Netzwelt-Ticker: US-Labels wollen Geld für 30-Sekunden-Vorschau bei iTunes

Von

US-Musikschaffende sehen sich am Online-Markt benachteiligt - und fordern jetzt mehr Tantiemen von iTunes und Co. Außerdem: Phisher suchen das Gespräch mit ihren Opfern, Google kauft reCaptcha, und Audiospiele sollen Blinden bei der Orientierung helfen. Das und mehr im Überblick.

iTunes: Musikmacher und -vermarkter wollen mehr Geld von Apple Zur Großansicht
ddp

iTunes: Musikmacher und -vermarkter wollen mehr Geld von Apple

Amerikanische Songschreiber, Komponisten und Plattenlabels wollen mehr an Download-Musik verdienen, dafür rüsten sie sich gerade zum Lizenzkampf mit Online-Musikshops wie Apples iTunes.

Sie wollen höhere Tantiemen herausschlagen, wenn ihre Songs online verkauft werden, im Netzradio, in Fernsehshows, oder Kinofilm-Downloads auftauchen - selbst die 30-Sekunden-Vorschau bei iTunes soll den Künstlern künftig Tantiemen einbringen.

Greg Sandoval von Cnet News geht davon aus, dass, wenn diese Forderungen umgesetzt werden sollten, die Preise für Download-Musik noch einmal anziehen würden - das dürfte Online-Kunden nur schwer zu vermitteln sein. Die Künstler jedoch sehen sich "am Ende der Nahrungskette der Musikbranche". Sie fragen sich, warum Filmstudios, große Plattenfirmen, Fernsehsender und Online-Händler mit ihren Werken Geld verdienen dürfen und sie nicht.

"Wir verdienen gerade einmal 9,1 Dollarcent pro verkauftem Song, da müssen ganz schön viele Pennys zusammenkommen, bevor es zu richtigem Geld wird", sagte Rick Carnes, der Präsident der Songwriter's Guild of America. "Gestern habe ich eine Gutschrift über zwei Cent erhalten. Kein Witz. Die Leute denken, wir machen ein Vermögen im Netz, aber es ist nur ein kleiner Betrag. Wir brauchen mehrere Einkommensströme, oder das wird nichts."

Plausch mit dem Phisher

Die Sicherheitsexperten von RSA warnen vor einer neuen, perfiden Masche, mit der Phisher nach Zugangsdaten und PIN-Nummern von Online-Kunden fischen. Statt bisher nur mit gefälschten Web-Seiten und Phishing-Mails quasi automatisiert die Daten von nichtsahnenden Onlinebanking-Kunden abzuluchsen, setzt die Phisher-Avantgarde jetzt auf den persönlichen Kontakt zu den Opfern: Sie installieren auf ihren betrügerischen Kopien von Onlinebanking-Seiten einen Chat, über den ein angeblicher Bankmitarbeiter ins Gespräch mit dem potentiellen Phishing-Opfer zu treten versucht.

Der Phisher gibt sich als Mitarbeiter der Betrugsabteilung der jeweiligen Bank aus und versucht dem Surfer zum Beispiel die Antwort auf die Sicherheitsfrage abzuluchsen, mit deren Hilfe er sich dann die Zugangsdaten auf der echten Onlinebanking-Seite zuschicken lassen kann. Um noch mehr Vertrauen aufzubauen, vergibt das Chat-Fenster, das sich auf der Phishing-Seite öffnet, sogar eine Wartenummer: "Sie sind Nummer '1' in der Warteschlange. Bitte warten Sie auf einen Kundenbetreuer."

Noch betraf dieser neue Angriff nur eine einzige US-Bank, die sofort Abwehrmaßnahmen einleitete. RSA warnt aber andere Banken, sich auf weitere Angriffe dieser Art gefasst zu machen und ihre Kunden zu warnen: nie, nie, niemals persönliche Zugangsdaten herauszurücken. Echte Bankmitarbeiter werden niemals nach diesen Daten fragen!

Die Kanzlerin kommt - "und alle so: yeah!"

Spreeblick-Blogger Johnny Haeusler nimmt die Idee eines Spreeblick-Lesers auf und ruft zum Flashmob beim Kanzlerin-Besuch in Hamburg an diesem Freitag auf.

Flashmob, ja, das gibt es noch: jene quasi-politische, aktionistische Dada-Demonstrationsform der synchronisierten Leiber, die einst von Hans Magnus Enzensberger in Schweden entdeckt wurde. Die Grundidee: Zu einem verabredeten Zeitpunkt tun an einem verabredeten Ort zahlreiche Menschen, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, scheinbar spontan gemeinsam irgendetwas Seltsames oder Irrationales. Meist sieht das so aus, dass sie plötzlich alle Hinfallen, in den Himmel gucken, auf einem Bein stehen oder seltsame Geräusche machen. Macht Spaß, viel mehr aber auch nicht. Flashmob ist gewollter Bruch des Alltags, eine humorige Passanten-Irritation.

Die neue Idee: Jedesmal, wenn die Kanzlerin bei ihrem Vortrag in Hamburg einen Satz beendet, soll das Flashmob-Publikum laut "Yeah!" rufen. Die Idee dafür entnahm Blogleser Edgar dem Bild eines Wahlplakats, das derzeit in den Blogs die Runde macht. Darauf fügte ein unbekannter Witzbold dem Plakatspruch "Die Kanzlerin kommt" ein "Und Alle so: "Yeaahh!" hinzu, und ganz Blogland lachte.

