Netzwelt-Ticker: Du bist Terrorist

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Böse Realsatire: Ein Designstudent nimmt die "Du bist Deutschland"-Kampagne auf die Schippe - und erklärt uns, warum das Land von 82 Millionen potentiellen Terroristen bevölkert wird. Außerdem: Google Mail übersetzt jetzt auch, der Handy-Absatz sinkt, SP2 für Vista kommt und mehr.

Alexander Lehmann studiert Design und experimentiert dabei fleißig mit Web-Videos aus Film und Pixeln: Wie sich das für einen jungen Kreativen gehört, publiziert er dabei quer über diverse Plattformen vom Blog bis zur Videoseite Vimeo. Dort veröffentlichte er am 13. Mai ein Video, das zu seinem erfolgreichsten werden dürfte: " Du bist Terrorist".

Der Film ist ein Lehrstück, ein Fazit zu all den Einschränkungen der Privatsphäre, die uns der Gesetzgeber in den vergangenen Jahren - natürlich stets wohlbegründet - zugemutet hat.

Lehmanns Film bringt die Sache knapp und vollständig auf den Punkt und zeigt einmal mehr, dass nichts so sehr beißt wie die Realsatire: Zusammengenommen stellen sich all die Schutzmaßnahmen für den Bürger als höchst bedrohlich dar. Denn man kann - frei nach der Social-Marketing-Kampagne "Du bist Deutschland!" - natürlich all die Gesetze und Initiativen als Äußerungen des Staates begreifen, mit denen er sein Bild vom Bürger beschreibt.

"Du bist Terrorist", fasst Lehmann das alles zusammen - einer von 82 Millionen überwachungswürdigen Verdächtigen. Sehenswert ist das - und das finden immer mehr Netz-Nutzer: In den ersten fünf Tagen hatte das Video in seiner deutschen Version genau neun Zuschauer, am sechsten Tag dann 59.000.

Neue Übersetzungsfunktion in Google Mail

"Gute Nachrichten für Menschen, die nicht sprechen Fremdsprachen: Google Mail jetzt auch übersetzt. Außerdem ist die Suche Riese ein Tool zur Übersetzung Funktionen in ihren eigenen Web-Sites an."

Diesen Text haben wir - muss man das erwähnen? - natürlich mit der angekündigten Übersetzungsfunktion von Google übersetzt. Man sieht: Was dabei herauskommt, ist nicht unbedingt korrekt, aber mehr oder minder verständlich. Das ist schon eine ganze Menge.

Auch Nutzern von Google Mail steht ab sofort eine Übersetzungsfunktion zur Verfügung. Damit können sie E-Mails mit je einem Klick in 41 Sprachen übertragen. Die Technik hinter dem Übersetzungs-Tool nutzt das Unternehmen schon beim Dienst Translate. Dennoch handle es sich hier um eine zunächst "versuchsweise implementierte Funktion".

Handy-Absatz bricht ein

Die Telekommunikationsunternehmen mussten es in den vergangenen Monaten bereits feststellen: Telefoniert wird durchaus nicht immer. Wenn das Geld knapp wird, halten sich sogar Quasselstrippen zurück - und das gilt natürlich auch für den Handy-Markt.

Vor allem der Austausch von Handys und der Wechsel der Nutzer zu neuen Modellen läuft derzeit deutlich gebremst. Die Verbraucher besinnen sich in der Wirtschaftskrise offenbar darauf, dass es keine Notwendigkeit, sondern ein Luxus ist, ständig ein neues Handy in der Tasche zu haben. Im ersten Quartal fielen die weltweiten Verkäufe von Mobiltelefonen im Jahresvergleich um 9,4 Prozent auf nur noch 269,1 Millionen Geräte, wie das Marktforschungsinstitut Gartner mitteilt.

"Es war das erste Mal, dass der Markt im ersten Quartal verglichen zum Vorjahr geschrumpft ist", sagt Gartner-Analystin Carolina Milanesi. Händler versuchten demnach, Lagerbestände abzubauen, statt bei den Herstellern neue Geräte zu kaufen. Der Bestand bei den Händlern sei deshalb um rund 25 Millionen Handys gefallen. Im Zeitraum von April bis Juni würden die Bestände wahrscheinlich wieder aufgefüllt, allerdings in geringerem Maße.

Insgesamt soll der Verkauf in diesem Jahr weltweit um vier Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurückgehen. Angesichts der geringeren Nachfrage würden die Hersteller ihre Produktion voraussichtlich um zehn Prozent drosseln. Es gebe allerdings Anzeichen für eine Erholung zum Beispiel in Nordamerika und China.

