Neue Regeln Twitter verstärkt App-Kontrolle

Lange glänzte Twitter durch seine Offenheit. Entwickler konnten Apps und Werkzeuge entwickeln, die den Dienst um nützliche Funktionen erweiterten. Doch damit könnte bald Schluss sein: Das Unternehmen gibt künftig genau vor, was erlaubt ist und was nicht.

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Twitter-Website (Archivbild): Twitter folgt seinen Interessen
Getty Images

Twitter-Website (Archivbild): Twitter folgt seinen Interessen


Hamburg - Weniger Abrufe, genaue Identifizierung, enge Vorgaben: Was Entwickler mit Twitter-Daten anstellen dürfen, soll künftig stärker als bisher vorgegeben werden. Das kündigte Twitter-Manager Michael Sippey in einem Blogpost an. Der Kurznachrichtendienst bietet eine Schnittstelle, eine sogenannte API an, über die auf Inhalte und Funktionen zugegriffen werden kann.

Die Twitter-Erfolgsgeschichte beruht auf zwei Faktoren: Einfachheit - das soziale Netzwerk lädt ein, 140 Zeichen lange Nachrichten zu verschicken, mehr nicht - und Offenheit. Mit Hilfe der API entstanden Twitter-Programme für Smartphones, Plug-ins für Browser und Clients zum Verwalten mehrerer Nutzerkonten. Es entstanden Analysetools und Dienste, mit denen sich mittels Twitter-Nachrichten Geschichten erzählen lassen.

Einige dieser Clients übernahm Twitter gleich selbst, anderen Entwicklern teilte das Unternehmen sinngemäß mit: Konzentriert euch auf zusätzliche Dienste, überlasst das Programmieren von Apps lieber uns. Auch Link-Verkürzern und Bildanbietern setzte das Unternehmen eigene Angebote vor. Nun hat Michael Sippey konkretisiert, was das Unternehmen künftig noch erlaubt - und was es von den Entwicklern von Drittanwendungen erwartet.

Neue Regeln gängeln Entwickler

Das Ökosystem, wie die Gesamtheit der Apps und Dienste genannt wird, die von einer Schnittstelle abhängig sind, teilt Sippey in eine Vier-Felder-Matrix auf. Er sortiert Apps nach ihrer Zielgruppe - Endanwender oder Geschäftskunde - und nach ihrem Zweck - Twitter-Nutzung oder Analyse. Wer sich an Endanwender richtet und Twitter-Funktionen anbietet, wird am stärksten von den neuen Regeln gegängelt.

Um sich vor massenhaften Anfragen zu schützen, erfordert die API künftig eine genaue Anmeldung. Die Anzahl der Zugriffe wird außerdem in vielen Fällen weiter eingeschränkt. Wer ein Twitter-Programm anbietet und mehr als 100.000 Nutzer hat, muss künftig eine Erlaubnis von Twitter einholen. Nach welchen Kriterien diese erteilt wird, ist bisher nicht bekannt - entsprechend groß ist der Aufschrei bei Entwicklern und Nutzern.

Vor allem will Twitter bestimmen, wie Tweets angezeigt werden. Wer das vorhat, und dabei auf die API zugreift, soll künftig Twitter-Funktionen mitanbieten - und darf wohl auch keine zusätzlichen Funktionen wie eine Integration mit Diensten wie Instapaper oder Klippt anbieten. So liest jedenfalls Matthew Panzarino von The Next Web die neuen Richtlinien. Twitter will genau kontrollieren, wie Tweets aussehen.

Twitter wird zum Medienhaus

Das hängt nicht nur mit der Werbung zusammen, die Twitter seinen Nutzern anzeigen und somit Geld verdienen will. Denn von einem reinen Textdienst entwickelt sich Twitter immer mehr zu einem Medienhaus. Am deutlichsten sichtbar wurde das während der Olympischen Sommerspiele in London. Etliche Sportler befüllten ihre Twitter-Accounts mit Nachrichten und Bildern, Mitarbeiter hatten ganze Teams im Einsatz des sozialen Netzwerks geschult: Twitter hatte Olympia übernommen, Interessenskonflikte wegen einer Medienpartnerschaft mit dem US-Sender NBC inklusive.

Inhalte neben Werbung, auf dieses Modell setzt auch Twitter. Mehr als 400 Entwickler und Twitterer testen derzeit eine Funktion namens Twitter Cards, bei der zu einem Link auf ein Angebot automatisch Snippets mitangezeigt werden, also ein Vorschaubild und ein wenig Text (SPIEGEL ONLINE ist einer dieser Verlage). Solche zusätzlichen Funktionen erfordern offenbar eine stärkere Kontrolle der Plattform.

Mit Offenheit wurde Twitter groß, nun wird am Geschäftsmodell gearbeitet und die Kontrolle angezogen, angeblich im Sinne der Nutzer. Ein Muster, das man so ähnlich schon bei Facebook, Apple und Google beobachten konnte. Das sogenannte Ökosystem, das eine Plattform attraktiver machen kann, leidet dann darunter. Bei Twitter soll es immerhin eine Übergangsfrist von sechs Monaten zwischen Einsatz der neuen Regeln und strikter Durchsetzung geben.

Blogger Anil Dash hat sich die Mühe gemacht, und die Twitter-Mitteilung in freundlichere Worte verpackt. Mit ein wenig Sprachkosmetik könnten sich die neuen Regeln deutlich entspannter lesen.



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