Netzwelt-Ticker Soziale Netzwerke wichtiger als Porno

Wir sind, was wir klicken: Ein Web-Forscher untersuchte das Online-Verhalten von zehn Millionen Netznutzern und weiß jetzt mehr über die Gesellschaft. Etwa, dass Porno eine immer geringere Rolle spielt. Außerdem: Alle Kinder zocken, McCain erfand den Blackberry, und IMDB zeigt jetzt auch Filme.

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Erschreckend aber wahr: Porno spielt eine immer geringere Rolle im Internet. Zumindest, wenn es um Web-Suchen und Website-Traffic geht. Der neue Star am Amüsierhimmel heißt "Social Networking". Meint zumindest der "Web-Guru" und selbsternannte "Daten-Geek" Bill Tancer. Laut Reuters hat er für sein Buch "Click: What Millions of People are Doing Online and Why It Matters" Informationen über zehn Millionen Netznutzer analysiert und dargestellt, wie sich Gesellschaften und ihre Mitglieder ändern.

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Zu seinen Funden gehört auch ganz banaler Blödsinn. So will Tancer erkannt haben, dass viele Menschen Angst vor Ellbogen, Staub im Bauchnabel und Deckenventilatoren haben – aber auch vor sozialer Zurückweisung.

Tancer darf solche Trivialitäten verbreiten, ist er doch Boss der Internet-Marktforscher Hitwise. Für ihn ist der Bedeutungsverlust von Porno in den letzten Jahren die wichtigste Veränderung im Netz. Die Leute surfen um zehn Prozent weniger auf Pornoseiten, suchen 20 Prozent weniger per Suchmaschine nach Porno als noch vor zehn Jahren. An die Stelle von Porno seien soziale Netzwerke getreten.

Aber lässt sich aus dem Suchverhalten auf Suchseiten auch etwas über das Leben eines Individuums, vielleicht sogar der ganzen Gesellschaft ableiten? Interessieren sich die Leute weniger für Sex oder müssen sie einfach nicht mehr so lange danach suchen, weil sie längst ihre Lieblings-Sex-Website haben?

Zumindest das Alltagsleben scheint sich auf das Verhalten im Netz deutlich niederzuschlagen: "Es gibt einige Muster in unserem Internet-Verhalten, die wir sehr genau und vorhersehbar wiederholen: Ernährungstipps, Kleid für den Abschlussball, Urlaubsempfehlungen." Die Leute seien ihrem Computer gegenüber aufrichtig – und verrieten damit viel über ihre Ängste und Wünsche: Wenn zu Thanksgiving in den USA besonders viele Menschen depressive Episoden durchmachen, steigt auch im Netz die Zahl der Suchanfragen nach Antidepressiva und Rat.

Das Tamtam, das jetzt einige Websites um Tancers Klick-Buch machen, scheint übertrieben. Eine zentrale These: "Einfach gesagt, wenn man die neue, vernetzte Welt verstehen will und begreifen, wie wir in ihr leben wollen, dann muss man einfach unser Internet-Verhalten beobachten. Wir sind, was wir klicken." Na, wenn das mal so einfach wäre …

Fast alle Kinder spielen Computerspiele

Von einer wilden Untersuchung zur nächsten: Eine Studie des Pew Internet & American Life Project unter US-amerikanischen Jugendlichen spricht Bände: Auch wenn nicht alle das gleiche spielen, so spielen sie doch trotzdem allesamt Computer– und Videospiele, unabhängig vom Geschlecht. Und sie spielen nicht allein. Zwei Drittel von ihnen spielen regelmäßig mit Freunden und Verwandten, ein Viertel mit Online-Bekanntschaften. "Das zeigt, dass Gamer soziale Wesen sind," so Pew-Forscherin Amanda Lenhart, "Sie kommunizieren ebenso viel. Sie verbringen mit anderen Menschen genauso viel Zeit wie andere Kinder. Sie schreiben Mails und SMSen."

Für die Studie befragte das Pew-Projekt 1.102 Jugendliche und deren Eltern per Telefon. Ein paar Ergebnisse der Umfrage: 97 Prozent der Befragten spielen Videospiele - 99 Prozent aller Jungs, 94 Prozent aller Mädels. Geringe Unterschiede gibt es nur beim sozialen Hintergrund. Die Befragten spielen oft: "Gestern" spielten die Hälfte der Befragten. Sie haben einen sehr unterschiedlich ausgeprägten Geschmack. Und unabhängig vom Alter haben sie kein Problem, an Spiele zu gelangen, die für Kinder als "nicht geeignet" gekennzeichnet sind.

McCain machte das "Das Wunder Blackberry" möglich

Im Wahlkampf stirbt die Wahrheit als zweites, weil sie über die längst am Boden liegende Zurechnungsfähigkeit stolpert: Auf die Journalistenfrage, was Präsidentschaftskandidat John McCain als Vorstand eines Handelsausschusses des Senats der Vereinigten Staaten tat, um die Finanzmärkte besser zu verstehen, winkte dessen Top-Wirtschaftsberater mit einem Blackberry-Taschencomputer. "Er machte das hier," sagte Douglas Holtz-Eakin den erstaunten Reportern, "Telekommunikation in den Vereinigten Staaten war eine der größten Innovationen in den letzten 15 Jahren, das ging direkt durch den Handelsausschuss. Sie schauen also auf ein Wunder, das John McCain half, möglich zu machen. Genau das tat er."

Blackberry-Entwickler Research in Motion, das muss man wissen, ist eine kanadische Firma. Aber nicht nur deswegen wird die Äußerung des McCain-Beraters gerade durch den Blog-Fleischwolf gedreht. Bei Twitter tauschen sich zahllose Hobbyerfinder darüber aus, mit was sie eigentlich die Welt bereicherten: Einer erfand das "Gestern", ein anderer "intensive Karaoke". Und eine flugs eingerichtete Website zählt nebst einem Spaßbild auf, was McCain in seiner Vergangenheit sonst so aus dem Ärmel schüttelte.

Das ganze erinnert freilich an den Präsidentschaftswahlkampf vor acht Jahren, als Demokraten-Kandidat Al Gore verblüffend eingestand, in seiner Zeit im Kongress das Internet erschaffen zu haben.

Internet-Filmdatenbank IMDB: Gratis Filme und Serien

Der Onlinehändler Amazon erweitert seine populäre Filmdatenbank IMDB (Internet Movie Database) um Online-Videos. Bisher konnte man auf der IMDB nur Trailer für Kinofilme und Fernsehshows abrufen, zukünftig werden dort auch ganze Filme und Serien bereitstehen. Zum Beginn waren es bereits 6000 Filme und TV-Shows. Weitere sollen folgen. Ein großer Teil der dicken Brocken steht aber wieder mal nur in den USA zur Verfügung.

"Ars Technica" schaute sich das Angebot an, ist aber zwiegespalten. Zum einen sei das ein "anständiger Zug" für die IMDB – nur hätte der schon vor Jahren stattfinden müssen. Zum anderen hakt ganz schlicht noch die Einbettung in die Website. Auch die Qualität der Filme sei nicht immer top. Das könnte aber auch an technischen Problemen liegen. Vor allem aber ist das IMDB-Angebot noch fast deckungsgleich mit dem Angebot, das Hulu schon seit geraumer Zeit anbietet – kein Wunder, ist doch der Video-Streamer des Joint Ventures von NBC und Fox auch Inhaltepartner. Interessant ist jedoch, dass die IMDB auch Kurzfilme von Independents anbietet. Vielleicht mausert sich das Videoangebot ja noch zu einer tollen Indie-Videothek.

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