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Netzwelt-Ticker: Italiens iPhonistas lieben iMussolini

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Beeindruckt von Googles Streit mit den chinesischen Behörden will Twitter sich gegen Zensurversuche wappnen. Außerdem: Der 150.000-Dollar-Mausklick, Datenleck im Weißen Haus und eine unwahrscheinlich erfolgreiche Mussolini-Anwendung fürs iPhone. Das und mehr im Überblick.

Applikation iMussolini: "Duce! Duce! Duce!" in der Kommentarspalte Zur Großansicht
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Applikation iMussolini: "Duce! Duce! Duce!" in der Kommentarspalte

1000 Kopien pro Tag - in diesem Tempo verkauft sich in Italien derzeit eine iPhone-App, die nichts anderes bietet als Reden des faschistischen "Duce" Mussolini. Seit einer Woche ist das Programm mit dem Namen "iMussolini" im Verkauf, und bereits jetzt führt es die italienischen App-Charts an. Für 79 Cent bekommen die Käufer Ton, Bewegtbild und Text von Mussolini-Reden. Der Entwickler, Luigi Marino, verdient an jeder verkauften App 49 Cent.

Nun plant der 25-Jährige, das Progrämmchen auch für Apples nagelneues iPad anzubieten. Dass zu den Käufern seiner Software vermutlich viele italienische Neofaschisten gehören, ficht ihn nicht an. Es seien darunter bestimmt auch "nostalgische Menschen, die von der historischen Figur fasziniert sind". In der Kommentarspalte auf der iMussolini-Downloadseite stehen allerdings faschistische Slogans wie "Dux Mea Lux" ("Der Duce ist mein Licht") oder schlicht "Duce! Duce! Duce!". Die Applikation selbst werde Apple nicht löschen, inakzeptable Kommentare würden aber entfernt, erklärte Marino. In zwei Wochen will Marino eine neue, ausgebaute Version von iMussolini auf den Markt bringen - die dann 1,59 Euro kosten soll.

cis/AFP

Twitter will sich gegen Zensoren wehren

Twitter-Geschäftsführer Evan Williams zeigte sich auf dem World Economic Forum (WEF) beeindruckt von Googles provokanter Haltung zu den Zensurversuchen in China. Das soziale Netzwerk für Kurznachrichten scheint seine Rolle als Werkzeug der Meinungsfreiheit begriffen zu haben, will sich stärker für Nutzer in Unterdrückungsregimes einsetzen.

Twitter, durch seine dezentrale Struktur schon im Kern eher zensurungeeignet, werde zukünftig noch mehr unternehmen, um gegen staatliche Zensurbemühungen gefeit zu sein. "Wir werden in China und anderswo teilweise blockiert, wurden das auch im Iran", sagte Williams vor Publikum. Der beste Weg zur freien Meinungsäußerung im Internet führe aber nicht über den Kampf gegen ein Unterdrückungsregime, sondern über Softwaredesign: "Ich bin zuversichtlich, dass es technologische Lösungen gibt, diese Barrieren zu umgehen."

Leider geht aus dem "Financial Times"-Artikel, in dem Williams Ansinnen dargestellt wird, nicht hervor, was Twitter gedenkt, technologisch gegen die Zensur- und andere Kontrollversuche zu unternehmen. Es scheint sogar so, als ob der "FT"-Autor die - beabsichtigten oder nicht - Anti-Zensur-Versuche der Twitter-Drittanbieter mit einem aktiven Engagement Twitters verwechselt. Darauf weist ein Zitat im "FT"-Artikel hin: "Das Unternehmen gab an, die [Anti-Zensur]-Technologien werden derzeit von 'Drittanbietern', statt von Twitter entwickelt." Ob damit externe, von Twitter angeheuerte oder einfach die zahllosen Hobby-Entwickler gemeint sind, geht aus dem Artikel nicht hervor.

Tollpatschs Finger: Der 150.000-Dollar-Mausklick

Was machen Banking-Computer, wenn sie zu viel Zeit haben? Mit Aktien handeln. Freilich zum Vorteil der Bank, nicht zum Vorteil der Kunden. Vollautomatisch und tausendstelsekundenschnell nehmen die Bank-Computer minimale Kursschwankungen mit, machen aus wahnsinnig viel Kleinvieh eine Menge Geld.

