Neue Bücher zur digitalen Welt: Der Google-Komplex

Ein einmaliger Blick hinter die Kulissen von Google gelingt Steven Levy, ein Buch huldigt dem iLeader und Apple-Chef Steve Jobs, und "30 Rock"-Erfinderin Tina Fey schreibt über Internet-Trolle: in Bookmarks, unserer digitalen Bücherschau.

Google-Trio Sergey Brin, Larry Page und Eric Schmidt: Einblicke in Googles Innenwelt Zur Großansicht
REUTERS

Google-Trio Sergey Brin, Larry Page und Eric Schmidt: Einblicke in Googles Innenwelt

Steven Levy: "In the Plex"

Dies ist die Geschichte von zwei Nerds, Sergey Brin und Larry Page, und wie sie mit ihrer Armee von Superhirnen die Welt verändern. Denn Google ist nicht nur eine ausgefeilte Wissensmaschine mit Datencentern und Glasfaserverbindungen rund um die Welt, sondern gleichzeitig eine Projektwerkstatt für Genies mit nahezu unbegrenzten Ressourcen. Wie keinem Journalisten zuvor gewährte das Unternehmen dem "Wired"-Autor Steven Levy Zugang zum Firmensitz im kalifornischen Mountain View, dem Googleplex.

Über Jahre hat Levy recherchiert, mit aktuellen und ehemaligen Mitarbeitern gesprochen, an internen Konferenzen teilgenommen, um zu verstehen, wie Google funktioniert. Sein Buch "In the Plex: How Google Thinks, Works and Shapes our Lives" erzählt nicht nur die Google-Geschichte, gespickt mit netten Anekdoten, sondern fügt die vielen Entscheidungen zu einem großen Gesamtbild. Plötzlich passen sogar sich selbst steuernde Autos und eine Web-Textverarbeitung zusammen.

Brin und Page wollen unser aller Leben verbessern, sie vertrauen dabei auf rationale Entscheidungen auf Basis großer Datenmengen. Eher zufällig kam Google zu seiner größten Einnahmequelle, den auf Suchanfragen zugeschnittenen Kleinanzeigen, die über ausgeklügelte Auktion verkauft werden und die von der Website fliegen, wenn sich kein Nutzer für sie interessiert.

Buchtipp
Steven Levy:
In The Plex.

Sprache: Englisch.

Simon + Schuster; 424 Seiten; 19,54 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.

Ansonsten wird herumprobiert, mittlerweile von 26.000 Mitarbeitern in Büros in diversen Ländern, dann und wann begeistern sich die Gründer für eine Idee - und stellen wieder einmal eine Branche auf den Kopf. Auch in China, wo die Suchmaschine für einige Zeit mit der staatlichen Zensur kooperierte, was dem Firmenmotto "Don't be evil" widersprach und innerhalb Googles zur Krise führte.

So magisch das Unternehmen seinen Anfang nahm, desto desillusionierter ist auch Levy von dem ungebändigten Chaos, das sich all zu oft selbst im Weg steht. Die flache Hierarchie, die sich Google nach wie vor bewahrt, führt mit zunehmender Größe zu Problemen. Viel zu spät erkennt Google die Bedeutung von sozialen Netzwerken, dabei betreibt der Konzern in Brasilien und Indien recht erfolgreich ein eigenes. Doch in Kalifornien kümmert sich niemand so richtig um Orkut, wichtige Mitarbeiter verlassen den Googleplex und wechseln zu Facebook.

Levy beschreibt, wie Google immer mehr zu einer ganz gewöhnlichen Firma wird. Mit Tausenden Hochintelligenten Mitarbeitern, aber dennoch: eine Firma. Das Buch endet damit, das Larry Page dieses Jahr den CEO-Posten übernimmt, enttäuscht davon, dass selbst die Genies von Google in ihrer Paradiesumgebung nicht genügend visionäre Kraft für die Lösung wahnsinnig komplexer Probleme aufbringen.

