Netzwelt-Ticker Yahoo dreht Kunden die Musik ab

DRM-Debakel: Yahoo schaltet am 30. September seine Kopierschutzserver ab, die Kunden haben dann Musik mit Verfallsdatum - beim nächsten Rechnertausch laufen die Songs nicht mehr. Außerdem: Neue iPhone-Firmware könnte navigieren, CCC will elektronische Gesundheitskarte boykottieren.


Dass digitales Rechtemanagement (DRM) ein Fehler war, das sehen so langsam auch die einst lautesten Befürworter des Kopierschutzes ein. Doch der Wechsel zurück zur freien Musikdatei zieht Probleme nach sich. Ganz so, als ob man nichts aus dem MSN-Debakel gelernt hat, kündigte Yahoo nun an, ab dem 1. Oktober keine DRM-Dateien aus dem hauseigenen Yahoo-Musikladen mehr zu unterstützen. Das Problem: Am 30. September schaltet Yahoo den DRM-Server ab, ohne den kopiergeschützte Yahoo-Dateien nicht mehr auf ein neues Abspielgerät kopiert werden können. Kurz: Yahoo verurteilt Musikdateien zum frühen Tod – und das, wo Yahoo-Kunden dachten, die einmal gekaufte Musik auch zu besitzen ...

Die amerikanische Bürgerrechtsorganisation EFF ist deswegen schon ganz aus dem Häuschen: "Und schon wieder: Yahoo-Music wirft die DRM-Schlüssel weg."

Yahoo: Der Web-Konzern knipst seine Musik-Server aus
AFP

Yahoo: Der Web-Konzern knipst seine Musik-Server aus

Dass Yahoo mit DRM Schluss macht, ist natürlich keine verkehrte Sache, irgendwann müssen diese DRM-Server sowieso abgeschaltet werden. Die Electronic Frontier Foundation regt sich deswegen auch viel mehr darüber auf, dass Yahoo seine Kunden nicht vorwarnte und den Schaden, den sie offensichtlich erleiden, nicht kompensiert. Zum Beispiel mit einem Angebot, die Songs ganz einfach in ein nicht-kopiergeschütztes Format umtauschen oder umwandeln zu können. Einziger Trost: Der Yahoo-Musikshop hat ebenso wie sein MSN-Pendant kaum Kunden gehabt, die sich jetzt beschweren könnten.

Unterm Strich stellt sich DRM für Musikdateien als teurer Irrweg der Musikindustrie heraus, die Rechnung zahlen jedoch die Kunden. Und neuer Optimismus ist wenig angebracht: Noch viel wildere DRM-Versuche laufen derzeit mit Bewegtbild-Inhalten …

iPhone-Firmware 2.1: Mehr GPS, mehr Push

Apple hat anscheinend Vorabversionen der neuen iPhone-Firmware 2.1 an Entwickler herausgegeben. Als wohl wichtigstes neues Feature hat Gearlive.com verbesserte GPS-Funktionen ausgemacht: Das iPhone erkennt jetzt, in welche Richtung man sich wie schnell bewegt. Damit dürfte eine anständige Navigationslösung auf dem iPhone näher rücken. Apple-Manager Greg Joswiak entschuldigte sich noch vor zwei Wochen, dass zunächst noch "komplizierte Probleme" der Benutzung des iPhone als Navigerät im Wege stünden.

Ansonsten können nun Anwendungen auch Push-Nachrichten empfangen, obwohl sie nur im Hintergrund laufen: Damit kann man auch Instant-Messaging-Nachrichten empfangen, während der Messenger deaktiviert ist. Sehr praktisch! Außerdem werde die 2.1-Software einige der vielen sehr nervigen Bugs beheben.

Internet-Nutzer: China überholt USA

China hat nach eigenen Angaben die USA in der Anzahl von Internet-Nutzern überrundet. Demnach machen inzwischen 253 Millionen Chinesen vom World Wide Web Gebrauch, wie das Internet-Informationszentrum in Peking am Freitag mitteilte. Diese Bilanz vom Juni 2008 markiert ein Wachstum um 56 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gemessen an der Bevölkerung ist China mit einem Anteil von 19,1 Prozent allerdings bei weitem noch nicht so stark im Internet präsent wie die USA. Dort nutzen 71 Prozent der Bevölkerung das Netz beziehungsweise 223,1 Millionen Menschen. Auch das Werbepotential ist den Behörden zufolge in China noch lange nicht ausgeschöpft.

AP

CCC ruft zum Boykott der neuen Gesundheitskarte auf

Mehrere Krankenkassen fordern ihre Kunden auf, für die Ausstellung einer neuen Versichertenkarte ein Foto einzuschicken. Der Chaos Computer Club kritisiert in einer Pressemeldung diese Speicherung und verweist auf "gravierende Mängel" des "nicht schlüssigen Konzepts": "Wir raten daher den Versicherten, der Aufforderung nach Einsendung eines Fotos nicht nachzukommen und damit die flächendeckende Einführung der neuen Gesundheitskarte zu verzögern, bis grundlegende Fragen zum Schutz der sensiblen Daten geklärt sind." Zumal manche Krankenkassen übers Ziel hinausschießen: Die IKK Sachsen bestehe laut CCC sogar darauf, das Foto müsse biometrisch vermessbar sein – und verweist auf eine gesetzliche Verpflichtung. Zwar stimmt es, dass zukünftig Fotos der Versicherten auf der Krankenkarte gespeichert werden müssen – wie diese auszusehen haben, lege § 291 des Sozialgesetzbuches aber nicht fest. Der CCC ruft deshalb zum bunten Fotoboykott auf: "Der Kreativität sind also keine Grenzen gesetzt." Es sei sowieso fraglich sei, welche Sanktionsmöglichkeiten die Krankenkassen haben, wenn der Versicherte kein Foto einschickt – oder eines mit Clownsnase.

Ein Sprecher der Techniker Krankenkasse beschwichtigt: "Wir nehmen die Bedenken unserer Versicherten ernst." Aber: Die Krankenkarte verbessere doch den Datenschutz, da es die Daten ja auch schon vorher gegeben habe. Mit der neuen Karte könne der Patient bestimmen, wer welche Daten über ihn zu sehen bekäme. Wem das alles zu unsicher scheint, der könne ja auch ganz auf die Karte verzichten und sich beim Arzt auf Rechnung behandeln lassen. Und bei den Fotos werde man sich kulant zeigen: "Es reicht, wenn die Person erkennbar ist." Kinder, Schwerkranke und bestimmte religiöse Gruppen seien vom Fotozwang ohnehin ausgenommen.

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