Netzwelt-Ticker: Wikipedia-Autoren ziehen in den Löschkrieg - gegen Katzen

Von

Was gehört in die deutsche Wikipedia? Autoren streiten erbittert, weil die Lösch-Fraktion radikal entfernt, was sie für irrelevant hält: Artikel über Web-Phänomene und Vereine von Missbrauchsopfern zum Beispiel. Außerdem: Spannerglück mit "Google Voice", und Brigitte Zypries entdeckt Google SMS.

Streitobjekt: Wikipedia-Autoren streiten, ob Internetwitze über Katzen relevant sind Zur Großansicht
dpa

Streitobjekt: Wikipedia-Autoren streiten, ob Internetwitze über Katzen relevant sind

Eine neue Löschdebatte sorgt in der deutschen Wikipedia für Wirbel: In hitzigen Diskussionen stellen sich Wikipedia-Zuträger und Löschbefugte gegenseitig die Frage, welche Themen denn nun relevant genug für einen Eintrag sind. Den Löschbefugten wird vorgeworfen, ihre Privilegien auszunutzen, die Regeln der Online-Enzyklopädie überhart auszulegen.

Einer der kontrovers diskutierten Artikel zum Thema wurde im Aggregat7-Blog veröffentlicht: 99% aller Deutschen sind irrelevant. Blogautor Pavel listet darin auf, was ganz offenbar von den Wikipedia-Löschverantwortlichen als relevant eingestuft wird. Internetvideos, auch wenn sie zehn Millionen Zuschauer erreichten, sind nicht relevant, obskure Fernsehproduktionen mit einem Minipublikum aber immer; Banken sind immer relevant; als Religionsstifter sollte man 200.000 Anhänger haben, um für die deutsche Wikipedia relevant zu sein, als Katholik genügt es, selig- oder heiliggesprochen zu sein; und so weiter und so fort.

Auch "Fefe", der Blogger Felix von Leitner, führt teils absurd anmutende Lösch-Diskussionen an. Telepolis-Autorin Bettina Winsemann kommentiert: "Die Relevanzkriterien aber sind oftmals so absurd angewandt, dass zwangsläufig der Eindruck entstehen muss, hinter einer Löschung stünde eine andere Agenda." Torsten Kleinz vom Computernotizen-Blog hält die Diskussion jedoch für obskur: "Die Relevanzkriterien sind ein Mittel dazu, einen Ausgleich unterschiedlicher Standpunkte und Quellen herzustellen." Für einen ganz anderen Lösungsvorschlag plädiert Stefan Schulz im Sozialtheoristen-Blog: "In der Wikipedia fehlt ein externer Selektionsmechanismus."

Ein Anlass für die große Diskussion um Relevanz war die jüngste Löschung zweier Wikipedia-Einträge: Die Seite zu der im Rahmen der Zensursula-Debatte viel diskutierten Vereinigung "MissbrauchsOpfer Gegen InternetSperren (MOGIS)" wurde ebenso gelöscht wie der Eintrag zum Internet-Insiderwitz Lolcats.

"Relevanz" ist eines der meistumstrittenen Selektionskriterien innerhalb der Wikipedia. Die Relevanz-Kriterien sollen den enzyklopädischen Charakter der Wikipedia gewährleisten. So heißt es in Punkt 7.2. des Wikipedia-Eintrags " Was Wikipedia nicht ist": "Wikipedia ist kein allgemeines Personen-, Vereins-, Organisationen- oder Firmenverzeichnis."

Immer wieder flammt die Löschdiskussion in der Wikipedia neu auf. Wikipedia-Insider wie Tim Bartel sprechen von der Debatte zwischen Inklusionisten und Exklusionisten. Bartel fordert eine entspanntere und sachlichere Debatte. Der Fall, der am meisten Aufsehen erregte, liegt zwei Jahre zurück: Da löschten die Löschbefugten einfacheinen Restaurant-Eintrag des Wikipedia-Gründers Jimmy Wales. Ergebnis: 6200 Zeichen Artikel, 46.380 Zeichen Streit (Stand 30. September 2007).