Wird Google zum nächsten Microsoft, zum behäbigen Riesen? Die Antwort bleibt Levy schuldig, aber darauf kommt es letztlich gar nicht an. Viel wichtiger ist die Denkweise, die von den linken Gehirnhälften der Firmengründer in alle Firmenebenen vererbt wird. 8084 Titel listet Amazon zu dem Suchwort "Google" auf, bei dem deutschen Online-Buchhändler Libri sind es immerhin 140. Wenn man nur eins davon lesen könnte, dann unbedingt dieses. Ole Reißmann

Jay Elliot und William S. Simon: "Steve Jobs - iLeadership"

Bücher über Apple und Steve Jobs gibt es zuhauf. Doch sie alle eint ein Makel: Ihre Autoren mussten sich ihr Wissen über die Firma und ihren Chef von Insidern vermitteln lassen. Bei Jay Elliot und seinem Buch "Steve Jobs - iLeadership" ist das anders: Elliott ist selbst ein Insider, hat die Firma und vor allem Steve Jobs über Jahre persönlich kennengelernt und erst jetzt, mit reichlich Abstand, gemeinsam mit William L. Simons aufgeschrieben.

Das Inhaltsverzeichnis zeichnet allerdings ein irreführendes Bild von dem, was Elliot zu erzählen hat. Überschriften wie "Talent-Regeln", "Mannschaftssport" oder "Ganzheitliche Produktentwicklung" versprechen eine Art Management-Handbuch, das die geheimen Tricks des Steve Jobs erklärt. Tatsächlich aber schildert Elliott die Geschichte des Unternehmens Apple und vor allem, wie Steve Jobs es führt, wie er Mitarbeiter führt und wie er Produktideen entwickelt und oft auch wieder verwirft. Das allerdings tut er aus einem so persönlichen Blickwinkel, wie man es bisher eben nicht gelesen hat.

Buchtipp

Jay Elliot, William L Simon:
iLeadership
Mit Charisma und Coolness an die Spitze.

Sprache: Englisch. Übersetzt von G. Maximilian Knauer.

Ariston Verlag; 272 Seiten; 19,99 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.

Eine Anleitung, wie man ein guter Manager wird, ist das Buch deshalb nicht, wohl aber eine unterhaltsame und oft aufschlussreiche Lektüre für alle, die sich schon immer gefragt haben, weshalb ausgerechnet dieses Unternehmen, bei dem es nie Sonderangebote gibt, dessen Produkte meist weniger Funktionen haben als die der Konkurrenz und das um alles Neue den Nimbus des Geheimen wabern lässt, so unfassbar erfolgreich ist.

Das Buch lebt dabei weniger von den Management-Weisheiten, die Elliott aus Jobs Verhalten ableitet ("Produkte als Lockmittel für Talente", "Den 'Künstler' in jedem ermutigen"), sondern von dem Fundus an Details und Anekdoten, die Elliott kennt. Das fängt damit an, wie er den ihm damals noch unbekannt Jobs zufällig in einem Restaurant kennenlernt und wenig später von dem viel jüngeren Firmengründer einen Job angeboten bekommt, für den er seine sichere Anstellung beim Chip-Hersteller Intel sausen lässt. Und es endet mit einem "Brief an Steve Jobs", den Elliott mit einer weiteren Anekdote schmückt, in dem er seinem ehemaligen Chef aber vor allem noch einmal ausdrücklich erklärt, was für ein großer Fan er eigentlich ist.

Eine vollkommen überflüssige Ergänzung, denn von der ersten bis zu letzten Seite ist kaum zu übersehen, dass hier ein Fanboy seinem Idol huldigt - allerdings auf angenehm unaufgeregte, lesenswerte Weise. Matthias Kremp

Tina Fey: "Bossy Pants"

Tina Fey kennen wir in Deutschland vor allem übers Internet. Erst haben wir ihre großartige Sarah-Palin-Parodie auf YouTube entdeckt, dann haben wir uns online ihre Sitcom "30 Rock" angeschaut und uns schließlich begeistert die neuesten Folgen ... auf DVD gekauft. Tina Fey kennt uns auch übers Internet. Oder besser gesagt: die Menschen, die Böses über sie im Internet schreiben. Deshalb heißt eines der Kapitel in ihrem autobiografischen Buch "Bossypants" auch "Dear Internet".

