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Netzwelt-Ticker: Google Wave strandet an der Hypeküste

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Völlig überschätzt - so urteilen Vorzeigenerds über Googles heißerwartetes neues Produkt "Wave". Außerdem: CDU hält an Vorratsdatenspeicherung fest, "Junge Freiheit" mahnt Blog ab, Bosshypnose mit Klickibunti-Website. Das und mehr im Überblick

Google hat drei Monate nach der Erstvorstellung die ersten 100.000 öffentlichen Testzugänge für das heißerwarte Google Wave freigemacht. Doch nachdem halb Nerdland gierig über die Einladungsmails hergefallen ist, kehrte rasch Ernüchterung ein: Google Wave ist toll, aber keine Revolution. Die Enttäuschung brachte Robert Scoble, hyperaktiver Blogger und Ex-Microsoft-Evangelist, auf den Punkt: " Google Wave crashes on beach of overhype", die Google-Welle zerschellt am Strand des Überhypes. Er schreibt: "Dieser Dienst ist unglaublich überschätzt. Wer es schon benutzt hat, merkt, dass es das schlechteste von E-Mail und Instant Messenger zusammenbringt: Unproduktivität." Wave sei eine einzige Ablenkung, "zu viel Rauschen".

Scoble glaubt nicht, dass Wave Kommunikationsbarrieren einreißen wird. Es sei zwar nützlich im engsten Freundeskreis und fürs Büro. Aber, so Scobles Tipp: Füge bloß nicht jeden deinem Wave-Konto hinzu. Wie Wave in Bewegung aussieht und funktioniert, zeigt Louis Gray in seinem Blog. Auch Steve Rubel, der Wave schon seit Juli ausprobiert, kommt in seinem Blog zu einem ähnlichen Ergebnis: Wave ist zu komplex für den Alltag. "Könnte es ein tolles Kollaborations-Tool für Unternehmen sein? Klar, warum nicht. Könnte es ein Twitter-, Facebook- oder E-Mail-Killer für Verbraucher sein oder Krebs heilen? Ich glaube nicht." Auch Anil Dash nahm Wave schon seit ein paar Monaten unter die Lupe. Die aktuelle Enttäuschung zeichnete sich schon in seinem Urteil von Anfang August ab: Wave ist seiner Zeit voraus, versucht einen Paradigmenwechsel im Netz. Wave ist ein (schwer zu hebender) Schatz für Entwickler und eine Last für Anwender.

Steve Rubel macht sich ob so viel Ablehnung an der Nerdspitze Sorgen um Wave: "Wenn drei der geekigsten Geeks, die ich kenne (Scoble, Dash, Elgan), nicht überglücklich sind, wie soll es dann irgendeiner sonst sein?" Wave könnte genau so steckenbleiben wie RSS - "eine der größten Interneterfindungen des letzten Jahrzehnts." Wave und RSS teilen das selbe Problem: Sie bieten keine Lösung für Probleme an, die viele Verbraucher haben - und verlangen darüber hinaus, dass man sein Denken und Handeln umstellt. Erst in der hervorragenden Integration von "Feeds" bei Twitter und Facebook habe das revolutionäre Konzept durchstarten können.

Sein Urteil: "Freut euch über Wave. Es ist richtig cool. Es ist Realtime - das will die Welt. Aber bis jetzt macht es mehr Probleme, als es lösen kann. Mal schauen, ob Wave 2.0 das behebt."

CDU hält an Vorratsdatenspeicherung fest

Unionsfraktionsvize Wolfgang Bosbach (CDU) hat in einem Interview mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung" vom Donnerstag ausgeschlossen, dass die schwarz-roten Sicherheitsgesetze in den Koalitionsverhandlungen mit der FDP zurückgedreht werden. Bosbach sagte der NOZ: "Wir können nicht mit dem polizeilichen Instrumenten der 1990er-Jahre gegen die terroristische Bedrohungslage des 21. Jahrhunderts antreten." Deshalb seien die Vorratsspeicherung von Telefon- und Internetdaten und Online-Durchsuchungen unverzichtbar. Im Kampf gegen die aktuelle terroristische Gefahr lasse sich mit dem Abfangen von Brieftauben nichts mehr erreichen, sagte Bosbach. Man wolle darüber hinaus auch an Internetsperren für kinderpornographische Seiten festhalten: "Ich verstehe die Kritik der Liberalen an den auf Kinderpornografie beschränkten Netzsperren nicht." Es gebe kein Recht auf ungehinderten Zugriff auf Kinderpornografie im Internet, betonte Bosbach.

