Netzwelt-Ticker: Gericht bremst Massen-Abmahnungen

Von Felix Knoke

Das Landgericht Köln schiebt Massenabmahnungen einen Riegel vor und verlangt pro IP-Adressauskunft 200 Euro - von den Rechteinhabern. Außerdem: Die "New York Times" vernetzt ihre Leser und das FBI durchsuchte die Wohnung des mutmaßlichen Palin-Hackers.

Filesharing: 200 Euro pro IP-Adresse, Riesenpleite für Rechteinhaber

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Das von Rechteinhabern als großer Sieg gefeierte Urteil des Landgerichts Köln, wonach schon gewerblich handelt, wer nur ein Album in einer Tauschbörse anbietet, stellt sich für Filesharing-Anwalt Christian Solmecke "als Pyrrhussieg heraus." Der letzte Woche veröffentlichte Beschluss des LG Köln birgt Sprengstoff: In ihm veranschlagt das Gericht 200 Euro Gerichtskosten pro Auskunft, wer der Anschlussinhaber hinter einer bestimmten IP-Adresse ist. Das könnte das Ende der Massenabmahnungen der Rechteinhaber bedeuten.

Hintergrund: Nur drei Tage, nachdem das neue Gesetz zum Schutz geistigen Eigentums in Kraft getreten ist, hat die DigiProtect Gesellschaft zum Schutze digitaler Medien mbH zusammen mit der Kanzlei Kornmeier vor den Landgerichten Köln und Düsseldorf vom neuen Auskunftsanspruch Gebrauch gemacht. Der Auskunftsanspruch ermöglicht es Rechteinhabern, die Anschlussdaten hinter einer IP-Adresse direkt vom Internetanbieter zu erfahren, um dann zivilrechtlich gegen einen vermutlichen Filesharer vorgehen zu können.

Einziger Haken: Für die Erteilung des Auskunftsanspruchs muss ein Gericht gefragt werden, das dafür 200 Euro verlangt – ob pro IP-Adresse oder möglicherweise pro Tabelle mit Tausenden IP-Adressen, das war bislang ungewiss. Sollten die Gerichte 200 Euro pro IP-Adresse veranschlagen, platzt für die Rechteinhaber das Geschäft mit Massenabmahnungen.

Wer 1000 IP-Adressen abfragen will, rechnet Solmecke in seinem Kanzleiblog vor, muss 200.000 Euro vorschießen, von denen er wahrscheinlich nicht viel wieder sehen wird: Nicht jede Anfrage beim Internetanbieter wird erfolgreich sein, nur in seltenen Fällen dürften die Anschlussinhaber auch die Rechteverletzter sein. Nur die jedoch müssten für die Gerichtskosten aufkommen. Der Beschluss des LG Köln, 200 Euro pro IP-Adresse zu verlangen, ist deswegen eine Riesenpleite für Rechteinhaber.

Bisher ist allerdings nur die Entscheidung des LG Köln zu so einem Fall bekannt - und anders als in den USA haben solche Urteile in Deutschland natürlich keinen Präzedenzfall-Charakter, dem dann zwangsläufig alle Gerichte folgen müssten. Trotzdem könnte der Entscheid einen Trend ankündigen. Solmecke ist sich sicher, dass auch andere Gerichte dem Beispiel folgen werden. Allein schon, "wenn sie merken, wie viel Arbeit diese Massenabmahnungen machen."

New York Times mit eigenem sozialen Netzwerk

Die "New York Times" hat ihre Website um ein soziales Netzwerk erweitert und folgt damit dem "Wall Street Journal", das schon seit letzter Woche seine Leser zum Mitmachen motiviert. TimesPeople-Mitglieder können zukünftig Berichte empfehlen und kommentieren. Vor allem aber soll das Angebot auch ein Empfehlungs-Dienst für Filme, Bücher, Restaurants und Broadway-Shows werden.

Bei der "New York Times" scheint man sich vergangene Web-2.0-Erfolge genau angesehen zu haben: Die Anordnung der zehn gerade am häufigsten gelesenen Artikel erinnert an Digg, die TimesPeople-Applications natürlich an Facebook, via RSS-Feed hält man seine Freunde und sich selbst über die aktuellen Aktivitäten unterrichtet – und kann darüber hinaus diese Informationen auch noch an andere Soziale Netzwerke weiterleiten.

Ganz neu ist TimesPeople aber nicht: Mittels Firefox-Plugin konnten sich NYTimes.com-Leser schon seit Monaten gegenseitig auf wichtige Artikel aufmerksam machen und miteinander in Kontakt treten. Und überhaupt: Wer bereits häufig soziale Netzwerke und News-2.0-Angebote nutzt, weiß längst, dass solche Netzwerke besser werden, je mehr Quellen sie anzapfen können und nicht, indem sie sich auf einen, wenn auch wohlrespektierten Namen, verlassen. Somit ist TimesPeople ein schöner Service für NYT-Stammleser. Wer sich aus verschiedenen Quellen informiert, hat dafür aber bereits viel bessere Werkzeuge.

Polizei durchsucht Wohnung des mutmaßlichen Palin-Hackers

Das FBI hat die Wohnung eines 20-jährigen Studenten durchsucht, der im Verdacht steht, das E-Mail-Konto der Kandidatin für das Amt des Vizepräsidenten, Sarah Palin, geknackt zu haben. Der Sohn eines demokratischen US-Abgeordneten soll sich mit erstaunlich wenig Aufwand Zugriff zum Yahoo-Konto Palins verschafft haben. Wie er genau vorging, erklärte der Hacker in einem Forumsbeitrag, der in Blogs die Runde machte. Falls der Student tatsächlich der Palin-Hacker sein sollte, hat er sich durch eine Internet-Blödheit zu erkennen gegeben. Die in seinem eigentlich anonym verfassten Beitrag verwendete E-Mail-Adresse lässt sich mit einer einfachen Internetsuche mit ihm in Verbindung bringen.

Weil übrigens unverschlüsselte E-Mail-Nachrichten tatsächlich ein erhebliches Sicherheitsrisiko darstellen, hat sich Crunchgear die Mühe gemacht, genau zu erklären, wie man seinen E-Mail-Verkehr ganz einfach und sicher verschlüsselt.

Google bindet Bücher ein

Google hat ein paar Hilfsmittel veröffentlicht, mit denen Blogger und Web-Designer ganze Bücher in ihre Blogs einbinden können. Bisher konnten sich nur Besucher von Googles Buchsuche books.google.de durch eingescannte Bücher klicken. An dem Dienst dürften sich wie so oft die Geister scheiden: Es wird Verlage geben, die darin eine Gefährdung des Verlagsgeschäfts entdecken, andere werden den Untergang des christlichen Abendlandes wittern - und viele darin vielleicht schlicht eine tolle Werbemaßnahme sehen. Denn wer liest schon hunderte von Seiten in einem kleinen Scroll-Fenster (siehe unten, sobald das erscheint: 214 Seiten laden so schnell nicht)?

Das Blog der "LA Times" sieht für die eingebetteten Bücher eine wunderbare Zukunft voraus: "Diese Technologie könnte für gemeinfreie Bücher das sein, was der in Blogs einbettbare YouTube-Player für Onlinevideos war."

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