Netzwelt-Ticker: EU will Internet-Radiergummi als Gesetz

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Mit einem Gesetzespaket will EU-Kommissarin Viviane Reding für mehr Datenschutz in sozialen Netzwerken sorgen - dazu gehört auch ein Internet-Radiergummi. Außerdem im Überblick: Blogger filmt heimlich einen Kurzfilm in Nordkorea, Skimming funktioniert trotz EMV-Chip, und Visa attackiert Paypal.

Radiergummi: Unerwünschte Informationen über sich selbst aus dem Netz tilgen? Zur Großansicht
DPA

Radiergummi: Unerwünschte Informationen über sich selbst aus dem Netz tilgen?

Die deutsche Justizministerin kann die Firmen wie Facebook beim Datenschutz nicht regulieren? Kein Problem, das übernimmt jetzt ihre EU-Kollegin Viviane Reding. "The Guardian" war dabei, als die EU-Justizkommissarin dem Europäischen Parlament erklärte, dass jeder Europäer ein Recht darauf habe, vergessen zu werden. Bis zum Sommer werde sie gleich ein Bündel an Gesetzesvorlagen zur juristischen Umsetzung eines "Internet-Radiergummis" einbringen, mit dem Surfer unerwünschte Informationen über sich aus dem Netz tilgen können. Die neuen Gesetze würden soziale Netzwerke, die in der EU agieren, zu strikteren Datenschutz-Voreinstellungen zwingen und Internetsurfern mehr Kontrolle über die von ihnen und über sie gespeicherten Daten geben.

"Ich will eindeutig festhalten, dass Menschen das Recht - nicht nur die Möglichkeit - haben, ihr Einverständnis zur Verarbeitung ihrer Daten zurückzuziehen", erklärte Reding in Straßburg: "Die Beweislast sollte bei den Kontrolleuren liegen - diejenigen, die ihre Daten verarbeiten. Sie müssen beweisen, dass sie diese Daten speichern müssen, anstatt dass Individuen nachweisen müssen, dass das Sammeln ihrer Daten unnötig ist."

Das von Reding vorgestellte Gesetzesbündel würde nationale Datenschützer ermächtigen, Internetfirmen, die in der EU tätig sind, zu inspizieren und bei möglichen Verstößen auch anzuklagen.

Visa konkurriert mit Paypal

Das Kreditkartenunternehmen Visa geht auf Kollisionskurs mit dem Internetbezahldienst Paypal. Schon in der zweiten Jahreshälfte 2011 sollen die ersten US-Visa-Kunden per Kreditkartennummer, Telefonnummer oder E-Mail-Adresse Direktüberweisungen an andere Visa-Kunden tätigen können. Bisher geht das in den Vereinigten Staaten nur über einen Zwischenschritt - im Internet ist das vor allem Paypal, dessen großer Vorteil ist, Kunden vieler verschiedener Finanzinstitute miteinander verknüpfen zu können; das Visa-Angebot ermöglicht nur Überweisungen an andere Visa-Kunden. In Deutschland sieht die Situation derzeit ganz ähnlich aus: Direktzahlungen von Visa-Kunden an Visa-Kunden seien zunächst nur über die mobile Bezahlplattform von Visa möglich, erklärte das Unternehmen auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Über ein "persönliches Bezahlsystem" nach amerikanischem Vorbild denke man nach.

Paypal wollte die Pressemitteilung zum Finanzangriff nicht kommentieren, dem "Wall Street Journal" aber erklärte die Paypal-Mutterfirma Ebay sinngemäß: Als Spitzenreiter seit zwölf Jahren werde man auch zukünftig der Konkurrenz weit voraus sein. Paypal hat nach eigenen Angeboten derzeit 224 Millionen Kundenkonten weltweit.

Sicherheitsexperten demonstrieren Chipkarten-Skimming

EMV-Chips (siehe Infokasten) helfen gegen Geldkarten-Skimmer? Pustekuchen. Vier Sicherheitsforscher haben auf der CanSecWest-Sicherheitskonferenz in Kanada demonstriert, wie Skimming, also das Ausspähen von Geldkartendaten, auch bei Geldkarten mit EMV-Sicherheitschip funktioniert. Dazu versteckten Andrea Barisani und Daniele Bianco von InversePath und Adam Laurie und Zac Franken von Aperturelabs eine dünne Leiterplatte im Kartenschlitz, die sich in die Kommunikation zwischen Geldkarte und Geldautomaten einklinkt und sie so manipuliert, dass die Karte die PIN als Klartext an den Automaten überträgt und diese so von der Platine mitgelesen werden kann (PDF-Datei, zwei MB). Zwar ist der Missbrauch dieser PIN durch andere Sicherheitsmerkmale erschwert (im Grunde müsste ein Angreifer auch die belauschte Geldkarten klauen), dafür könnten die abgegriffenen Daten etwa zur Authentifizierung auf Websites missbraucht werden. Der Angriff aber zeigt noch ein ganz anderes Problem auf: Den Liablity Shift, die Verschiebung der Verantwortung von der Bank oder dem Geldkartendienstleister hin zum Kunden. Denn das EMV-Prinzip gilt als "sicher", im Schadensfall obliegt dem Kunden damit die Beweislast, Opfer eines Datendiebstahls geworden zu sein.

