Netzwelt-Ticker Sony twitterte geheimen PS3-Schlüssel

Ausgerechnet Sonys eigene Werbeagentur verbreitete per Twitter einen geheimen PS3-Sicherheitsschlüssel weiter - die Branche johlt. Außerdem im Netzwelt-Überblick: Filesharing-Kanzlei darf nicht schließen, neue Studie zur Selbstdiagnose bei Dr. Google, Schlagloch-App und Wegweiser-Gulli.

Sony-Werbefigur "Kevin Butler": "Lass mich raten ... du hast mein Schlachtschiff versenkt?"

Sony-Werbefigur "Kevin Butler": "Lass mich raten ... du hast mein Schlachtschiff versenkt?"


Mit aller Macht versuchte Sony die Veröffentlichung der geheimen Sicherheitsschlüssel für die Playstation 3 (PS3) im Netz zu verhindern. Wie peinlich, dass nun ausgerechnet Sonys eigene Werbeagentur einem Scherzbold auf den Leim ging und so eine Zeichenkette im Namen Sonys über Twitter weiterverbreitete. Die Games-Branche johlt. Bis zur Veröffentlichung dieses Artikels antwortete Sony nicht auf Anfragen von SPIEGEL ONLINE. Wie kam's zu dem Eigen-Leak?

Auf der einen Seite: Sonys amerikanische Werbeagentur Deutsch, die ein Twitter-Profil des fiktiven Firmensprecher-Großmauls "Kevin Butler" betreibt.

Auf der anderen Seite: Twitter-Nutzer Travis La Marr, der dermaßen von Sonys Vorgehen gegen die Veröffentlichung der PS3-Keys erbost war, dass er Butler und Sony einen Streich spielen wollte.

Er schickte der Werbefigur Butler per Twitter eine Nachricht mit dem PS3-Schlüssel und dem Hinweis "Fang mich doch!". Was La Marr nicht ahnen konnte: Sonys Werbeagentur verwechselte den PS3-Schlüssel mit Spielzügen aus Schiffe-Versenken und leitete ihn, flankiert von einem so naiven wie versehentlich passenden Kommentar, an seine 71.000 Abonnenten weiter: "Lass mich raten ... du hast gerade mein Schlachtschiff versenkt?"

Sony erkannte den Fehler, löschte den Tweet, doch da machten Screenshots schon längst ihre Runde im Internet. Zu befürchten hat Sony dadurch nicht viel: Der von La Marr (und Butler) veröffentlichte Schlüssel ist veraltet, also nicht der von Hacker Geohot veröffentlichte, unveränderbare Masterkey zum Öffnen der PS3. Mehr Probleme hat Scherzbold Travis La Marr: Er fürchtet eine juristische Reaktion Sonys - und muss sich mit seinem neuen Mini-Ruhm arrangieren. Er wird nach eigenen Angaben mit Anrufen und E-Mail-Nachrichten von Fans und Kritikern der Aktion überhäuft.

Peinlicher Prozess: Anti-Filesharing-Kanzlei darf nicht schließen

Per Selbstaufgabe wollte die Anti-Filesharing-Kanzlei ACS:Law und ihr Auftraggeber MediaCat einen peinlichen Prozess um fragwürdige Massenabmahnungen verhindern: ACS:Law-Gründer Andrew Crossley verkündete vor Gericht die Schließung seiner Kanzlei. Nicht so schnell!, intervenierte nun der betroffene Richter: Wir verhandeln den Fall anständig weiter. Die Versuche, das Verfahren zu unterbrechen, wertete er als Prozessmissbrauch und will sie ignorieren. Von so einer Unterbrechung würden die Kläger erheblich profitieren, während die Angeklagten (die angeblichen Filesharer) von Abmahnung gefährdet blieben, die keiner genauen Prüfung unterworfen wurden.

Das Filesharing-Blog Zero-Paid hat sich die Richter-Kommentare genauer angeschaut (und veröffentlicht) und kommt zu dem Schluss: Der Jäger ist jetzt der Gejagte.

Internationale Studie zur Selbstdiagnose mit Google

Ärzte, so der "Sydney Morning Herald" etwas zu aufgeregt, warnen aufgrund einer neuen Studie vor den "katastrophalen Folgen" der medizinischen Selbstdiagnose per Google. Jeder zweite Befragte dieser internationalen Studie mit 12.000 Teilnehmern in zwölf Ländern gab an, bei Gesundheitsfragen Dr. Google um eine Diagnose zu bitten.

Wer tatsächlich in die Studie des britischen Gesundheits-Dienstleisters Bupa blickt, dürfte aber ruhiger als der "SMH" bleiben (PDF-Datei) - so katastrophal ist das alles nicht: Zum Beispiel suchen knapp 80 Prozent der befragten Deutschen oft oder manchmal im Internet Gesundheitsrat (Studie, Seite 14), meist Informationen zu Medikamenten, Krankheitssymptomen (zur Selbst-Diagnose?) und Erfahrungen anderer Patienten mit Krankheiten und Krankenhäusern.