Junge Freiheit mahnt Blog ab

Die "Junge Freiheit" will sich nicht als "NPD-Postille" verunglimpft sehen. Die Wochenzeitung schickte deshalb eine Abmahnung an mindestens ein Blog, welches die Zeitung entsprechend bezeichnet hatte, wie das Netzpolitik-Blog berichtet. Interessant wird die Abmahnung, weil der beanstandete Blogbeitrag eine Kopie eines Artikels des Die-Linke-Wahlkämpfers Mark Seibert ist. Der analysierte in seinem eigenen Blog ein Interview, das der stellvertretende Piraten-Vorsitzende Andreas Popp dem stramm rechten Blatt gegeben hatte. Seibert wundert sich jetzt, "warum die JF zwar irgendwelche Privatpersonen abmahnt, bei mir persönlich als Autor des Textes ein solches Schreiben bislang noch nicht eingegangen ist." Das könnte entweder daran liegen, dass der JF die Autorenschaft des beanstandeten Artikels entgangen ist - oder daran, dass sie in einem ähnlich gelagerten Fall bereits eine Schlappe hinnehmen musste, als ein Staatssekretär sie als "von der Jugendorganisation der NPD gelenkt" bezeichnete. Die "Junge Freiheit" unterlag damals mit ihren Anträgen auf einstweilige Verfügung vor dem OLG Frankfurt/Main, fürchtet vielleicht eine größere öffentliche Auseinandersetzung.

Das jetzt mit einer Abmahnung konfrontierte Womblog will sich am 6. Oktober zu den Vorgängen äußern.

Selbsthypnose mit Klickibuntiwebsite

Lieber Leser, das Wochenende ist nah und ihr Chef will ihnen wieder Überstunden aufdrücken? Nutzen sie die subtile Kraft der Webhypnose, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Machen sie ihn ganz einfach gefügig, indem sie ihm dieses Webspielchen vorlegen, kurz alleine lassen und ihm dann, dem Hypnotisierten, Willenlosen, subversive Nachrichten zukommen lassen. Etwa: Deine Angestellten dürfen heute pünktlich nach Hause.

Aber Achtung, vielleicht ist das ja auch nur ein Trick - auf den sie längst reingefallen sind. Aber denken sie jetzt lieber an etwas schönes. Ihre Arme werden schwer … ihre Beine werden schwer … ihre Äuglein werden schwer …

Dänemark: Militär manipuliert Dokument - kennt sich aber mit Word nicht aus

Peinlich für den dänischen Verteidigungsminister: Der Chef der IT-Abteilung des dortigen Militärs hat zu Propagandazwecken ein Dokument in Umlauf gebracht - dabei aber übersehen, dass die "Eigenschaften"-Funktion eines Worddokumentes ihn als Urheber identifiziertbar macht. Konkret geschah einem Bericht der "tageszeigung" zufolge Folgendes: Das dänische Militär hatte versucht, das Buch eines Elitesoldaten verbieten zu lassen, war aber vor Gericht damit gescheitert. Die Zeitung "Politiken" veröffentlichte das Buch daraufhin zur Gänze - höchst öffentlichkeitswirksam und mit der Begründung, man wolle der Zensur entgegenwirken. Dann tauchte im Netz eine arabische Version des Buches auf. Verteidigungsminister Sören Gade sagte daraufhin, da könne man ja sehen, dass der "Feind", also arabische Terroristen, sich brennend für das Buch des Soldaten interessierten. Dann aber stellte sich heraus: Das Arabisch des betreffenden Dokumentes war kaum verständlich - die Übersetzung war mit Google Translate gemacht worden. Und zwar vom IT-Chef des Militärs, wie der "Eigenschaften"-Anhang des Worddokumentes bezeugte. Der hat seinen Job inzwischen aufgegeben. Bleibt die Frage, ob der Minister selbst nun auch noch seinen Hut nehmen muss.

cis

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Google Wave: So sieht das Echtzeit-Wiki aus

Zum Autor
Felix Knoke schreibt von Berlin aus über elektronische Lebensaspekte und versucht sich vergeblich als Hitproduzent in seinem Wohnzimmerstudio.

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