Neue Bastel-Fans: Warum Hacker süße Papiermonster kleben

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Schneiden, falten, kleben - Kartonmodellbau war vor Jahrzehnten populär. Nun entdecken Hacker ihre Bastelleidenschaft: Kartonbau heißt Papercraft, Manga-Figuren und Computerspiel-Helden sind die Vorlagen, sogar Künstler entwerfen Bastelbögen - und verschenken ihre Werke im Web.

Wer lange genug sucht, kann im berüchtigten Webforum 4Chan Anleitungen für alle erdenklichen Streiche finden: Hier stand während des US-Wahlkampfs im Sommer, wie man an die privaten E-Mails von Vize-Kandidatin Sarah Palin kommt. Eine anonyme Netzguerilla heckte hier aus, wie man Googles Rangliste der aktuell häufig gesuchte Wortgruppen manipuliert, spiegelverkehrte Hakenkreuze und Beschimpfungen wie "Fuck you google" an die Spitze treibt. In solch einem Umfeld vermutet man alles - aber wohl kaum Debatten über Kartonmodellbau.

Aber tatsächlich debattieren im zentralen Forum der Netzguerilla zu jeder Tages- und Nachtzeit Hunderte von Menschen, die sonst wohl eher Computer, Programme und Webseiten auseinandernehmen, Kartonstärken, Schneidetechnik und die neusten Modellbausätze.

Da fragt am zweiten Weihnachtfeiertag um ein Uhr morgens jemand nach einem Papiermodell des Minibusses aus der Scooby-Doo-Zeichentrickserie. 20 Minuten später hat jemand eine einfache Schablone zum Ausdrucken hochgeladen, etwas später folgt ein Link zum kompletten Scooby-Doo-Bausatz.

Wer bei Modellbau an biedere Weihnachtsgeschenke denkt, wird die Vorlagen der neuen Bastel-Fans gar nicht erkennen: Es gibt Modelle von Computerspiel-Monstern, japanischen Anime-Figuren, Cola-Automaten und kleinen Kätzchen. Eine krude Mischung von Figuren aus der populären Kultur, deren Herkunft nur echte Fans entschlüsseln können.

Informatiker und Designer sind die neuen Modellbastler

Wer nie das legendäre Spiel Quake gesehen hat, wird die Kartonmodelle des US-Grafikdesigner Bhautik Joshi vielleicht für Monster aus den H.P. Lovecrafts Romanen halten. Aber Figuren wie das riesige, affenähnliche Ungetüm namens Shambler stammen aus Computerspielen. Klassische Spiele wie Quake sind für Modellgestalter Bhautik Joshi ideale Vorlage, wie er auf seiner Kartonbastelseite erklärt: "Das Spiel ist perfekt für Kartonmodelle, keine zweidimensionalen Modelle mehr wie im Vorgänger Doom, aber nicht zu viele Details wie in modernen Spielen."

Joshi ist beispielhaft für die neuen Generation der Kartonmodellbauer: Der Mittdreißiger hat Informatik, dann Biomedizintechnik studiert, eine Doktorarbeit über den Einsatz von Computeranimation bei Operationen geschrieben und arbeitet derzeit als Forscher bei George Lucas' Animationsfirma "Industrial Light and Magic".

Monster und Manga-Helden

Mit dem Kartonmodellbau, wie man ihn in Deutschland kennt, hat das wenig zu tun. Burgen, Städte, Schiffe und Flugzeuge - das waren einst die beliebtesten Motive der in den 50er Jahren in großen Auflagen verkauften Kartonmodellbaubögen. So ist das heute noch, wenn man sich die Seiten der deutschen "Interessengemeinschaft Kartonmodellbau" anschaut. Diese klassischen, von Verlagen vertriebenen Bausätze für Kartonmodelle sind heute allerdings ein Nischenphänomen.

Im Web boomt das Hobby hingegen - unter einem anderen Namen allerdings: Papercraft. So heißt Kartonbau in Japan. Von dort ist die neue Begeisterung fürs Basteln in den Westen herübergeschwappt.

Ein schöne Wendung dieser Erfolgsgeschichte ist, dass ausgerechnet das Internet und moderne 3D-Aninmationssoftware ein so altes Hobbys (die ersten Modellbaubögen verkaufte ein Londoner Verlag um 1840) auf einem so traditionellen Werkstoff wie Papier wiederbeleben. Aber es ist so: Wer heute unter 30 ist und Kartonmodelle klebt, hat höchwahrscheinlich die meiste Zeit seiner Jugend vorm Computer verbracht.

Basteln nach Open-Source-Prinzip

Den Zusammenhang von Kartonmodellen und Computertechnik erklärt der Niederländer Ralf Wigboldus, der ein Forum für Kartonmodelle von Figuren aus Nintendo-Spielen betreibt, so: "Dieser Trend nährt sich selbst: Es gibt im Laden kaum Modellbögen zu kaufen. Wir entwerfen eigene Modelle, natürlich am Computer. Weil das sehr viel Zeit und Kraft kostet, teilt man seine Entwürfe mit anderen, was wieder neue Bastler anlockt."

In diesem Kreislauf erhalten die allermeisten Gestalter als Lohn für ihre Mühe Lob, Bewunderung und ein Verbesserungsvorschläge. Das klingt ein wenig nach der Idee der "Open Source"-Bewegung ( Begriffserklärung bei SPIEGEL WISSEN), die nach einem ähnlichen Muster Software entwickelt.

Wie die Open-Source-Bewegung ist auch die Papercraft-Gemeinschaft wirklich international - alle verstehen Englisch, besuchen dieselben Internetforen und laden ihre Entwürfe in universellen Dateiformaten hoch. Hier entwickelt sich die Gemeinschaft der Kartonbastler ähnlich wie die große Lego-Hacker-Community (siehe Fotostrecke unten).

Computer-Tüftler begeistern sich schon seit Jahren für Lego-Bausätze. In den Vereinigten Staaten gibt es sogar ein Lego-Fachmagazin für Erwachsene. Chefredakteur Joe Meno erklärte SPIEGEL ONLINE die Faszination der Computer-Generation für die Dänen-Klötzchen so: "Lego ist sehr hacker-freundlich. Der Lego-Prozess kommt dem Hacken nahe: schaffen, tüfteln, testen, verbessern. Jeder kann nach seinen eigenen Regeln weiterbauen."

Fast alle Vorlagen gibt's kostenlos im Web

Kartonbau treibt dieses Prinzip auf die Spitze: Alles ist möglich - ein guter Farbdrucker und Papier in der richtigen Stärke vorausgesetzt. Anders als bei Lego ist das Baumaterial unbegrenzt und kostenlos verfügbar, fast so wie beim Programmcode.

Neu ist am Webphänomen Papercraft, dass hier nicht nur Informatiker und Nerds mitarbeiten, sondern auch Grafikdesigner, die das Modellbau-Spektrum um ganz neue, manchmal bizarre, manchmal schöne Figuren bereichern.

Der Illustrator Eric Wiryanata aus Jakarta etwa, der eigene Figuren wie "Lemi, den Weltraumtouristen" oder "Wilson, den Roboter" in surrealen Farben entwirft. Oder die spanischen Comic-Zeichner Sento Llobell und Toni Vaca, die Kartonmodelle von Politiker entwerfen und kostenlos ins Web stellen.

Warum? "Es ist toll, Entwürfe mit so vielen Menschen zu teilen."

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