Netzwelt-Ticker: Das Web spielt Schweinegrippe

Von Felix Knoke

Ein Online-Spiel zur Schweinegrippe wird binnen weniger Tage zum Web-Hit, die französische Regierung lässt erneut über Internet-Sperren gegen Tauschbörsen-Nutzer abstimmen, und Steve Jobs ist zu schwach zum Zanken. Das und mehr im Überblick.

Angst? Unruhe? Von wegen! Während die Welt sich fragt, wie es mit der Schweinegrippe weitergeht, ob womöglich eine Pandemie droht, bekämpfen zwei Spieleprogrammierer ihre Unsicherheit mit einem Spiel zur Krankheit. " Swinefighter" heißt das simple Browsergame, in dem man als Arzt mit einer Riesen-Spritze bewaffnet versuchen muss, so viele Schweine wie möglich binnen 20 Sekunden aufzupieksen - ein Spielprinzip, das nicht sonderlich lange zu fesseln vermag.

Trotzdem verbreitet sich die Kunde von der makaberen Virenschlacht schneller um den Globus, als es das Virus H1N1 jemals könnte. Vermutlich, weil die Programmierer des Spiels, Jude Gomila und Immad Akhund, auf der Web-Seite zum Spiel Empfehlungs-Buttons für Myspace, Facebook und Twitter eingebaut haben.

Für die enorme Popularität spricht auch, dass einem Zähler auf der Web-Seite zufolge mehr als 2,5 Millionen virtuelle Viren in dem Spiel vernichtet wurden. Am Mittwoch waren es laut " Venturebeat" noch 800.000. Wie viele der Online-Virentöter die Hinweise zum Schutz vor der Infektion gelesen haben, die schamhaft am Ende der Seite versteckt sind, lässt sich nicht in Erfahrung bringen. Viele werden es nicht gewesen sein.

Das Schweinegrippe-Virus
Der Erreger
Es handelt sich um ein Influenza-A-Virus mit der Bezeichnung H1N1, das sich von Mensch zu Mensch übertragen kann - vor allem durch Händeschütteln, Niesen und Husten. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat.
Die Symptome
Die Schweinegrippe bewirkt ähnliche Symptome wie eine normale Grippe: plötzliches Fieber, Muskelschmerzen, trockener Husten und ein trockener Hals. Allerdings sind der einhergehende Durchfall und die Übelkeit stärker ausgeprägt.
Die Gefahr
Neue Virenstämme können sich rasch ausbreiten, weil es keine natürliche Immunität gibt und es Monate dauert, bis ein aktueller Impfstoff entwickelt und produziert ist. Der neue Stamm des Schweinegrippe-Virus unterscheidet sich vom älteren H1N1-Virus, gegen das die aktuellen Grippeimpfstoffe schützen. Die gewöhnliche Grippe tötet jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken.
Antivirale Mittel
Nach derzeitigem Wissensstand bieten die Wirkstoffe Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza) Schutz gegen das Schweinegrippen-Virus. Diese Wirkstoffe behindern unspezifisch die Vermehrung von Influenza-A- und Influenza-B-Viren im Körper.
Wandlungsfähigkeit von Grippeviren
Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist zwar selten, aber extrem gefährlich. Meist springen dabei irgendwo in der Welt Viren von Vögeln oder Schweinen auf den Menschen über. Wenn sie in dessen Körperzellen auf andere, ältere Grippeviren treffen, kann sich die Erbinformationen vermischen und neue Erreger hervorbringen.

mak

Frankreich: Erneute Abstimmung über Internet-Sperre

In Frankreich geht die Diskussion um Internet-Sperren für Tauschbörsen-Nutzer weiter. Nach dem spektakulären Scheitern eines Gesetzesantrags in der französischen Nationalversammlung wagt die Regierung nun einen zweiten Anlauf, schreibt AP. Am Mittwoch legte sie den umstrittenen Vorschlag erneut der Nationalversammlung vor, prompt kam es zu Schreiereien zwischen den dem Gesetz abgeneigten Sozialisten und der Kultusministerin Christine Albanel, die den Vorschlag befürwortet.

Kommenden Dienstag soll erneut über das Gesetz abgestimmt werden. Sollte es diesmal Zustimmung finden, würde das die Einrichtung einer Behörde bedeuten, die Internet-Anbieter anweisen kann, Internet-Nutzern den Netzzugang zu sperren, wenn sie wiederholt gegen das Urheberrecht verstoßen haben.

Gesetz und Behörde werden von Bürgerrechtlern heftig kritisiert - auch auf EU-Ebene. Denn am Dienstag einigten sich laut Reuters der Rat der Europäischen Union und das EU-Parlament darauf, einen Passus in das noch zu verabschiedende Telekompaket aufzunehmen, das EU-Bürgern ein Recht auf Internet-Zugang sichert. Die Zugangssperren dürften dann nur vor einem unparteiischen, unabhängigen Tribunal entschieden werden. Diese Regelung könnte das Aus für die geplante französische Sperr-Behörde HADOPI bedeuten.

Dass die EU aber generell kein Feind von Internet-Blockaden ist, zeigt ein Vorschlag des EU-Ministerrats. Der will EU-Staaten im Kampf gegen Kinderpornografie dazu verpflichten, neben "einigen sinnvollen und unterstützenswerten Forderungen" auch Internet-Sperren einzuführen, so Kritiker Alvar Freude, der den "Vorschlag für einen Rahmenbeschluss des Rates zur Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs und der sexuellen Ausbeutung von Kindern sowie der Kinderpornografie" verlinkt (PDF-Datei, 118 KB).

