Netzwelt-Ticker: McCartney gegen Netzsperren

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In Großbritannien haben sich überraschend mehrere tausend Musiker gegen die geplanten Netzsperren ausgesprochen, darunter Paul McCartney, Elton John und Robbie Williams. Außerdem: Diebstahl als Kopierschutz, Furcht vor dem Facebook-Virus und Datenschützer gegen Google. Das und mehr im Überblick.

Paul McCartney: Hat etwas dagegen, dass potentiellen Musikkunden das Internet abgeknipst wird - selbst, wenn diese beim Filesharing erwischt werden Zur Großansicht
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Paul McCartney: Hat etwas dagegen, dass potentiellen Musikkunden das Internet abgeknipst wird - selbst, wenn diese beim Filesharing erwischt werden

McCartney gegen Netzsperren

Überraschend haben sich einige der bekanntesten britischen Musiker gegen die drohenden Internetsperren für Filesharer in Großbritannien ausgesprochen.

Unter anderem Elton John, Robbie Williams, Radiohead, Tom Jones und Paul McCartney bezeichneten in einer Stellungnahme das Ansinnen der Medienkonzerne, Internetanbieter dazu zu zwingen, Tauschbörsennutzern unter ihren Kunden den Netzzugang zu sperren, als rückwärtsgewandt, unlogisch, teuer und außerordentlich negativ. Mehrere tausend Musiker, Songschreiber, Produzenten, die Lobbygruppen Featured Artists Coalition, die British Academy of Songwriters, Composers and Authors und der Music Producers Guild unterschrieben das Statement - und wagen damit den direkten Widerspruch zu ihren Plattenfirmen, die sich für die Netzsperren für Filesharer nach drei Warnungen aussprachen.

Hintergrund: Derzeit überlegt die britische Regierung laut, ob sie ihre Telko-Regulierungsbehörde Ofcom ermächtigen soll, Internetprovider auf Zuruf zwingen zu können, illegale Filesharer nach drei Warnungen aus dem Netz zu verbannen. Ein höchst umstrittenes Vorhaben, das so ähnlich auch in Frankreich, Deutschland und anderen Ländern diskutiert wird. Kritisiert wird daran nicht nur, dass hier Internetprovider zu Beobachtern ihrer Kunden und Hilfssheriffs des Staates gemacht werden, sondern auch, dass die Netzsperren in den wohl meisten Fällen auf eine Sippenhaft hinauslaufen: Mit der Sperre, die einen Einzelnen bestrafen soll, würde immer ein gesamter Haushalt getroffen.

Datenschützer erheben Einspruch gegen Google Book Search

Eine wichtige US-Datenschutzorganisation versucht sich in das anhaltende Verfahren um Googles Buchsuche einzumischen, berichtet Wired.com. Das Electronic Privacy Information Center (EPIC) hat Bedenken, dass Google Book Search entgegen der Beteuerungen des Suchmaschinen-Konzerns die Privatsphäre der Google-Leser gefährden könne. Denn digitale Bibliotheken sind nicht nur ein Wissensschatz für die Nutzer, sondern auch für deren Anbieter: Google könnte mit seiner Buchsuche detaillierte Informationen darüber erhalten, welcher Leser welches Buch wie intensiv liest. Auf welchen Seiten er verharrt, welche Kapitel er überspringt, welche Art von Büchern er bevorzugt.

Diese Informationen, kombiniert mit Nutzerprofilen aus anderen Google-Angeboten, könnten "die Entstehung von detaillierten, geheimen Profilen von Individuen ermöglichen, die auf der Suche nach digitalen Werken sind," heißt es in EPICs Schreiben an das New Yorker Gericht (PDF-Datei, 196 KB), das zurzeit über den Vergleich zwischen Google und führenden amerikanischen Verlagen zu entscheiden hat. Die Bedenken müssten in die Verhandlungen um den Vergleich einfließen. "[Der Vergleich] bedeutet eine nie dagewesene Veränderung, wie auf Wissen zugegriffen werden kann. Das berührt die geistige Freiheit, nationale Datenschutzgesetze und Verfassungsbelange und kann deswegen nicht von diesem Gericht ignoriert werden."

EPIC bat nun offiziell das Gericht, sich im Namen der gefährdeten Leser am Prozess gegen Google beteiligen zu dürfen. Wired.com weist darauf hin, dass dieser Wunsch einen Tag, nachdem Google dem Druck der US-Kartellbehörde FTC nachgab und ihr einen neuen Entwurf der Datenschutz-Leitlinien für die Buchsuche vorlegte (PDF-Datei, 67 KB), geäußert wurde.