Mehr zum Thema Skimming, zu den neusten Entwicklungen und zur Rechtssprechung hat der "Cyberfahnder" Dieter Kochheim in seinem sehr interessanten Arbeitspapier zusammengetragen.

Blogger filmt heimlich Alltag in Nordkorea

Mit einer stark modifizierten Spiegelreflexkamera gelang es dem britischen Nordkorea-Reisenden Steve Gong, einen Kurzfilm über den Alltag im Diktatorenstaat zu drehen. In "Pyongyang Style" stellt Gong einen Termin bei einer heiteren Friseurin dem teils grauen, teils bunten Alltag in Nordkorea gegenüber. Um unbehelligt filmen zu können, verkleidete Gong seine Kamera als älteres Modell ohne Autofokusfunktion, das verräterische Display verdeckte er mit Klebeband. Meist filmte Gong heimlich aus "Bauch-Perspektive" mit der umgehängten, augenscheinlich inaktiven Kamera. Mit Erfolg: Gong wurden keine Speicherkarten konfisziert.

Pyongyang Style from Steve Gong on Vimeo.

Das Video ist Teil des Onedayonearth-Projekts, für das Filmemacher jeweils den 10. Oktober 2010 in jedem Land der Welt in einem Kurzfilm zusammenfassen wollten. Bis jetzt sind Hunderte Videos aus aller Welt eingegangen, darunter Dutzende aus Deutschland - und außer Gongs nur zwei weitere aus Nordkorea.

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insgesamt 10 Beiträge
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1. Paypal.... pah
myoto 17.03.2011
Wer das noch nutzt hat doch selber Schuld. Zu teuer und dann noch Hilfspolizei spielen (wie im Beispiel bei Wikileaks). Ich nutze Paypal und Ebay schon lange nicht mehr und bin froh drüber. Leider sind die Grauzonen-Firmen immer noch zu bekannt und zu beliebt. Aber nun ja, jede(r) bekommt was er/sie verdient.
2. \_/
Kaworu 17.03.2011
Warum wird mir immer übel, wenn ich an EU und Gesetze denke? Und Datenschutz, die sollen erstmal das Chaos mit SWIFT in den Griff bekommen.
3. Der alte Schlendrian der EU mal wieder.
simone20100 17.03.2011
Wer mit irgendwas Löschenswerten im Internet steht, möchte ganz bestimmt, dass es gelöscht wird. Ebenso die Beiträge die im polizeilichen Fürungszeugnis stehen und in Flensburg. Wer mal einen Blick in die Roulettesystemdealerszene wirft wird erkennen, warum es einigen Leuten verdammt wichtig ist, vergessen zu werden. Ansonsten ist mir nicht klar, wie etwas auf Servern die ausserhalb der EU stehen, gelöscht werden kann. Und das ist schon heute Realität, bei eingen Blogs oder Foren. Bevor man sochen Unsinn angeht, bitte ich erstmal Richtlinien für den Betrieb von Kernkraftwerken zu beschließen.
4. Datenschutz
Bernd_1961 17.03.2011
- oder nicht doch eher Zensur?
5. Internet-Radiergummi
mb: 17.03.2011
Das Wort klingt schon so, als hätten die betreffenden Personen keine Ahnung worüber sie reden. Und überhaupt: "Das von Reding vorgestellte Gesetzesbündel würde nationale Datenschützer ermächtigen, Internetfirmen, die in der EU tätig sind..." bedeutet also keine Handhabung gegen Facebook, Google etc. Theoretisch wäre das ein Wettbewerbsnachteil gegenüber Nicht-EU-Internetfirmen, praktisch lagert man die Server nach Russland und den Geschäftssitz auf die Cayman-Inseln aus. Und was ist mit der Weitergabe von Informationen bei "Gewinnspielen" oder der Meldeämter? Besonders bei Letzteren habe ich (gefühlt) weniger Einfluss, welche Daten herausgegeben werden, als bei Facebook.
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Zum Autor
Felix Knoke schreibt von Berlin aus über elektronische Lebensaspekte und versucht sich vergeblich als Hitproduzent in seinem Wohnzimmerstudio.

EMV-Chips
Wofür steht EMV?
Geldkarten mit EMV-Technologie haben einen Prozessorchip. Die Abkürzung EMV setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der drei Gesellschaften zusammen, die den internationalen Standard für Karten und Geräte wie Geldautomaten entwickelt haben: Europay International (heute MasterCard Europe), MasterCard und Visa.
dpa
Wozu dienen die Chips?
Der Chip ist eine Art Mini-Computer und soll gespeicherte Daten besser gegen Missbrauch schützen als der herkömmliche Magnetstreifen. Die Technologie soll das Kopieren und Fälschen von Geldkarten eindämmen. Der Datensatz wird sicher verschlüsselt, die Karte bei Gebrauch auf Echtheit geprüft. Außerdem ist eine PIN nötig. Durch seine Rechenleistung bietet der Chip die Möglichkeit für Zusatzfunktionen. Der EMV-Standard soll die Magnetstreifen- Technologie ablösen. Nach Angaben des Unternehmens EMVCo, das die Technologie entwickelt, waren 2008 weltweit mehr als 730 Millionen Geldkarten mit dem EMV-Standard ausgestattet.
dpa

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