Netzwelt-Ticker Microsoft erfindet Verwirrungs-Marketing

Wissen Sie schon, dass die Microsoft-Suche jetzt "Live" heißt? Vergessen Sie's wieder: Redmond tut alles, weiter für Verwirrung zu sorgen. Außerdem im Überblick: Die BBC begräbt vorerst weiterführende Onlinepläne, und die meisten Deutschen finden die Online-Durchsuchung prima.


Microsoft hält an Namenswirrwarr fest

Aus Live Search wird womöglich Kumo, aus Live dafür vorerst was völlig anderes gleichen Namens: Microsofts merkwürdige Markenstrategie
SPIEGEL ONLINE

Aus Live Search wird womöglich Kumo, aus Live dafür vorerst was völlig anderes gleichen Namens: Microsofts merkwürdige Markenstrategie

Ein einheitlicher Markenauftritt, eine klare Botschaft? Alles kalter Kaffee aus dem Marketing-Anfängerseminar. Microsoft zeigt der verblüfften Öffentlichkeit, wie man das Publikum nachhaltig durch Verwirrung beschäftigt. Marketing by Confusion gewissermaßen.

Der hauseigene Suchmaschinendienst, seit 2006 unter dem Namen "Live Search" bekannt, in dem im September 2006 auch die 1998 etablierte MSN Search aufging, soll nach Berichten von US-Medien zukünftig offenbar "Kumo" heißen. Das ist japanisch und heißt "Wolke".

Klingt schön und verrückt, aber plausibel. Denn Gründe, die über reine Kundenverwirrung hinausgehen, hat Microsoft angeblich auch dafür: Der alte Name Live Search signalisiere die Zugehörigkeit der Suche zu Live.com. Dieses Angebot aber soll zu einem reinen sozialen Netzwerk umgebaut werden - es wird offenbar ernst mit dem Redmond-typischen Spät-Angriff auf Marken wie Facebook oder MySpace. Und dabei hat eine Suchmaschine nach Ansicht der Redmonder nichts verloren. Könnte die Kunden ja verwirren.

Also wird noch eine neue Marke aus dem Hut gezaubert - und der bekannteste Dienst unter dem Live-Label umgetauft, während man unter dem alten Namen etwas völlig anderes anbietet. Die wolkigen Pläne wirken dabei, als ob zum Beispiel Volkswagen auf die Idee käme, den Golf zukünftig Tennis zu nennen und unter dem alten, etablierten Namen künftig Allrad-Geländewagen zu verkaufen. Oder Sitzheizungen. Oder Reise-Kaffeemaschinen.

Auch wenn jetzt noch weniger Leute als schon zuvor durchblicken dürften, ob und wenn wo da was zu finden ist bei Microsoft, eines hat das Unternehmen einmal mehr erreicht: Man spricht über die Suchmaschine aus Redmond, selbst wenn man sie nicht nutzt. Und auch die Microsoftler bleiben im Gespräch und ihrem Ruf treu. Die verwirrten User aber sind einmal mehr effektiv informiert worden, dass es zur Nutzung von Google oder Yahoo übrigens auch Alternativen von Microsoft gibt. Bald und dann zumindest für eine Weile womöglich unter dem Namen Kumo.

"Vista Capable"-Streit: Richter ordnet Zeugenaussage von Microsoft-Boss Ballmer an

Seit seiner Einführung war das Microsoft-Betriebssystem Vista stets umstritten. Neben (vor allem in der Anfangszeit) Klagen über die Performance gab es auch Ärger über das "Vista Capable"-Logo, mit dem Gerätehersteller ihr Produkte schmücken, wenn sie den technischen Anforderungen aus Redmond entsprechen.

In manchen Fällen, wie zum Beispiel beim Chiphersteller Intel, scheint Microsoft die Bedingungen etwas lascher als sonst gehandhabt zu haben. Das rief die Konkurrenz auf den Plan und führte zu einer Sammelklage, um zu klären, wer inwieweit mit der Absenkung der Anforderungen für die Logovergabe befasst war.

Letzten Freitag gab es da für Microsoft-Boss Steve Ballmer eine unerfreuliche Nachricht. Marsha Pechman, die zuständige Richterin im Prozess, ordnete das persönliche Erscheinen des Konzernchefs an. Die Mitteilung des Unternehmens, Ballmer habe von den Vorgängen keine Ahnung gehabt, wies die Richterin als unzureichend zurück. Bislang bestand die offizielle Verteidigung in der Behauptung, zwei inzwischen nicht mehr bei Microsoft beschäftigte Vista-Manager trügen die Verantwortung. Allerdings muss Ballmer vor Gericht erklären, was der Inhalt eines Telefonats zwischen ihm und Intel-Chef Paul Otellini von Anfang 2006 war. Nach Ansicht der Kläger vereinbarten die beiden, das Vista-Logo für Intel-Chips zu vergeben, die viel zu schwach waren, um den Vista-Aereo-Effekt anzeigen zu können.

BBC begräbt Onlinepläne

Wer sich über die langweiligen öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland erregte und ihre mehr oder weniger überzeugenden Schritte ins Internet, der verwies gern auf das positivere Beispiel der britischen BBC. Deren Online-Strategie galt lange als besonders ausgefeilt und zukunftsträchtig.

