Netzwelt-Ticker Britische Polizei testet Geodaten-Überwachung

Die Londoner Polizei kann mit Hilfe einer neuen Software detaillierte Bewegungsprofile erstellen. Außerdem im Überblick: Lebenslange Haft für schwedische Porno-Produzenten, US-Militär crowdsourct Piratenabwehr und Microsoft schlägt Google beim Datenschutz.

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Kamera am Big Ben in London: Einsatz von Software zur Überwachung Unschuldiger?
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Kamera am Big Ben in London: Einsatz von Software zur Überwachung Unschuldiger?


Der Erwerb der Positionsdaten-Software Geotime durch die Polizeibehörde von Greater London beunruhigt Datenschützer des Vereinigten Königreichs, schreibt der "Guardian". Mit Hilfe dieser Software können die Bewegungsdaten einzelner Personen aus unterschiedlicher Datenquellen verknüpft werden. Informationen aus sozialen Netzwerken, Navigationsgeräten, Mobilfunknetzen, Finanztransaktionen und Internet-Aktivitäten werden als komplexes Muster aus Bewegungs- und Kommunikationsdaten aufbereitet.

Ein Beispiel dafür, wie verräterisch selbst anonymisierte Bewegungsdaten sein können, lieferte jüngst der Grünen-Politiker Malte Spitz, als er die Positions- und Telefondaten seines Handys als Grafik darstellte. Dabei erfuhr der Dinge über sich, die er zuvor nicht einmal selbst wusste. Denn viele kleine Datenspuren verdichten sich zu Mustern, aus denen sich viel ablesen lässt - und aus denen Abweichungen hervorstechen.

Die Programmfunktionen, die Geotime-Hersteller Oculus auf der Produktseite anführt, machen umso hellhöriger. So soll Geotime nicht nur historische Bewegungen darstellen, sondern daraus auch Verhaltensmuster und zuvor unbekannte Beziehungen herausarbeiten können. Bei der Verfolgung von Straftätern und der Analyse von organisierter Kriminalität wäre das ein wertvolles Hilfsmittel.

Dass mit Geotime aber nicht nur auf Verbrecher gejagt werden sollen, bestätigt der Metropolitan Police Service (Met) dem "Guardian". So sei nicht ausgeschlossen, dass der Met die Software auch zur Untersuchung von Störungen der öffentlichen Ordnung einsetzen werde - etwa bei Demonstrationen. Für britische Bürgerrechtler ist das ein Alptraum: Für fürchten die Überwachung Unschuldiger.

Doch noch sei nicht einmal klar, erklärt ein Met-Sprecher dem "Guardian", wie und ob die Software überhaupt eingesetzt werden soll. Bis jetzt habe man Geotime nur mit Pseudo-Daten gespeist, "um zu sehen, wie man damit die Bewegung von Polizeifahrzeugen, Kriminalitätsmuster und Telefon-Untersuchungen analysieren" könnte.

Um Interesse an der Software muss sich Geotime-Hersteller Oculus keine Sorgen machen: Neben der größten Polizeibehörde des Vereinigten Königreichs überlegt derzeit auch das britische Verteidigungsministerium den Kauf von Geotime. Vorbild dürfte die US-Militärbehörde Darpa sein, die derzeit Geotime-Knowhow in ihrem "Gefechtsstand der Zukunft" erprobt.

Philippinen: Lebenslange Haft für schwedische Porno-Produzenten

Zwei schwedische Männer und ihre philippinische Komplizen wurden von einem Gericht in Manila wegen des Betriebs einer illegalen Porno-Webcam-Dienstes zu langjährigen Haftstrafen und hohen Geldbußen verurteilt: 20 Jahre Haft für die Komplizen, lebenslang für die Schweden. Laut der Nachrichtenagentur Reuters endete mit diesem Urteil der erste erfolgreiche Prozess gegen eine von Ausländern betriebene Porno-Firma in den Philippinen.