Doch das wird EPIC kaum zufriedenstellen, geht es der Datenschutzorganisation doch auch um den Schutz der Bürger vor dem Staat. "Selbst wenn Google [die Datenschutzleitlinien] mit Blut niedergeschrieben hätte, gibt es da immer noch jenes offensichtliche Problem, dass, wenn die Regierung anklopft, diese Leitlinien nichts mehr wert sind."

Digitales Eigentum statt DRM

Geklaut ist das neue geschützt: Eine absurde Idee soll den digitalen Kopierschutz retten - indem sie ihn pervertiert. Digitaler Kopierschutz (DRM, von: Digital Rights Management) nervt Kunden, davon ist Paul Sweazey, Forscher am Institute of Electrical and Electronics Engineers (IEEE), überzeugt. Kein DRM nervt aber die Musik-, Film- und Buchindustrie, die ihre Werke vor den kopierwütigen Kunden schützen will.

Sweazeys Vorschlag, die DRM-Freunde und -Feinde zu versöhnen, erscheint so absurd wie logisch: Dateien muss man stehlen können. Richtig stehlen - und nicht nur eine Kopie davon machen. Dafür entwickelte der Forscher das digitale persönliche Eigentum (DDP) - ein Kopierschutzsystem, das die nervige Eigenschaft von physikalischen Gegenständen aus der echten Welt übernimmt, nur einmal zu existieren.

Sweazey stellt sich das auf Musikdateien übertragen so vor: A kauft eine mit dem DPP-System geschützte Musikdatei und will sie seinem Freund B leihen. Kein Problem. Dafür kopiert B die Datei von A und erhält dazu einen digitalen Schlüssel - zum Beispiel einen USB-Dongle, den man in den USB-Port des Computers stecken muss - um die Musik zu hören. Jetzt kann B die Musik hören, A aber nicht mehr. A hat sein Eigentum verliehen und muss sich nun selbst drum sorgen, die Datei wieder zurückzubekommen.

Digital Personal Property (DDP) ist also der Versuch, den Konsumenten dazu zu zwingen, digitale Medien wie physikalische Objekte zu behandeln, fasst Ars Technica das System zusammen - und zerfetzt es in einem Absatz: Es gibt ganz einfach keine Möglichkeit mehr, die Verbreitung von Musik-, Film- und Textdateien zu kontrollieren. Wenn man etwas anschauen oder anhören kann, kann man es auch kopieren.

Gefährliche Furcht vor dem Facebook-Virus

Kaum jemand weiß, ob es den "Facebook Fan Check"-Virus wirklich gibt - wer jedoch herausfinden will, ob sein Facebook-Profil befallen ist, bringt sich und sein Erspartes in Gefahr: Denn kaum, dass die Blogosphäre sich um den angeblichen Virus sorgt, haben Hacker die Chance ergriffen und Lock-Websites aufgestellt, die besorgten Nutzern des sozialen Netzwerkes potentiell gefährliche Scareware aufdrücken soll. Scareware ist Software, die Computernutzern unter Vorspiegelung falscher Gefahren aufgenötigt wird, meist kostenpflichtig ist und entweder nichts taugt oder sogar selbst gefährlich ist.

Die Sicherheitsexperten von Sophos haben sich des Problems angenommen, suchen nach dem angeblichen Facebook-Virus und nahmen die Scareware-Programme vorsichtshalber in ihren Schadsoftware-Index auf.

Rock'n'Roll und Apple-Hype

Falls Sie sich auch wundern, warum ihre iPhone-versessenen Kollegen nervös auf die Uhr schauen, manisch beim Anblick ihrer weißen Kopfhörer loskichern und sich einsam in der Bürotoilette die Haare raufen: Morgen, am 9. September, stellt Apple neue Produkte vor - wahrscheinlich den iPod nano 5, den iPod Touch 3G und Beatles-Downloads für iTunes. Alles ganz harmlos, aber Apple-Anhänger - traditionell zuständig für die ehrenamtliche Bewerbung ihres Unternehmens und all seiner Produkte - halten das für wichtige Nachrichten und rennen quiekend durch die Gerüchteküche.

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Zum Autor
Felix Knoke schreibt von Berlin aus über elektronische Lebensaspekte und versucht sich vergeblich als Hitproduzent in seinem Wohnzimmerstudio.


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