Im November 2007 legte so ein Trading-Algorithmus der Credit Suisse den New York Stock Exchange (NYSE) lahm. Die Software verschickte Hunderttausende falsche Anfragen an einen Börsenserver. Der brach unter der Last zusammen, blockierte den Handel mit 975 Aktien. Der NYSE untersuchte den Vorfall, drückte der Credit Suisse eine Strafe von 150.000 Dollar auf und ermahnte die Banken im Abschlussbericht zu einem sorgfältigeren Umgang mit ihrer Blitzbucher-Software.

Vor einer Woche hat die Börse den Bericht freigegeben, Ars Technica hat darin den eigentlichen Grund für den unfreiwilligen Serverangriff gefunden: Einen tollpatschigen Trader. Der klickte doppelt statt einfach auf ein Logo der Tradingsoftware, löste damit die fatale Kaskade von Blitzbuchungen aus. Der Credit-Suisse-Verklicker ist beileibe kein Einzelfall - beweist der Rambus-Vorfall, den Ars Technica zum Beweis hervorholt: Am 4. Januar 2010 büßte die Rambus-Aktie innerhalb von Sekunden 35 Prozent ihres Wertes ein, der NASDAQ griff ein, wies einem "dicken Finger" eines tollpatschigen Traders die Schuld zu.

Dass das versehentliche Drücken einer falschen Taste schlimme Folge haben kann, veranlasste "The Atlantic"-Autorin Barbara Wallraff im Sommer 2006 zu einem Wortfindungs-Aufruf unter den Lesern der amerikanischen Zeitschrift. Die Einsendungen waren toll, wie die Zusammenfassung beweist. Großartig war aber, wie endlich so ein Vertipper, "der den Computer dazu veranlasst, irre Aktionen auszuführen", getauft wurde: Cyber Errorismus.

Nationalarchiv: Datenleck im Weißen Haus

Ein Datenleck im Nationalarchiv der Vereinigten Staaten (NARA) stellt sich als größer als bisher bekannt heraus: Betroffen sind 250.000 Mitarbeiter der Clinton-Administration, Job-Bewerber und Besucher des Weißen Hauses. Selbst die in den USA heilige Sozialversicherungsnummer einer Tochter des ehemaligen Vizepräsidenten Al Gore sei in den Daten zu finden, schreibt das "Thread Level"-Blog von Wired.com. Insgesamt seien 100.000 Sozialversicherungsnummern auf einer Festplatte gespeichert gewesen, die das NARA seit April 2009 vermisst. Noch ist nicht bekannt, ob die Festplatte verloren oder gestohlen wurde.

Jammie Thomas-Rasset vs. Musikindustrie: Filesharerin lehnt Vergleich ab

Zeichnet sich eine Wende im bisher spektakulärsten Filesharing-Urteil der Vereinigten Staaten ab? Jammie Thomas-Rasset wurde im Juni von einem Gericht zu 1,9 Millionen Dollar Schadenersatz für 24 Songs aus dem Filesharing-Dienst KaZaA verdonnert. Ein Urteil, das ein Richter vor ein paar Tagen auf 54.000 Dollar abmilderte: So eine Summe gehe weit über das hinaus, was man als "abschreckend" bezeichnen könne.

Beobachter vermuteten nach diesem Rückschlag, dass die Musikindustrie Einspruch erheben würde - die reagierte aber mit einer weiteren Abmilderung: Thomas-Rasset solle ohne Verfahren einfach 25.000 Dollar an die RIAA zahlen, die würde den Fall dann als abgeschlossen sehen.

Die denkt jedoch nicht daran, lehnt das Vergleichsangebot ab, will sich nach Angaben eines ihrer Anwälte nicht von der Musikindustrie vorführen lassen.

Mit der Ablehnung sind nun alle Möglichkeiten offen: Ein neues Verfahren um die Schadensersatzhöhe, ein Berufungsverfahren, das die ursprüngliche Entscheidung des Richters zur Strafmaßmilderung zurücknimmt oder eine Verfassungsbeschwerde, mit der Thomas-Rasset die Höhe des Schadensersatzes grundlegend in Frage stellen könnte. Aber egal, was für ein Urteil gefällt wird: Es wird wegweisend sein für den Umgang der Musikindustrie mit Filesharern - und den der Filesharer mit der Medienindustrie.

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Zum Autor
Felix Knoke schreibt von Berlin aus über elektronische Lebensaspekte und versucht sich vergeblich als Hitproduzent in seinem Wohnzimmerstudio.


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