Spielregeln für smarte Stromzähler

"Intelligente" Stromzähler sollen beim Energiesparen helfen und das jährliche Ablesen durch einen Stromanbieter-Mitarbeiter durch eine automatische Ablesung über Funk ersetzen. Doch die smarten Stromzähler könnten gegen Datenschutzgesetze verstoßen, warnt das unabhängige Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-Holstein (ULD): Theoretisch könnten die automatischen Ausleser alle 15 Minunten einen Schnappschuss vom aktuellen Energieverbrauch abliefern. In einem Gutachten des ULD heißt es: "Tagesabläufe spiegeln sich in der Nutzung von Energie wieder. Vergegenwärtigt man sich diese Abhängigkeit, wird deutlich, wie sehr die gerätegenaue Erfassung verbrauchter Energie zu einer Ausforschung der Lebensgewohnheiten der Betroffenen führen kann." Wäre der Smart Meter standardmäßig auf eine Auslesung alle 15 Minuten eingestellt, würde das gegen § 3a BDSG verstoßen - Datenvermeidung und Datensparsamkeit.

Amazon, Google, Facebook, Twitter unterstützen Netzneutralität

Die amerikanische Kommunikationsbehörde FCC entscheidet dieser Tage über Regelungen, welche die Netzneutralität - also die ursprungsblinde Gleichbehandlung von Daten durch Internetanbieter - in den Vereinigten Staaten gewährleisten soll. Gleich mehrere Internetriesen haben sich nun in Schreiben an die FCC gewandt mit der Bitte, das Internet doch bitteschön neutral zu halten. Google, Facebook, Amazon, Twitter und einige andere bekannte Internetfirmen antworten damit auch indirekt auf Bestrebungen von US-Kongressabgeordneten und den großen Telcos AT&T, Comcast und Verizon Communications, die alle eine strikte Regelung pro Netzneutralität verhindern wollen. Für sie bedeutet Netzneutralität eine Gefährdung ihrer Investitionen in den Ausbau der Internetinfrastruktur - eine Argumentation, die "Ars Technica" näher erklärt: Das Internet würde sterben.

In ihrem Brief heben Google und Co. aber die Wettbewerbsfreundlichkeit eines offenen Internets hervor: "Ein offenes Internet befeuert einen kompetitiven und effizienten Markt, auf dem Verbraucher letztlich die Entscheidung darüber haben, welche Produkte bestehen und welche scheitern." Nur mit Netzneutralität könnten Unternehmer jedweder Größe wirklich miteinander konkurrieren, heißt es in dem offenen Brief.

Kein Datenleck: "Google Voice"-Nachrichten im Netz

Die Szene könnte aus dem Soundtrack eines Horrorfilms stammen: Schreiende Mädchen, irgendwas zwischen Lachen und Sterben, 1:37 Minuten lang. Nur eine von vielen Sprachnachrichten, die "Google Voice"-Nutzer ins Netz gestellt haben - beabsichtigt oder auch nicht, das ist jetzt die Frage, die sich Autoren wie Michael Bettiol von "The Boy Genius Report" stellen. "Sieht ganz so aus, als ob Google heute Morgen mal reichlich Aufklärungsarbeit leisten muss." Wie könne es sein, dass unzählige von Google aufgezeichnete Google-Voice-Nachrichten mittels Suchmaschine auffindbar sind? Googles Antwort: Das war Absicht, Voice-Nutzer können selbst darüber entscheiden, ob ihre Nachrichten im Netz veröffentlicht werden sollen oder nicht. Trotzdem hat Google mittlerweile die Suchmaschineneinträge gelöscht, bei Yahoo sind sie aber immer noch auffindbar. Wunderschön: Googles Versuche, per Stimmenerkennung die Sprachnachrichten in geschriebenen Text zu übertragen. "Techcrunch" hat einige schöne Beispiele ausfindig gemacht.

Google SMS: Zypries kennt sich mit Internet aus

Noch im Sommer zeichnete der Branchenverband Eco die ehemalige Justizministerin Zypries zur "Internetpolitikerin des Jahres" aus. Jetzt trat sie auf den MetaRheinMain ChaosDays, einer Konferenz in Darmstadt, auf und diskutierte mit den anwesenden Nerds darüber, wie Datenschutz und informationelle Selbstbestimmung in Zukunft aussehen können. Ihre Ausführungen zu "Google SMS" machen jetzt, von höhnischen Kommentaren begleitet, die Runde auf YouTube. Google SMS, das sei doch "diese Verfolgungsspeicherung von Veränderungen von SMS, dass SMSe nicht mehr von Peer-to-Peer nur gehen, also von Person zu Person, sondern an andere weitergeleitet werden."

Weitere Meldungen

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Web
RSS
alles zum Thema Netzticker
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Fotostrecke
Netzsprache : So klingt das Katzen-Web

Zum Autor
Felix Knoke schreibt von Berlin aus über elektronische Lebensaspekte und versucht sich vergeblich als Hitproduzent in seinem Wohnzimmerstudio.

Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.A.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.