Pornografie ist in den Philippinen verboten; umso lukrativer ist deren Produktion. Laut den Ermittlungsbehörden hätten im aktuellen Fall die 18 angeheuerten Darstellerinnen für nur 350 Dollar im Monat arbeiten müssen; die Sex-Chats wurden mit ordentlich Gewinnspanne an ausländische Kunden verkauft.

Doch bei dem Urteil geht es um mehr: In den Philippinen grassiert der Menschenhandel mit notleidenden Frauen und Mädchen. Laut den philippinischen Behörden würden viele Mädchen "weit unter 18 Jahren" regelrecht an "Cybersex-Buden", wie sie auch die beiden Schweden betrieben, verkauft. Vor laufender Kamera würden die Mädchen dort als lebende Sex-Puppen im Webcam-Chat angeboten. Für die philippinische Frauen- und Kinderrechts-Aktivistin Lalae Garcia ist das Urteil deshalb ein Erfolg: "Das ist ein großer Sieg für missbrauchte und ausgebeutete Frauen."

Microsoft stoppt Aufzeichnung von Geräte-IDs mit Positionsdaten

Im Streit um die Aufzeichnung von Bewegungsdaten bei GPS- Smartphones hat Microsoft angekündigt, keine eindeutigen Gerätenummern mehr abzuspeichern. Bisher werden diese im Zusammenhang mit Diensten, die GPS-Daten verwenden, ausgegeben. Mit der nächsten Aktualisierung des Handy-Betriebssystems Windows Phone 7 soll die Übermittlung der Gerätenummer gänzlich eingestellt werden. Alle entsprechenden Aufzeichnungen habe man bereits gelöscht.

Microsofts Lösch- und Verzichtsankündigung soll wohl einer staatlichen Untersuchung dieser Speicherpraxis zuvorkommen. Das unterstreicht auch ein zugehöriger offener Brief an den US-Kongress (PDF-Datei, 426 Kb) und ein Eintrag im Firmenblog: Wir verpflichten uns zum Schutz der Kundendaten. Für "The Register" hat diese Aktion aber noch einen anderen Adressaten: Google, dessen Smartphone-Betriebssystem Android nämlich weiter fleißig Daten sammelt.

"New York Times": So wirkt sich die Bezahlschranke aus

Einen Monat, nachdem die "New York Times" die Bezahlschranke für ihr Online-Angebot herab gelassen hat, gibt es die ersten Zugriffszahlen. Demnach hat das Angebot im April Klicks eingebüßt. Der Statistikdienstleister ComScore hat den Anteil der Seitenaufrufe der auf nytimes.com an allen Seitenaufrufen von US-Nachrichtenseiten gemessen: Im März lag der Anteil bei 13 Prozent, im April waren es nur 10,6 Prozent.

Das deckt sich mit zuvor bekannt gewordenen Zahlen. Einzelne Besucher rufen weniger Artikel auf - denn weiterführende Links führen bei regelmäßiger Nutzung der Seite nun auf eine Zahlungsaufforderung. Bedeuten die Zahlen also einen Erfolg oder ein Scheitern des Bezahl-Experiments? Eine Antwort auf diese Frage sollte man wohl frühestens in einem Jahr erwarten, wenn bekannt ist, wie sich die Veränderung auf die Einnahmen auswirkt.

Online-Piraterie: Per Computerspiel gegen Somalias Seeräuber

Das US-Militär wagt (mal wieder) einen Crowdsourcing-Versuch: In einem neuen Online-Computerspiel sollen Spieler Ideen zur Lösung des Piraterie-Problems vor der Küste Somalias erarbeiten. Der Start des "Massive Multiplayer Online War Game Leveraging the Internet" ( "MMOWGLI") soll kurz bevorstehen. Doch es geht weit weniger zur Sache als bei kommerziellen Titeln wie "World of Warcraft". Der Spieler wird mittels Text und Video in die Piraterie-Problematik eingeführt, dann muss er eine Lösung finden. Andere Spieler bewerten die ausgearbeitete Strategie anschließend. Aus den Ergebnisse will das US-Militär Handlungsoptionen für seine Einsätze ableiten.

