Netzwerk trifft Marktplatz Die seltsame Welt des Social Shopping

Finden, Vergleichen, Schnäppchen machen - meist ist der Einkauf im Web eine nüchterne Sache. Das muss nicht so sein: Auf immer mehr Seiten empfehlen sich Kunden ausgefallene, besondere oder selbstgemachte Produkte. Der Plausch mit Händlern und Gleichgesinnten kommt dabei nicht zu kurz.

Von Dirk Kunde


Dem Online-Einkauf fehlt das Persönliche. Kein Schwätzchen mit dem Verkäufer oder anderen Kunden, es geht nur um das Produkt. "Doch soziale Beziehungen finden immer mehr im Internet statt. Da ist es logisch, dass sich dies auf das Online-Shopping überträgt", sagt Björn Schäfers, Geschäftsführer von Smatch.com. So verbirgt sich hinter dem Schlagwort Social Shopping eigentlich Altbekanntes.

Der freundliche Mann vom Markt: Schnäppchen hin oder her, viele Kunden vermissen beim Web-Einkauf persönliche Kontakte. Das kann man - zumindest gefühlt - ändern
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Der freundliche Mann vom Markt: Schnäppchen hin oder her, viele Kunden vermissen beim Web-Einkauf persönliche Kontakte. Das kann man - zumindest gefühlt - ändern

"Es ist wie auf dem Wochenmarkt, da plauscht man auch mit seinem Lieblingshändler über die Kinder und Alltagsdinge", meint Claudia Helming, Geschäftsführerin von Dawanda.de. Auf ihrer Seite findet man individualisierte Produkte. Meist selbstgemacht in kleinen Manufakturen. Der Trend schwappt mit etlichen Jahren Verspätung aus den USA über den Atlantik: Dort sind Mode, Schmuck, Deko- und Geschenkartikel mit Do-it-Yourself-Appeal seit Jahren en vogue.

Da bietet "Figurenmacher" Handpuppen an, die nach Familienfotos modelliert sind. "Ideenreich" schneidert aus der Hochzeitskrawatte von "Nells" Ehemann eine Handy-Tasche, weil der Gatte die Krawatte zwar nicht mehr trägt, sie aber auch nicht wegschmeißen kann. Es ist ein munterer Basar auf dem geplauscht, gehandelt und nach persönlichen Wünschen produziert wird.

Qual der Wahl

"Wir bringen Menschen mit guten Ideen und guten Produkten zusammen", sagt Peter Ambrozy über seine Gründung Edelight.de. Vor zwei Jahren ist sie als Geschenkplattform gestartet. Mittlerweile hat sie sich zu einer Empfehlungsplattform für jegliche Produkte und alle Anlässe entwickelt. Dabei setzt Ambrozy den Nutzern keine Einschränkungen. Selbst die Umfrage "Qual der Wahl" kann man nach eigenen Wünschen gestalten. Dabei stellen Leute zwei Produkte gegenüber, zwischen denen sie sich nicht entscheiden können. Die Gemeinschaft gibt ihren Senf in Form von Pro und Contra dazu.

Um vor allem Frauen beim Online-Shopping zu inspirieren, hat Ambrozys Team eine Produkt-Wolke entwickelt. Man wählt beispielsweise ein Kleid und sieht darum plaziert andere passende Kleidungsstücke. Diesen Stylefinder hat Ambrozy unter anderem für das Modemagazin "Elle" realisiert. Beim Otto-Ableger Smatch.com heißt das Style Editor. Die vorwiegend weibliche Nutzerschaft kann Kleidung, Möbel und Accessoires in einer Bilddatei frei arrangieren und kombinieren. Dann können die Freundinnen mitdiskutieren.

"Während sich früher Schaufenster-Dekorateure oder Katalogseiten-Gestalter überlegt haben, wie Produkte inszeniert werden sollten und welche Kombinationen zusammenpassen, übernimmt dies heute der User im Web selbst", sagt Geschäftsführer Björn Schäfers. Doch Smatch redet bei der Auswahl mit. Die Nutzer haben Zugriff auf rund eine halbe Million Produkte aus mehr als 200 Shops.

Das Besondere finden

Völlig frei sind die Nutzer mit ihrem Empfehlungen bei Qype.de. Hier geht es darum, das Besondere zu finden. So ergibt die Suche nach Schokolade in Berlin 116 Treffer, und es sind gleich 504 zu Wein in Hamburg.

"Unsere Nutzer sind Spezialisten für ein Thema oder einen Stadtteil", sagt Gründer Stephan Uhrenbacher. Besonders ausgeprägt ist hier die Abneigung gegen die standardisierte Einkaufswelt. Beschreibt ein Nutzer die Niederlassung einer Filialkette, hagelt es negative Kommentare und Bewertungen. Besonders gut kommt da die Beschreibung eines Optikers an, der für Billardspieler spezielle Kontaktlinsen anfertigt.

Fenchelschinken und Roquefort

Aber genau die Händler, die etwas Spezielles anbieten, haben im stationären Handel wirtschaftliche Schwierigkeiten. "Wenn der Kunde nur einmal pro Woche in den Laden kommt, hat der Händler ein Problem", sagt Hans-Georg Pestka, einer von zwei Gründern der Genusshandwerker.de in Düsseldorf. Sie bieten Herstellern von frischen Lebensmitteln eine Plattform im Netz.

Ein Beispiel dafür ist der Bäcker Jochen Haverland, der im westfälischen Soest Pumpernickel backt. Sein Brot, aber auch Fleisch, Käse und Fisch von Anbietern aus ganz Europa findet man bei den Genusshandwerkern. Jeder Anbieter wird mit einem Porträt vorgestellt. Das war es aber auch schon mit Web 2.0-Elementen - ein Blog ist noch in Planung.

Die beiden Gründer konzentrieren sich auf intelligente Versandlösungen für frische Lebensmittel. Jeden Donnerstagabend gehen die Pakete, durch Trockeneis in einem separaten Fach gekühlt, auf die Reise. Per Expressversand sind sie am Freitag beim Kunden. Der Clou: Ein farbiges Frische-Herz zeigt an, ob die Kühlkette unterbrochen wurde.

So weiß ein Online-Kunde genau, wer seinen Fenchelschinken eingelegt hat, kennt den Schokoladenhersteller seines Nachtisches und weiß dank Online-Abstimmung endlich, welches Handy er kaufen soll. Die Qual der Wahl hat ein Ende - und vielen Dank auch fürs Gespräch.



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