Ob der Aufruf fruchtet, erfährt Frau Merkel heute ab 19 Uhr auf dem Hamburger Gänsemarkt am Ausmaß der amerikanisch klingenden Zustimmung. Yeah.

Texterkennen von und für alle: Google kauft reCaptcha

Das US-Internetunternehmen Google hat am Mittwoch den Aufkauf des Web-Start-ups reCaptcha bekannt gegeben. Das Unternehmen stellt eine Software her, die Spam-Schutz und Texterkennung durch "crowdsourcing", also die Auslagerung von Arbeit an die Netznutzer, vereint.

Wer in Internetforen kommentieren will, muss oft obskure Zeichen-Folgen in Grafiken erkennen und korrekt eintippen. Das hält Spam-Roboter fern, ist aber eine gigantische Zeitverschwendung. Mit reCaptchas Software will Google sein Bücherscan-Projekt Google Books aufmöbeln. Denn Google scannt ungeheure Mengen von Büchern ein und verwandelt sie per Zeichenerkennung (OCR) in durchsuchbaren Text. Das aber klappt nicht immer, manchmal sind die Vorlagen nicht mehr im besten Zustand. In diesem Fall speichert die Erkennungssoftware das nicht identifizierte Wort als Grafik - für weitere Erkennungsversuche.

Das können Menschen noch immer besser als Software - und die sollen nun unbemerkt für die Google-Texterkennung eingesetzt werden. Die Wort-Bilder werden in Form von Captchas, also Spam-Roboter-Sperren, einfachen Surfern vorgesetzt - reCaptcha bedient angeblich 100.000 Web-Seiten mit dem Spam-Schutz. Entziffern mehrere Menschen den fast unleserlichen Text einheitlich, geht die reCaptcha-Software davon aus, dass der Text nun stimmen muss - und gibt die richtigen Textfetzen zurück an Google, wo die Ergebnisse in die beanstandeten Texte eingefügt werden. Clever.

Spielwelten helfen Blinden

Forscher der University of Chile und Harvard Medical School wollen Blinden helfen, sich in unbekanntem Terrain, in unbetretenen Häusern und unerschlossenen Plätzen zu orientieren. Helfen sollen ihnen dabei drei Audio-Spiele, welche von den Forschern so umprogrammiert wurden, dass sie die auditiven Gegebenheiten öffentlicher Orte nachbilden.

Will heißen: Statt sich in den Audio-Spielen durch verrufene Gewölbe zu schlagen, sollen die Blinden durch digitale Nachbauten von realen Orten steuern. Stoßen sie gegen eine Wand oder einen Laternenpfahl, macht die Spielfigur "uff", trippelt sie über Gras, Asphalt oder Stein ändert sich das Schrittgeräusch. Wollen Blinde neue Städte, ein neues Viertel, ja, den neuen Supermarkt um die Ecke erkunden, muss ihnen bisher oft noch ein Guide dabei helfen. Mit Hilfe der Spiele könnte der Blinde sich auch zu Hause neues Terrain erarbeiten. Fragt sich nur, wer die Unzahl möglicher und nötiger öffentlicher Orte in 3D-Modelle für Audiospiele verwandeln soll.

Übrigens: Viele Blinde sind begeisterte Computerspieler - denen die marktüblichen Audio-Games lange nicht genug sind: Sie spielen Renn- und Fußballspiele, hüpfen durch Super-Mario-Welten und treten in Egoshooter-Ballereien gegeneinander an.

Islamisten lauern auf schwule Chatter im Irak

Der "Observer" berichtet von islamistischen Gangs, die in Flirt-Chatrooms Jagd auf irakische Schwule machen, sie kidnappen, foltern und ermorden. Die Online-Chatrooms "seien die einfachste Möglichkeit, Leute zu finden, die den Islam zerstören und die das über Jahrhunderte aufgebaute Ansehen beschmutzen wollen", sagt einer der Täter dem "Guardian"-Autor. Er sei Mitglied einer von vielen Gruppen, die seit Anfang des Jahres über 130 schwule Iraker umgebracht haben sollen.

Ein zu den Fällen befragter Polizeibeamter dementiert einen homophoben Hintergrund der Morde.

Der erste Tablet-PC kommt (fast) von HP

Computerhersteller HP schlägt Apple ein Schnippchen und veröffentlicht als erster einen laut Venturebeat.com "wunderschönen Tablet-PC-artigen Computer". Doch sollten Erwartungen an den DreamScreen lieber zurückgeschraubt werden, der ist nämlich eher ein aufgebohrter digitaler Bilderrahmen mit Internetfähigkeiten: Er zeigt Bilder an, streamt Online-Radio, zeigt die Wettervorhersage und spielt auch Küchenuhr.

Bedient wird er nicht etwa über einen Touchscreen, sondern über drucklose Knöpfe im Rahmen. Der DreamScreen 100 kostet 249 Dollar, hat einen 10,2-Zoll-Bildschirm, für 50 Euro Aufpreis gibt's einen 13,3-Zoll-Monitor. Wer auf einen Touchscreen-Tablet-PC wartet, wartet weiter auf eine frohe Botschaft aus Cupertinowunderland.

Weitere Meldungen

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Web
RSS
alles zum Thema Netzticker
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Zum Autor
Felix Knoke schreibt von Berlin aus über elektronische Lebensaspekte und versucht sich vergeblich als Hitproduzent in seinem Wohnzimmerstudio.


Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.