Verlierer der Krise ist dabei offenbar Marktführer Nokia, der Marktanteile einbüßte: Von den Finnen kamen zuletzt noch 36,2 Prozent der verkauften Handys nach 39,1 Prozent vor einem Jahr. Auf dem zweiten Rang konnte Samsung demnach den Marktanteil auf 19,1 Prozent ausbauen nach 14,4 Prozent vor einem Jahr. Gewinner sind Hersteller sogenannter Smartphones, deren Verkauf im letzten Quartal um 12,7 Prozent stieg.

Sehr schnell reagierte der Elektronikkonzern Toshiba auf den Nachfrageeinbruch: Die Firma stellt die Herstellung von Mobiltelefonen in Japan ein. Der sechstgrößte Handy-Hersteller des Landes verlagert die verbleibende Produktion nach Angaben vom Mittwoch ab Oktober ins Ausland, um Kosten zu sparen: Gefertigt werden sollen die Toshiba-Smartphones künftig in China. Im abgelaufenen Geschäftsjahr verkaufte Toshiba 50 Prozent weniger Handys. Die Japaner haben in dieser Zeit insgesamt rund ein Drittel weniger Mobiltelefone gekauft.

Auf das Elend anderer wettet man nicht

Wer in Australien die steigenden Arbeitslosenzahlen korrekt voraussagt, kann Geld verdienen. Das größte australische Internet-Wettbüro Centrebet bietet solche Wetten an und hat am Mittwoch Ärger dafür bekommen. "Wetten anzubieten und Geld aus dem Leid anderer zu machen - geschmackloser geht es wohl nicht", sagte der Finanzminister des Bundesstaates Queensland, Andrew Fraser. "Die Leute von Centrebet sollten sich das noch mal überlegen und einsehen, dass es inakzeptabel ist." Der Sprecher der Firma sagte, die Wetten seien zwar heikel, aber eine willkommene Alternative zu Sportwetten.

Das Unternehmen war vor ein paar Wochen schon einmal in die Kritik geraten. Damals hatte es Wetten darauf angeboten, ob die australische Wirtschaft zwei Quartale hintereinander schrumpft. In der vermeintlichen Anonymität des Internets zeigen sich Zocker gern einmal von ihrer kalkulierenden, aber völlig gefühlskalten Seite: Wetten auf Serienmorde, Naturkatastrophen und Opferzahlen in Konflikten gehören auf diversen Online-Wettseiten zum Alltag.

Microsoft bringt Service Pack 2 für Vista

Das von Microsoft angekündigte Service Pack 2 macht dem oft als lahm kritisierten Windows Vista Beine: PCs mit dem Betriebssystem laufen nach Installation des Pakets schneller und sind damit besser zu bedienen. Das berichtet die in Hannover erscheinende Zeitschrift "c't". Experten des Blattes haben das aus insgesamt fast 700 Sicherheits-Updates und "Hotfixes" gegen Fehler und Abstürze bestehende Service Pack 2 unter die Lupe genommen. Noch im Lauf dieses Quartals soll es verfügbar sein.

Sicherer wird Vista durch das Paket dagegen nicht - zumindest, wenn der Nutzer durchgängig die automatische Update-Funktion genutzt und dadurch sämtliche Sicherheits-Aktualisierungen erhalten hat. Wer sich einen unnötig großen Download sparen will, holt sich auch das Service Pack 2 über das automatische Update auf den Rechner. Dann werden nur jene Komponenten installiert, die bisher gefehlt haben.

Papst ruft Katholiken zum Bekenntnis im Web auf

Die Katholiken sollen nach dem Willen von Papst Benedikt XVI. auch im Internet für ihren Glauben werben. Bei seiner Generalaudienz am Mittwoch in Rom forderte der Papst vor allem Jugendliche auf, ihren Glauben "in der digitalen Welt" zu bezeugen.

Das versucht der Vatikan selbst auch seit Jahren, seit kurzem auch mit einem eigenen YouTube-Kanal, der allerdings weitgehend unbemerkt und erfolglos vor sich hin plätschert. Das Kirchenoberhaupt rief die Nutzer der modernen Kommunikationsmedien auf, diese "auf eine positive Art" zu gebrauchen und "das große Potential" der neuen Technologien bei der Schaffung von Freundschaft und Solidarität für eine bessere Welt auszuschöpfen. Gleichzeitig warb der Papst für eine "Kultur des Respekts". Werte wie Wahrheit und Verständnis müssten sich auch im Internet entfalten können, sagte Benedikt XVI. anlässlich des Welttages der Medien, den die Kirche am Sonntag begeht.

mit AP/AFP/ddp/dpa/rtr

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