Neue Lego-Fans Hacker bauen den Bonbon-Bomber

Computer-Tüftler lieben Lego und basteln Klötzchen-Roboter, die zu verrückt für Legos offizielle Bausätze sind. SPIEGEL ONLINE zeigt die aberwitzigen Werke: Sie werfen faulen Hackern Bonbons zu, sortieren Dominosteine und bringen Rubik-Würfel in Form.


Ulrik Pilegaard kann Lego-Fans endlich die Konstruktionen basteln lassen, die selbst dem dänischen Spielkonzern zu abgedreht gewesen sind. Das Lego-Katapult zum Beispiel, das auf Knopfdruck Süßigkeiten (M&Ms, Bonbons, Gummibärchen) durchs Wohnzimmer in Pilegaards Schoß schleudert.

Bei Lego hätte Pilegaard – bis 2004 Entwickler für Roboter-Modelle beim dänischen Spielehersteller - die Pläne des so sinnlosen wie amüsanten Bonbon-Bombers (mit neutraler Munition im Video unten zu sehen) nie veröffentlichen können. Die Idee verstößt gleich gegen mehrere Lego-Sicherheitsregeln: Bausätze dürfen keine Nicht-Lego-Elemente (Bonbons, Plastiklöffel) nutzen - und erst recht nicht durch die Gegend feuern.

Für Pilegaard gelten die Lego-Regeln nicht mehr, er arbeitet heute für die Solarfirma, die Googles Zentrale ein Solardach verpasste. In seiner Freizeit entwickelt Pilegaard mit seinem Ex-Kollegen Mike Dooley verrückte Lego-Bauanleitungen, die gegen alle Regeln verstoßen: Bonbon-Bomber, Tischtennisball-Kanonen und Klötzchen-Pistolen. Die Baupläne stehen im Buch "Forbidden Lego", das dem ersten Netzecho nach die neue Bibel der Lego-Hacker werden könnte.

Veröffentlicht hat den Lego-Band erstaunlicherweise ein US-Fachverlag für Computerbücher. Die Titel von "No Starch Press" erklären ansonsten, wie man portablen Code schreibt, OpenBSD verwaltet oder die Xbox hackt. Doch jetzt hat der Verlag gleich drei neue Lego-Bücher im Programm.

Legos neue Fans: Programmierer, Hacker, Tüftler

Die Dänen-Klötzchen haben eine neue, begeisterte Fangemeinde: Programmierer, Hacker und Computer-Tüftler. In "Spook Country", dem neuen Roman des Cyberpunk-Erfinders William Gibson taucht schon auf der ersten Seite ein Roboter aus weißen Legosteinen auf. Ende des Jahres soll in den Vereinigten Staaten sogar eine gedruckte Fassung des "BrickJournal", des Lego-Fachmagazins für Erwachsene, erscheinen.

Computer-Tüftler und Lego-Bausätze hält "BrickJournal"-Chefredakteur Joe Meno für ein Traumpaar, wie er SPIEGEL ONLINE erklärt: "Lego ist sehr hacker-freundlich. Der Lego-Prozess kommt dem Hacken nahe: schaffen, tüfteln, testen, verbessern." Und Lego hat eine offene Struktur: "Jeder Baustein ist einer gewissen Systematik nach mit anderen zu kombinieren – so kann jeder nach seinen eigenen Regeln weiterbauen."

Klötzchen mit Prozessoren und Ultraschall-Sensoren

Aber beliebt bei den Computer-Tüftlern ist Lego nicht nur, weil es ein paar Funktionsprinzipien mit offener Software gemeinsam hat. Zum Erfolg hat sicher beigetragen, dass man Legosteine seit 1998 auch tatsächlich programmieren kann. Damals erschienen die ersten Bausteine mit einem Mikroprozessor, die sogenannte "Mindstorms"-Reihe.

Inzwischen verkauft Lego das Nachfolge-Modell, einen Baukasten namens Mindstorms NXT, in dem alles steckt, was ein Roboter-Bauer sich erträumt: ein 32-Bit-Mikroprozessor, Servomotoren, Mikrofone, Bluetooth-Schnittstelle, Ultraschall-, Licht- und Druckkontaktsensoren. Dank einiger Hacker kann man das alles nicht nur über die mitgelieferte Lego-Software steuern, sondern auch mit mächtigen und bequemen Profi-Programmiersprachen wie C#.

Lego-Kurse für Informatik-Studenten

So haben Lego-Hacker neben viel Klamauk auch erstaunlich komplexe Konstruktionen gebastelt und programmiert: Einen Automaten zum Beispiel, der einen Rubik-Würfel so lange dreht, bis das Rätsel gelöst ist. Oder eine Roboter-Schnecke, die durchs Zimmer krabbelt und Hindernissen ausweicht. Oder eine Maschine, die Dominosteine in einer schönen gleichmäßigen Schlange zum Umstoßen aufstellt. Am Veit-Höser-Gymnasium bei Straubing haben Schüler sogar eine Fabrikanlage aus Mindstorms gebaut und programmiert, die vollautomatisch Lego-Autos in Wunschfarben fertigt (siehe unten).

Die Programmier-Herausforderung der Mindstorms nutzten inzwischen auch Informatik-Dozenten an deutschen Hochschulen: In Dortmund, Freiburg, Kiel, Karlsruhe und München müssen Studenten in Übungen und Praxiskursen Lego-Roboter konstruieren. Oliver Ruepp, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Robotik der Technischen Universität München, leitet solch einen Kurs. Er sieht Legos "Mindstorms in der Lehre etabliert".

Der didaktische Vorzug der programmierbaren Klötzchen laut Ruepp: "Damit lassen sich Grundlagen aus vielen Themenbereichen vermitteln - Robotik, künstliche Intelligenz, Echtzeitsysteme oder Softwareentwicklung." Das klingt trocken. Die Modelle aber, die Hacker unter Missachtung aller Lego-Regeln und –Pläne bauen und stolz im Netz präsentieren, sind so aberwitzig wie Ulrik Pilegaards Bonbon-Bomber.

Hier die verrücktesten Modelle der Lego-Hacker.



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