Piraten-Partei könnte ins EU-Parlament einziehen

Internet-Downloads ohne Reue, kostenlose Musik und Filme für jedermann: Solche Forderungen sind populär, kommen bei vielen Internet-Nutzern gut an. Die schwedische Piratenpartei, die sich diese Forderungen auf die Fahne geschrieben hat, steht nun offenbar kurz vor dem Einzug ins Europaparlament.

Einer am Donnerstag von der Stockholmer Zeitung "Dagens Nyheter" veröffentlichten Umfrage des Synovate-Institutes zufolge wollen 5,1 Prozent der Befragten für die Piraten stimmen. Die ungewöhnliche Partei kandidiert am 7. Juni erstmals für das Europaparlament und würde mit diesem Ergebnis einen Parlamentsplatz für ihren Spitzenkandidaten Christian Engström erringen.

Die 2006 gegründete Piratenpartei will sich im Fall eines Wahlerfolgs im EU-Parlament ausschließlich für "eigene Fragen" einsetzen, kündigte Spitzenkandidat Engström nach Veröffentlichung des Umfrageergebnisses im Rundfunk an. Dazu zählte er "ein reformiertes Urheberrecht" und die "Demokratisierung der EU".

Zu allen anderen politischen Streitfragen wolle man überhaupt nicht Stellung beziehen.

mak/dpa

US-Expertengremium: Cyberwar-Gesetze sind mangelhaft

Im Falle eines Cyberkrieges stünden die Vereinigten Staaten schlecht da, glaubt ein Expertengremium aus Wissenschaftlern und Politberatern. "Die aktuelle Regularien und gesetzlichen Vorgaben, wie die USA im Fall einer Cyberattacke reagieren sollen, sind schlecht formuliert, unterentwickelt und ausgesprochen unklar", kritisiert der Bericht, der von der National Academy of Sciences veröffentlicht wurde, laut "The Register". Es müssten endlich Gesetze her, die regeln, wann und wie das US-Militär offensive und defensive Cybermaßnahmen ergreifen soll (PDF-Datei, 174 KB).

Die Diskussion um die Cyber-Sicherheit der Vereinigten Staaten ist in den vergangenen Wochen neu entbrannt, die US-Geheimdienste lieferten sich in den vergangenen Tagen einen Wettstreit um die "Cybersecurity". Die Obama-Administration ordnet die Machtverhältnisse bei der Überwachung der Netze neu - und will die USA im drohenden Cyberwar defensiv wie offensiv stärken: Mit mehr Geld, klareren Strukturen und mehr Autorität für die Netz-Wächter. Dafür sollen auch Hacker angeheuert werden, zum Beispiel um Pannen wie den - angeblichen - Daten-Einbruch von Hackern in ein geheimes Pentagon-Projekt zu verhindern.

Bis jetzt aber, so das Expertengremium, verstehe man viele Cyberkrieg-Facetten kaum: Die Anonymität der Angreifer sei ebenso ein Problem wie die schwer einschätzbaren Folgen eines Angriffs. "Erfolg und Kollateralschäden sind kaum vorherzusagen."

Windows 7: Microsoft stoppt AutoPlay

Wenn Windows mal wieder tut, was es will, ist die Computernutzerschaft entzweit. Ist das AutoPlay-Feature, das Programme beim Einlegen einer CD oder beim Anschließen eines USB-Sticks eigenhändig startet, Fluch oder Segen? Microsoft hat sich für Fluch entschieden - wegen Sicherheitsbedenken. Das neue Betriebssystem Windows 7 soll aber besser vor Viren und anderen digitalen Übeltätern geschützt sein. Dazu gehöre auch, dass es wählerischer wird bei dem, was es automatisch zu tun bereit ist: Künftig werde AutoPlay für alle Medien deaktiviert, die nicht "optische Medien (CD/DVD)" sind. Das "Security Research and Defense"-Blog kennt die Details.

Schlechte Nachricht von Steve Jobs

Eine Frage, die Apple-Fans bewegt, ist die Gesundheit von Apple-Leuchtfigur Steve Jobs. Was also hat es mit der Nachricht von Jobs Anwalt auf sich, mit der er den Computermeister vor dem Rat der Stadt Woodside Town entschuldigt? Steve Jobs sei nicht in der Lage, persönlich zu erscheinen, um über die Erlaubnis zum Abriss einer historischen Villa zu streiten. "Ich glaube nicht, dass er genug Kraft hätte, mit uns hier bis ein Uhr morgens zu sitzen."

Mercurynews.com weiß alles über den Häuserstreit, aber nicht viel mehr über Jobs' Gesundheit.

US-Zensus mit Schrott-Phone

Es gehört viel dazu, ein so hässliches und unfunktionables Smartphone wie das "Harris HTC" zu entwerfen, mit dem US-Volkszähler auf Bürgersuche gehen müssen. Ethan Zuckerman bekam so eines in die Hand - und erzählt nun so lustig wie frustig über die vermutliche Entstehungsgeschichte, die seltsamen Hintergründe und die absurden Usability-Probleme des hässlichsten Smartphones der Welt.

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