Netzwelt-Ticker Filesharer drohen 4,5 Millionen Dollar Strafe wegen 30 Liedern

Entwarnung: "Die 4chan-Blockade war nur ein Versehen", sagen US-Provider AT&T und 4chan-Gründer moot. Außerdem: Amerika hat einen zweiten Filesharing-Prozess, Konzepte für Microsoft-Shop geleakt und Kindle-Streit um Orwell-Löschung geht weiter. Das und mehr im Überblick.


Amerika hat einen zweiten, spektakulären Filesharing-Prozess: Nur fünf Wochen, nachdem ein US-Gericht eine Frau zu 1,9 Millionen Dollar Schadensersatz für das Herunterladen und Anbieten von 24 Musikstücken bei der Musiktauschplattform KaZaA verdonnert hat, steht jetzt ein weiterer Filesharer vor Gericht.

Kampagnenseite zum Prozess: "Joel wehrt sich"

Kampagnenseite zum Prozess: "Joel wehrt sich"

Dem Angeklagten Joel Tenenbaum wird vorgeworfen, 30 Songs bei KaZaA getauscht zu haben - was dieser auch unumwunden zugibt. Für den 25-Jährigen steht jedoch zur Debatte, ob das wirklich unrechtens ist. Das ändert allerdings nichts daran, dass er sich nun mit Schadensersatzforderungen bis zu 4,5 Millionen Dollar konfrontiert sieht.

Zusammen mit seinem Verteidigerteam um Staranwalt Charles Nesson versucht er nun, die Anklage im Kern zu dekonstruieren. Da fühlte sich letztlich sogar die US-Justizbehörde bemüßigt, sich in den Fall einzumischen.

Noch vor dem ersten Verhandlungstag mussten die Verteidiger allerdings eine schwere Schlappe hinnehmen: Tenenbaum darf sich nicht auf "Fair Use", also die angemessene Benutzung von geschütztem Material, berufen. Diese Verteidigungslinie wäre "so umfassend, sie würde allen Urheberschutz glatt schlucken", wie die Richterin im gestern eröffneten Prozess befand. Ars Technica veröffentlicht das ganze Richter-Statement.

Das Tenenbaum-Verfahren ist wichtig: Nach dem Jammie-Rasset-Fall ist dies erst das zweite Filesharing-Verfahren in den Vereinigten Staaten, das es vor ein Jurygericht brachte. Vom Ausgang hängt ab, wie zukünftig gegen Filesharer vorgegangen werden kann. Ein Industrie-freundliches Urteil würde einen Dammbruch für Filesharing-Klagen bedeuten, ein Filesharer-freundliches Urteil unabsehbare Folgen haben.

Eine wichtige Rolle spielen dabei auch die Juroren: Als am ersten Verhandlungstag die Jury ausgewählt wurde, versagte Richterin Gertner wohl einem halben Dutzend von potenziellen Juroren den Zutritt, da sie sich als gelegentliche Filesharer zu erkennen gaben. "Damit hat sie eine ganze Generation [aus der Jury] ausgeschlossen," lamentierte Verteidiger Nesson in einem Interview.

Zensurvorwürfe: 4chan-Gründer Moot spricht von Versehen

Groß war die Aufregung, als Kunden des US-Providers AT&T plötzlich nicht mehr auf die höchst umstrittenen, höchst aufsehenerregenden Chaosseiten des 4chan-Imageboards zugreifen konnten. Zensur, riefen einige! Gründe dafür hätte es genug gegeben…

Doch nun haben sich sowohl AT&T und 4chan-Gründer Moot zu den Zensurvorwürfen geäußert. AT&T spricht von einem Denial-Of-Service-Angriff, der offenbar von 4chan-Servern ausging, weswegen man deren Verbindung kappte - seit Montag sind die Server aber wieder angeschlossen. Moot kann das bestätigen: "Drei Wochen lang war 4chan unter ständigem DDoS-Beschuss."

Man habe mit technischen Tricks versucht, die Angriffe abzulenken, dabei aber nicht bedacht, dass dadurch "einige Internetnutzer fehlerhaften Datenverkehr von unseren Netzwerkrechnern abbekamen". Eine Handvoll davon waren AT&T-Kunden.

Dass AT&T 4chan blockierte, sei also fast schon verständlich, schon gar kein "sinistrer Akt von Zensur", sondern vielmehr ein Fehler gewesen. "Wer auch immer den Schalter umlegte, hat die Konsequenzen wahrscheinlich weder vorhergesehen noch gewollt", schreibt Moot. Vermutlich war dies das erste und letzte Mal, dass 4chan und ein Internetprovider einer Meinung waren.