Neben einigen Vorteilen dieses Suchverhaltens (Kostenersparnis und Gesundheitsdienste für ansonsten schwer für Arztbesuche erwärmbare Bevölkerungsgruppen) warnt die Studie vor den Folgen: Die im Internet veröffentlichten Informationen seien intransparent, nicht immer zutreffend oder schlicht von minderer Qualität. Bei Profis, so das wenig überraschende Fazit der Studienauftraggeber und Gesundheits-Dienstleister Bupa, würde das nicht passieren.

Gullideckel weiß, wohin

Roboter, die im Straßenverkehr die Orientierung verloren haben, könnten in Zukunft Gullideckel um Rat fragen. Das zumindest glauben Hajime Fujii und seine Kollegen und Kolleginnen vom Shibaura Institute of Technology in Tokyo, Japan. Sie haben die schweren Metall-Deckel als dauerhafte Weg-Marken identifiziert, in deren Struktur Informationen über ihren Standpunkt eingeschrieben werden könnten. Roboter, etwa selbstfahrende Autos, könnten diese Markierungen auslesen und für ihre eigene Orientierung verwenden. Wie das genau funktionieren soll, weiß der "New Scientist".

Dazu passt eine Schlagloch-App, die im Auftrag des Bostoner Bürgermeisters Thomas Menino derzeit entwickelt wird. Sie soll über Smartphone-Beschleunigungssensoren automatisch Schlaglöcher entdecken und an die Reperatur-Crews der Stadt melden. Dafür müssten engagierte Bürger bei Autofahrten einfach die App starten - welche Schlagloch-typische Erschütterungen des Autos registrieren und per GPS auch lokalisieren könnte.

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efka526 10.02.2011
1. Geheim?
Der gepostete PS3-Key (das ist nur ein Teil bzw ein Key von mehreren) ist nicht mehr geheim. Auf tausenden Seiten, Hunderttausenden Twitter-Accounts, abermillionen Blogs und Foren findet man nicht nur den angesprochenen Key sondern alle PS3-Masterkeys. Die wären auch ohne den verfolgten Geohot dort gelandet. Und wirklich schlimm ist nur das Unvermögen von Sony mit ihren Kunden ordentlich umzugehen. Früher konnte man auf einer PS3 noch Linux laufen lassen. Diese Möglichkeit wurde genommen (wie auch die Abwärtskompatibilität). Die ganze Bastler- und Homebrew-Szene wurde dadurch vereimert von Sony. Und die Art und Weise wie mit zB Geohot umgegangen wird spricht Bände. Daher ist das Posten von sowas wie "46DCEAD317FE45D80923EB97E4956410D4CDB2C2" nicht der Weltuntergang. Eher ist der Umgang von Sony mit der "Affäre" ein Grund So Nie-Produkte zu meiden. Nicht mal Apple ist so agressiv. Heute kann man nicht mehr so agieren, selbst Microsoft läd heute Jailbreaker ein und schenkt ihnen T-Shirts und Jobs :D . PS3 & So Nie=Thumbs down
Sique 10.02.2011
2. Und damit ist die Sache noch viel wilder.
Zitat von efka526Der gepostete PS3-Key (das ist nur ein Teil bzw ein Key von mehreren) ist nicht mehr geheim. Auf tausenden Seiten, Hunderttausenden Twitter-Accounts, abermillionen Blogs und Foren findet man nicht nur den angesprochenen Key sondern alle PS3-Masterkeys. Die wären auch ohne den verfolgten Geohot dort gelandet. Und wirklich schlimm ist nur das Unvermögen von Sony mit ihren Kunden ordentlich umzugehen. Früher konnte man auf einer PS3 noch Linux laufen lassen. Diese Möglichkeit wurde genommen (wie auch die Abwärtskompatibilität). Die ganze Bastler- und Homebrew-Szene wurde dadurch vereimert von Sony. Und die Art und Weise wie mit zB Geohot umgegangen wird spricht Bände. Daher ist das Posten von sowas wie "46DCEAD317FE45D80923EB97E4956410D4CDB2C2" nicht der Weltuntergang. Eher ist der Umgang von Sony mit der "Affäre" ein Grund So Nie-Produkte zu meiden. Nicht mal Apple ist so agressiv. Heute kann man nicht mehr so agieren, selbst Microsoft läd heute Jailbreaker ein und schenkt ihnen T-Shirts und Jobs :D . PS3 & So Nie=Thumbs down
Der besagte Key ist nicht der PS3-Masterkey. Aber selbst der wurde zum größten Teil von Sony veröffentlicht - in ihrem Antrag zur Beschlagnahme von Computern und Datenträgern bei George Hotz. Das bedeutet, dass jetzt praktisch jeder in Minutenschnelle die fehlenden Bits durch Ausprobieren selbst finden kann. Niemand muss jetzt mehr "geheime" Sony-Informationen verraten (auch Informationen, die Millionen wissen, können vor Gericht als "geheim" deklariert und deren Weitergabe strafbar gemacht werden).
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