Eine Woche Russland gegen Ihr Facebook-Profil

Die Werbeeleven der Miami Ad School in Berlin haben eine lustige Idee für einen russischen Wodka-Hersteller entwickelt: Russisches Facebook-Roulette. Das Konzept des Spiels: Jeweils fünf Teilnehmer verwetten die Zugangsdaten für ihr Facebook-Konto, dann müssen sie virtuell an einer Revolvertrommel drehen, die nur eine einzige Patrone enthält. Mit ein wenig Glück drücken sie danach den Abzug und es passiert gar nichts.

Sollte ein Spieler aber die Patrone erwischen, kann er noch eine letzte Grußbotschaft abschicken - und verliert sein Facebook-Profil für immer. Umgesetzt wurde die Idee bislang nicht.

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Seite 1
Altesocke 12.05.2011
1. Wenn sie es mal so meinen wuerden!
---Zitat--- [BPornografie ist in den Philippinen verboten; ---Zitatende--- Lassen sie mich ueberlegen,....., das ist Prostitution dort auch. Ob die Polizei schon mal was von Angeles City gehoert hat? ---Zitat--- Doch bei dem Urteil geht es um mehr: In den Philippinen grassiert der Menschenhandel mit notleidenden Frauen und Mädchen. Laut den philippinischen Behörden würden viele Mädchen "weit unter 18 Jahren" regelrecht an "Cybersex-Buden", wie sie auch die beiden Schweden betrieben, verkauft. Vor laufender Kamera würden die Mädchen dort als lebende Sex-Puppen im Webcam-Chat angeboten. Für die philippinische Frauen- und Kinderrechts-Aktivistin Lalae Garcia ist das Urteil deshalb ein Erfolg: "Das ist ein großer Sieg für missbrauchte und ausgebeutete Frauen." ---Zitatende--- Naja, einer oeffentlich 'hingerichtet', nun kann das Geschaeft weiter Schmiergelder abwerfen!
ericstrip 12.05.2011
2. ...
Zitat von sysopDie Londoner Polizei kann mit Hilfe einer neuen Software detaillierte Bewegungsprofile erstellen. Außerdem im Überblick: Lebenslange Haft für schwedische Porno-Produzenten, US-Militär crowdsourct Piratenabwehr und Microsoft schlägt Google beim Datenschutz. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,762168,00.html
Wer öfters mal das Handy ausmacht, wird nicht nur weniger genervt, sondern auch weniger beobachtet, kann man hieraus wohl schlußfolgern.
discurso, 13.05.2011
3. Verbrechen werden instrumentalisiert um den Bürger zu überwachen
Dass mit Geotime aber nicht nur auf Verbrecher gejagt werden sollen, bestätigt der Metropolitan Police Service (Met) dem "Guardian". *So sei nicht ausgeschlossen, dass der Met die Software auch zur Untersuchung von Störungen der öffentlichen Ordnung einsetzen werde - etwa bei Demonstrationen. Für britische Bürgerrechtler ist das ein Alptraum: Sie fürchten _die Überwachung Unschuldiger_.* Hier liegt doch der Hase im Pfeffer. Orwell war ein Brite
discurso, 13.05.2011
4. Verbrechen werden instrumentalisiert um den Bürger zu überwachen
Dass mit Geotime aber nicht nur auf Verbrecher gejagt werden sollen, bestätigt der Metropolitan Police Service (Met) dem "Guardian". *So sei nicht ausgeschlossen, dass der Met die Software auch zur Untersuchung von Störungen der öffentlichen Ordnung einsetzen werde - etwa bei Demonstrationen. Für britische Bürgerrechtler ist das ein Alptraum: Sie fürchten _die Überwachung Unschuldiger_.* Hier liegt doch der Hase im Pfeffer. Orwell war ein Brite
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