"Eine der Sachen, die ich am meisten bedauere - abgesehen davon, der Zodiac-Killer zu sein nicht Tango tanzen zu können - ist, nicht genug Zeit zu haben, auf all die wunderbaren Zuschriften einzugehen, die ich erhalte. Wenn Leute sich schon die Mühe machen zu schreiben, dann gebieten es die guten Manieren, sie mit demselben Geschenk zu beehren", beginnt das Kapitel. Dann zitiert Fey einige Postings von Klatschblogs wie tmz ("Wann tut Tina endlich mal was gegen diese grauenhafte Narbe auf ihrer Wange?") oder Dlisted ("Tina Fey ist ein hässlicher, birnenförmiger, schlampiger, überbewerteter Troll") - und geht dann ausführlich auf sie ein.

Buchtipp

Tina Fey:
Bossypants.

Sprache: Englisch.

Little, Brown Book Group; 17,06 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.

Das ist nicht nur so lustig, wie man es von einer herausragenden Komikerin wie Fey erwartet ("Mich als überbewerteten Troll zu bezeichnen, obwohl du mich noch nie beim Brücke bewachen gesehen hast, ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit."). Es ist auch ehrlicher, als man es von einem Star je erwartet hätte. Denn anstatt sich darüber auszulassen, wie wichtig es für sie war, sich selbst zu finden und nur an sich selbst zu glauben, legt Fey ihre Unsicherheiten bar. Wie schon in ihrer Paraderolle als Sitcom-Chefin Liz Lemon schlägt Fey gnadenlos Kapital aus ihren eigenen Schwächen (sie beschreibt sich zu Beginn ihrer College-Zeit als "breithüftiges, sarkastisches, griechisches Mädchen, dessen kurze Haare auch noch dauergewellt sind") und gibt zu, wie sehr sie Kritik und Häme doch treffen. Dass sie dabei auch Blog-Kommentare und Hass-Mails erwähnt, zeigt, welchen Stellenwert das Internet auch im Leben von Stars eingenommen hat.

Passenderweise endet Tina Fey "Bossypants" mit einem Stoßgebet für ihre erstgeborene Tochter. Darin heißt es unter anderem: "Oh Herrgott, bitte zerstöre das Internet für immer. Auf dass sie von den falsch geschriebenen Schmähungen ihrer Altergenossen verschont bleibt - und der Online-Marketing-Kampagne von "Rape Hostel V - Mädchen wollen nur erstochen werden". Hannah Pilarczyk

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Griechisch?
Tobsen77 01.06.2011
(sie beschreibt sich zu Beginn ihrer College-Zeit als "breithüftiges, sarkastisches, griechisches Mädchen, dessen kurze Haare auch noch dauergewellt sind") Ohne das Buch gelesen zu haben behaupte ich mal, daß im Original "geek" steht und nicht "greek".
2. Greek
macfan 01.06.2011
Zitat von Tobsen77(sie beschreibt sich zu Beginn ihrer College-Zeit als "breithüftiges, sarkastisches, griechisches Mädchen, dessen kurze Haare auch noch dauergewellt sind") Ohne das Buch gelesen zu haben behaupte ich mal, daß im Original "geek" steht und nicht "greek".
Falsch! Siehe http://www.nytimes.com/2011/04/04/books/bossypants-by-tina-fey-review.html http://byrd2962.wordpress.com/2011/05/14/bossypants-–-tina-fey/ http://www.talonwp.com/2011/05/lifestyle/memoirs-of-a-comedienne-tina-fey-inspires-laughter/ Gruß, Horst
3. Hoppla!
Tobsen77 06.06.2011
In diesem Fall nehme ich alles zurück und behaupte das Gegenteil!
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