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Neue Methoden: Wie Neonazis das Netz nutzen

Von Alex Wolf

Szenetreffs, Hitlergruß und Hakenkreuze - daran waren Rechtsextreme lange Zeit sofort zu erkennen. Nun aber versuchen Neonazis mit Videos, sozialen Netzwerken und Versandhandel im Internet, Nachwuchs anzulocken - teilweise geben sie sich dabei betont harmlos.

Das Erscheinungsbild ist normal, teilweise geradezu harmlos. Geworben wird mit professionell produzierten Videos, Forderungen nach Tierschutz und Profilen in sozialen Netzwerken. Es geht um Themen und Lebenswirklichkeit von Jugendlichen. Auf den Gebrauch szenetypischer Symbole oder Hassparolen wird bewusst verzichtet. Die aktuellen Internetauftritte der rechtsextremen Szene sollen Jugendliche anlocken und neugierig machen - erst bei einem Blick auf die verlinkten Seiten offenbart sich dem aufmerksamen Besucher, welche Gesinnung die Macher haben.

Teddybär im Dienst der rechten Szene: Nur auf den ersten Blick harmlos Zur Großansicht

Teddybär im Dienst der rechten Szene: Nur auf den ersten Blick harmlos

Das Internet ist attraktiv für rechtsextreme Propaganda, gerade weil sich günstig und mit geringem Aufwand theoretisch viele Menschen erreichen lassen. Folglich wächst die braune Online-Szene. Das ist zumindest das Ergebnis des Jahresberichts von Jugendschutz.net. "Wir haben in diesem Jahr bereits 1800 rechte Angebote im Netz gefunden, vor zwei Jahren waren es 165 weniger", sagt Stefan Glaser, stellvertretender Leiter von Jugendschutz.net. Seit einigen Jahren beobachtet und recherchiert das 20-köpfige Team im Internet, um rechtes Gedankengut ausfindig zu machen und nach Möglichkeit entfernen zu lassen. Seit 2007 wird das Projekt von der Bundeszentrale für politische Bildung mit mehr als 200.000 Euro pro Jahr unterstützt.

Bei den Zahlen, die Jugendschutz.net und die Bundeszentrale für politische Bildung vorlegten, ist allerdings ein wenig Vorsicht geboten: Wie viele rechtslastige Seiten es im deutschsprachigen, wieviele im gesamten Internet gibt, ist kaum auszumachen. Die Fahnder müssen sich auf Fundstücke und Hinweise verlassen. Zudem sind Zuwächse in den Angeboten noch kein belastbares Indiz für zunehmende Akzeptanz: Wie viele Nutzer all die mehr oder minder verschleierten Nazi-Propagandaseiten haben, lässt sich nicht feststellen.

Kampf gegen Nazis im Netz gleicht Sisyphus-Arbeit

Um unzulässige Inhalte aus dem Netz zu entfernen, werden gezielt die deutschen und internationalen Provider angesprochen. "Geschieht nach Beanstandung nichts, leitet Jugendschutz.net den Fall an die Kommission für Jugendmedienschutz weiter", erklärte Glaser. Dort könnten dann ordnungsrechtliche Maßnahmen eingeleitet werden. Doch obwohl die Erfolgsquote beim Entfernen von unzulässigen Web-Seiten laut Jugendschutz.net bei rund 80 Prozent liegt, steige die Zahl der problematischen Seiten weiter, sagt Glaser: "Wir machen eine gutgemeinte Sisyphus-Arbeit."

Das liegt womöglich auch an den neuen Strategien der Online-Neonazis. Sie treten öfter mit Baseball-Caps, Kapuzenpullis und Turnschuhen auf. Bomberjacke, Lonsdale und Springerstiefel waren gestern. Für die Zielgruppe der Propaganda wird es so schwerer, die Nazis zu identifizieren. Zunehmend holt sich die rechtsextreme Szene zudem Ideen aus anderen Milieus. Die ursprünglich von der linken Szene initiierte Internetseite "Demosanis" - Sanitäter, die Verletzten bei Demonstrationen helfen - wurde mittlerweile kopiert. Anleitungen zum Graffiti-Sprühen, für Aufkleberaktionen und stilvoll designte T-Shirts werden zum Download angeboten. Wallpaper mit Teddybär und dem Slogan "Achtet auf unsere Kleinsten", Schüler-Stundenpläne zum Herunterladen und Ausdrucken machen das Angebot komplett.