Damit ist jetzt wohl Schluss, denn der Aufsichtsrat des Senders rasierte nach Prüfung im "Public Value Test" Pläne zur Einrichtung von regionalen Nachrichtenseiten. Bis 2013 sollten eigentlich ursprünglich 68 Millionen Pfund (umgerechnet 80 Millionen Euro) in insgesamt 65 über die ganze Insel verteilte Newsportale gesteckt werden. Doch nach einem Testlauf kamen die Verantwortlichen zu dem Resultat, die Ergebnisse würden den Aufwand nicht rechtfertigen. Zusätzlich merkte die britische Regulierungsbehörde Ofcom an, die lokalen BBC-Dienste würden kommerziellen Medien in der jeweiligen Region schaden. Die endgültige Entscheidung soll im Februar fallen.

IT-Umrüstung der Finanzämter kostet Hunderte Millionen

Auch die deutschen Finanzämter haben schon lange von Lochkarte und Hängeregistratur auf modernere Mittel der Datenverarbeitung umgestellt. Das endgültige Ziel ist die Schaffung einer einheitlichen IT-Vernetzung sämtlicher 650 Finanzämter Deutschlands.

Allerdings ist für den Einsatz der "Evolutionär Orientierten Steuer-Software" (EOSS) im geplanten Ämterverbund die Umrüstung des Rechnerbestandes erforderlich. Das wird allein für Hessen und Baden-Württemberg zu einem Aufwand von 100 Millionen Euro führen. Die beiden Bundesländer bezogen ihre Computerausstattung bislang von IBM, die neuen Geräte soll hingegen Fujitsu Siemens liefern. Das Joint-Venture ist übrigens gerade in Auflösung begriffen: Der deutsche Partner Siemens zieht sich aus der Rechner-Fertigung zurück.

Große Mehrheit der Deutschen für Online-Durchsuchung

Im aktuellen ZDF-Politbarometer wurde neben den üblichen Fragen zu Parteienpräferenz und Wählerverhalten auch nach der Haltung der Deutschen zur Onlinedurchsuchung geforscht. Überraschendes Ergebnis: Die im Rahmen des geplanten BKA-Gesetzes hoch umstrittene Maßnahme wird von der Mehrheit der Befragten gebilligt.

57 Prozent halten Online-Durchsuchungen für "grundsätzlich richtig", am stärksten ist der Zuspruch mit 67 Prozent unter den Anhängern der Union. Nur die grüne Wählerklientel hat mehrheitlich starke Vorbehalte, hier können sich nur (?) 30 Prozent für die Online-Pläne von Innenminister Schäuble erwärmen.

Die kritische Berichterstattung und die fortwährenden Verweise auf die Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit scheinen jedoch nicht von durchschlagendem Erfolg gekrönt gewesen zu sein. Fast jeder Dritte (29 Prozent) der Befragten befürwortet eine Online-Durchsuchung selbst dann, wenn diese Maßnahme ohne richterliche Verfügung erfolgt.

Blu-Ray kann sich nicht gegen DVD durchsetzen

War der Erfolg für Blu-Ray im Kampf der DVD-Nachfolger am Ende ein Pyrrhussieg? Zumindest den Verkaufszahlen nach deutet alles darauf hin. Denn das neue hochauflösende Format kommt am Markt einfach nicht in die Strümpfe. Die hohen Erwartungen werden in keinem Fall erreicht.

2008 dürften deutlich weniger als die eigentlich erhofften Blu-Ray-Player über die Ladentheke gehen, und auch die Absatzzahlen der Datenscheiben selbst sprechen eine deutliche Sprache: Das britische Marktforschungsinstitut Screen Digest schätzt, dass in diesem Jahr an die 50 Millionen Blu-Ray-Disks verkauft werden - gegen mehr als 2,3 Milliarden Filme auf DVD. Der weitere Erfolg dürfte davon abhängen, in wie vielen Haushalten hochauflösende Fernseher stehen.

Nach Angaben von Screen Digest wird das auch 2010 weltweit nicht einmal jeder vierte sein. Und die zu erwartende Zurückhaltung der Konsumenten im Gefolge der Finanzkrise lässt auch die künftigen Erwartungen nicht allzu rosig erscheinen.

Facebook-Palantir visualisiert weltweite Useraktivitäten

Nicht nur Landkartenfans werden das neueste Spielzeug von Facebook mögen: Eine Visualisierung der Aktivitäten der Facebook-Nutzer. Auf einem virtuellen Globus werden Aktivitäten als aufblitzende Lichtpunkte gezeigt, außerdem können die Verbindungen der Nutzer untereinander in Echtzeit betrachtet werden: Aufglimmende Lichtpfeile fliegen über die Erdkugel.

Das Projekt trägt den Namen "Palantir", nach den sehenden Steinen, den "palantíri" aus Tolkiens "Herr der Ringe". Derzeit ist Facebook Palantir noch in der Entwicklung, aber ein Video zeigt bereits sehr schön, was sich die Entwickler ausgedacht haben.

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