BSI mit neuem Chef

Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) bekommt einen neuen Präsidenten. Der bisherige Vizechef Michael Hange übernimmt im Herbst die Leitung der Behörde, wie das Bundesinnenministerium am Dienstag in Berlin mitteilte. Hange sei ein ausgewiesener Fachmann in allen Fragen der IT-Sicherheit.

"Er verfügt über vielfältige Erfahrungen in der internationalen Zusammenarbeit und ist gut vernetzt im IT-Sicherheitsumfeld", erklärte das Ministerium. Der bisherige Präsident Udo Helmbrecht übernimmt am 16. Oktober die Leitung der europäischen Behörde für Sicherheit in der Informationstechnik.
AP

Der Microsoft-Shop

Als Microsoft ankündigte, noch diesen Herbst "direkt neben Apple Stores" eigene Computerläden aufzumachen, war das eine kleine Sensation: Das Gadget-Blog Gizmodo schrieb damals: "Microsoft geht Apple an die Kehle."

Jetzt hat Gizmodo neues Futter zugespielt bekommen: 54 Seiten einer 140-seitigen Powerpoint-Präsentation, aus denen hervorgehen soll, wie Microsofts Läden aussehen werden. Die Shop-Konzepte hat sich die New Yorker Firma Lippicott erdacht.

Gizmodo schaute sich die Slides an: "Im Grunde nimmt sich Microsoft die besten Elemente des Apple Store, Sony Style und anderen Flagship Stores. Der Fokus liegt auf Windows 7, Xbox, PCTV, Surface und Windows Mobile." Als Durchschnittskunden schwebe Microsoft "eine jüngere Version Deiner Mutter" vor.

Microsoft hat sich ob so viel Liebelei nicht bitten lassen und die Gerüchte in einem offiziellen Statement klargestellt: Das seien alles nur Konzepte, noch gebe es keine Entscheidung, wie der Microsoft-Shop aussehen soll. Klar sei nur: Eröffnung ist diesen Herbst.

Amazons Kindle-Fernlöschung: Streit geht weiter

Obwohl sich Amazon-Chef Bezos persönlich bei Kindle-Kunden für die Orwell-Löschaktion entschuldigte - "Wir waren dumm und gedankenlos" -, geht der Streit um die Fernlöschung von E-Büchern auf Amazons Lesegerät Kindle weiter.

Die "New York Times" berichtet von "einer zunehmenden Zahl von Bürgerrechtlern und Verbraucherschützern, die von Amazon verlangen, die Verkaufsmethoden zu ändern". Damit solle verhindert werden, dass Richter im Falle einer Verleumdungsklage und Regierungen aus politischen Gründen, E-Bücher wieder zurückziehen lassen könnten.

"So lange Amazon die Kontrolle über dieses Gerät hat, wird Amazon die Möglichkeit haben, Bücher auch wieder entfernen zu lassen. Und das bedeutet, dass sie immer in Versuchung sein werden, das auszunutzen - oder sie werden dazu gezwungen", meint Holmey Wilson von der Free Software Foundation.

Web-Werbung: Echter Webmaster wird zu Viralspot

Webmaster4You: Jetzt echt viral

Webmaster4You: Jetzt echt viral

Roland Suckow ist berühmt - zumindest ein bisschen. Als "Webmaster4You" wirbt der über 70 Jahre Allgäuer für seine Dienste als Webseiten-Gestalter. Ein Video, in dem Suckow vor einer Erdkugel sitzend ein fingiertes Telefongespräch mit einem vermeintlichen potentiellen Kunden führt ist, in Verbindung mit dem, sagen wir mal, überbordenden Web-Design seiner Seite so drollig, dass die URL "Webmaster4you" schon seit Monaten in Webdesign-Blogs, auf Twitter und anderswo kursiert. Vor allem Webdesign-Profis finden den Mann ausgesprochen lustig.

Theodossios Theodoridis, PR-Berater des Webseiten-Baukastens Jimdo.com traute seinen Augen nicht, als er die Seite zum ersten mal sah: "Ich dachte, dass ein Mitbewerber dahintersteckt." Er hatte die Seite für eine Viralkampagne gehalten - ein Anruf bei Suckow belehrte ihn aber eines besseren.

Der Mann ist echt, wirklich über 70, in Rente, und gestaltet in seiner Freizeit Web-Seiten. Theodoridis machte Suckow ein Angebot - und jetzt ist der Webmaster4You auch viraler Werbeträger. In einer neuen Version des Start-Videos lobt der Flash-Fan Suckow am Ende Jimdo als Alternative zu seinen eigenen Diensten. In seinen eigenen Worten, versichert Theodoridis. Suckow, der auch als Laienschauspieler in Shakespeare-Inszenierungen auftritt, habe das ganze selbst erdacht und aufgenommen.

Viralwerbung mal anders.

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