Eigene Videoplattform für rechtsextreme Clips

Die Rechten präsentieren sich vielfältig, massentauglich und zunehmend multimedial. In aufwendig produzierten Videos auf der Internetseite einer in der rechten Szene mittlerweile namhaften Filmeschmiede fehlen klar identifizierbare rechte Parolen. Dafür werden in Clips zur Finanzkrise zum Beispiel aus dem Zusammenhang gerissene Zitate von Bundeskanzlerin Angela Merkel ("Wir brauchen eine gemeinsame nationale Kraftanstrengung") mit emotionalisierender Musik gemischt. Nationalismus light.

Doch auch offene Propaganda ist im Netz noch gang und gäbe. Schon seit dem Start der Videoplattform YouTube stellen immer wieder auch Nazis Videos ins Netz: Hitler-Reden oder indizierte Musik konnten sie auf diese Weise für jeden zugänglich machen. Auch bei vergleichbaren Plattformen finden sich seit einiger Zeit immer wieder Videos, die rassistische, antisemitische oder volksverhetzende Inhalte zeigen. Die Anbieter der Plattformen sind zwar dazu verpflichtet, die Videos zu löschen, wenn sie davon erfahren - aktive Suche danach betreiben sie aber nur selten. Zu groß ist die Masse an Dateien, die jeden Tag hochgeladen werden.

Um der Löschung zu entgehen, hat sich bereits eine ausdrücklich rechtsextreme Videoplattform gegründet. Die Seite wirbt mit dem Slogan "Freedom of Speech" ("Freie Meinungsäußerung"), einem eigentlich demokratischen Grundrecht. Die hochgeladenen Videos zeigen dann fast ausschließlich rechtsextreme Meinungen: Von nationalsozialistischer Musik bis zu Videos von prügelnden Nazis reicht das Spektrum. Das meistgesehene Video trägt den Namen "Die Wahrheit über die Vielfalt".

Soziale Netzwerke für Gleichgesinnte werden gegründet

Seit Jahren erfreuen sich auch soziale Netzwerke wie Facebook, StudiVZ oder MySpace steigender Beliebtheit bei Jugendlichen. Das Vernetzen mit Gleichgesinnten wird auf diesen Plattformen so einfach wie nie zuvor - nur logisch, dass auch die Nazis sich die Angebote zu Nutze machen. Beispiel: Im SchülerVZ findet sich auf dem Profil der "Jungen Nationaldemokraten Kamen" ein Link, der direkt zu einem rechten Radiosender führt.

Sogar eigene Netzwerke wurden bereits geschaffen - ein paar davon mit mehreren hundert Mitgliedern. Dort wird diskutiert, Kontakte werden geknüpft und oft auch konkrete Aktionen organisiert.

Die Nazis holen ihre Zielgruppe in ihrer Lebenswelt ab, machen ihnen den Zugang zu ihrem Milieu so einfach wie möglich. "Rechte Kameradschaften bieten zum Beispiel Aktionen und Freizeitgestaltung an, die für die Jugendlichen durchaus attraktiv sind", sagte Glaser. Letztlich ginge es aber oft nicht nur um Spaß und Unterhaltung, sondern um die Vermittlung von rechtsextremen Einstellungen. Über das Internet werde zudem immer schneller und effektiver nationalistische Musik verbreitet. Die NPD "twittert" zum Beispiel, dass eine neue Schulhof-CD fertiggestellt wurde - und liefert den Download-Link gleich mit.

Stefan Glaser von Jugendschutz.net sieht trotz allem Fortschritte. Die Zahl der rechten Angebote steige zwar, jedoch seien die Inhalte zurückgegangen, die tatsächlich rechtlich zu beanstanden seien. Suchmaschinen zeigten mittlerweile eine größere Sensibilität, auch die Kooperation mit YouTube, dem Internetradio last.fm und Facebook funktioniere gut. Aber er fordert: "Die Anbieter müssen endlich auch selber pro-aktiv vorgehen!" Auf jeden Fall sollten Internetbenutzer, die auf rechtsextreme Web-Seiten stoßen, diese weiterhin melden. "Entweder bei der Polizei, beim Provider oder über das Formular bei uns auf der Seite."

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