette Text der Bibel soll, in 140-Zeichen-Häppchen zerlegt, während des Christentreffens unter twitter.com/evangelisch_de getwittert werden. Die interessierten Leser der Tweets sind dabei eingeladen, zu den einzelnen Abschnitten ihre eigenen Gedanken und Interpretationen zurückzuzwitschern. Doch allein die schiere Menge macht die Aktion rekordverdächtig - einmal ganz davon abgesehen, dass die Verbreitung echter Inhalte via Twitter ein absolut innovatives Konzept darstellt. Auf diese Schnapsidee kamen bisher neben der Kirche nur PR-Agenturen.

Das Ganze hilft vielleicht auch der Qualität der bisherigen Kurzmeldungen aus dem evangelischen Twitterreich. Mitteilungen, die von einem "durchgemachten WE mit Bibel, Red Bull, Chips, Cola" handeln, dürften auch bei jüngeren Gläubigen gewisse Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Aktion aufkommen lassen.

Schweden: Pirate-Bay-Prozess vor Neuaufnahme?

Da hatten die Interessenvertreter von Musik- und Filmindustrie schon frohlockt, als ein schwedisches Gericht die vier Betreiber des Bittorrent-Trackers "The Pirate Bay" zu Haft- und Geldstrafen verurteilte. Doch schon bald erhoben sich Stimmen, die auf die Befangenheit des vorsitzenden Richters Tomas Norström hinwiesen. Denn der Jurist ist schon seit längerem Mitglied im Schwedischen Urheberrechtsverband (SFU) sowie der Schwedischen Vereinigung zum Schutz von industriellem Eigentum (SFIR).

Was jedoch in den Augen von Kritikern noch schwerer wiegt, ist der Umstand, dass SFU und SFIR ihrerseits Mitglied in zwei internationalen Verbänden sind, die sich für ein härteres Urheberrecht und dessen strikte Durchsetzung einsetzen. Eric Bylander, Professor an der Universität von Göteborg, wird mit der Einschätzung zitiert, dass "das Vertrauen in das judikative System verlangt, dass das Berufungsgericht dies als eine Befangenheit bewertet".

Nachdem schon im ersten Pirate-Bay-Prozess ein Schöffe seinen Stuhl räumen musste, nachdem sein Engagement in einer Organisation zum Schutz von Musikrechten bekanntgeworden war, stehen die Chancen für einen erneuten Prozess nicht schlecht. Denn auch einer der seinerzeit ermittelnden Polizeibeamten hatte zu dieser Zeit bereits eine lukrative Jobzusage bei Warner Brothers. Pirate-Bay-Betreiber Peter Sunde teilte unterdessen mit, er habe bereits eine neue polizeiliche Untersuchung beantragt: "Wir wollen, dass alles im Licht der Öffentlichkeit geschieht, damit alles seinen korrekten Gang geht".

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