Neue Suchmaschine Cuil: Wirrwarr statt Wissen

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Pornobildchen neben Physiker-Porträts, peinliche Namenswitze, schlechte Kritiken: Der erste Tag für Cuil.com war miserabel. Die neue Suchmaschine wird von ehemaligen Google-Mitarbeitern betrieben und will ein Stück vom Riesen-Werbemarkt. Doch die Tech-Gemeinde lästert.

Eines gleich vorweg: Wer Deutsch spricht und Webseiten auf Deutsch sucht, ist mit Cuil.com schlecht bedient. Die Suchseite mit dem schwarzen Hintergrund, die nach eigenen Angaben größer als Google sein und zudem noch relevantere Ergebnisse liefern soll, kann kaum Deutsch. Umlaute versteht sie nicht, mit einer Cuil-Suche auf einer deutschsprachigen Seite zu landen ist äußerst schwierig. Aber um den kleineren Markt diesseits des Atlantiks geht es den Betreibern zunächst auch gar nicht - im US-Markt will Cuil Google und seinen Mitbewerbern Marktanteile abnehmen. Ob das aber mit der momentanen Leistung gelingt, scheint mehr als fraglich. Den Giganten anzugreifen ist ein beliebter Web-Sport, nicht nur im Silicon Valley. Es gibt in schöner Regelmäßigkeit Such-Start-ups, die von sich reden machen. Derzeit sind darunter Hakia, Gigablast, und, ganz neu und mit einer ungewöhnlichen Benutzeroberfläche ausgestattet: Searchcloud. Das mit viel Lob gestartete Start-up Powerset wurde vor kurzem von Microsoft gekauft.

Daneben gibt es große (Yahoo, MSN Search), fast vergessene (Altavista, Lycos) und kleinere ( Pandia, Ask.com) Veteranen - und die jüngsten Neuzugänge Wikia und Mahalo, die auf die eine oder andere Art menschliche Intelligenz mit ins Spiel bringen wollen, um relevantere Suchergebnisse im Netz zu liefen.

Doch trotz all der Konkurrenz wächst Googles Marktanteil kontinuierlich. Die Tatsache allein, dass sich ein paar zweifellos kluge, erfahrene Suchspezialisten nun zusammengetan haben, um ein Konkurrenzprodukt aufzusetzen, ist für den Giganten aus Mountain View kaum bedrohlich.

Was aber kann Cuil? Womöglich doch etwas, was Google nicht kann? Wo doch schließlich erfahrene Ex-Googler in der Führungsspitze sitzen, die aus den Fehlern des Giganten gelernt haben könnten?

Der alte Witz "Bush = miserable failure" geht auch bei Cuil

Das Versprechen der Cuil-Gründer ist Relevanz - die Ergebnisse sollen "mehr auf Inhalten" und "weniger auf Popularität" basieren. Oben landen sollen also bei jeder Suchanfrage Seiten, die gut zum Suchbegriff passen - nicht nur jene, die besonders häufig verlinkt worden sind. Das aber ist nicht notwendigerweise der Fall - der alte Google-Spaß mit der Suche nach der Wortkombination "miserable failure" (jämmerlicher Versager) wirft auch bei Cuil weit oben die Homepage von US-Präsident Bush aus. Was daran liegt, dass viele Menschen zum Spaß die Worte "miserable failure" auf ihrer Seite mit einem Link zur Website des Weißen Hauses verknüpft haben. Linkfrequenz spielt für Cuil also durchaus eine Rolle.

Auch sonst sind die ersten Tester der Seite von der Qualität der Suchergebnisse nur mäßig überzeugt. Zum Teil sind die Resultate sogar richtig mies - etwa, wenn eine Suche nach "Hitler" als ersten Link eine Seite von Holocaust-Leugnern auswirft, die mit einem Bild und einem Zitat des Massenmörders dekoriert ist. Auch Google.com wirft diese Seite als Resultat aus - aber unterhalb des englischen Wikipedia-Eintrages und einer Hitler-Biografie auf einer Seite namens "The History Place".

Die Idee, neben den eigentlichen Suchergebnissen Unterkategorien anzubieten, die den Suchenden interessieren könnten, ist an sich nicht schlecht - aber sie funktioniert derzeit nur höchst eingeschränkt. "Während die 'related searches' oft sehr gut ausgewählt sind, enttäuschen die eigentlichen Suchergebnisse", schreibt Frederic Lardinois vom Fachblog ReadWriteWeb nach einem ersten Test. Die Suchergebnisse seien "noch zu inkonsistent". Danny Sullivan vom Blog "SearchEngineLand" stimmt nach einem eigenen Ultrakurztest zu: "Ich hatte am Ende nicht das Gefühl, dass Cuil Google in Sachen Relevanz schlagen kann."

"Quanten-Porno", lästert ein britisches Fachblatt

Das, so Sullivan in einem anderen Artikel zum gleichen Thema, ändere sich auch dadurch nicht, dass die Cuil-Gründer behaupten, einen wesentlich größeren Seitenpool zu durchsuchen als Google. Man erfasse 120 Milliarden Seiten, im Gegensatz zu Google, das nur geschätzte 40 Milliarden Seiten durchsuche, so die Mitteilung von Cuil. Sullivan schreibt jedoch, die Größe des Indexes sei etwa wie die Größe des Heuhaufens, in dem man nach einer Nadel sucht - es komme auf die Suchstrategie an, nicht auf den Heuhaufen. Er zitiert mehrere andere Suchmaschinenbetreiber aus der kurzen Web-Geschichte, die alle damit prahlten, den größten Index zu betreiben - und heute keine Rolle mehr spielen. "Wenn ich mir diese Geschichte ansehe, ist es sehr entmutigend, dass Cuil ausgerechnet Größenangaben herausstellt."

Die Cuil-Macher sind außerdem stolz auf eine ungewöhnliche, ihrem Selbstverständnis zufolge "Magazin-artige" Präsentation der Ergebnisse - je nach Vorliebe zwei- oder dreispaltig, mit kleinen Bildern neben den Suchergebnissen. Diese parallele Bildersuche jedoch hat der Nachwuchs-Suchmaschine schon eine Menge Häme eingebracht - sie funktioniert nämlich überhaupt gar nicht.

"Fünf Arten, Cuil falsch zu schreiben"

Der Physiker Jonathan Grattage etwa "cuil-te" seinen eigenen Namen und war erstaunt, neben Einträgen von Uni-Websites kleine Bilder zu finden - und zwar "von einem US-Soldaten und einem Typen, der auf irgendeinen anderen armen Teufel masturbiert", wie Grattage an die britische IT-Publikation "The Register" schrieb. Die "Register"-Redakteure, bekannt für ihre boshaften Überschriften, betitelten den Artikel über Cuils verfehlte Bebilderung prompt mit "Quanten-Porno". Inzwischen taucht das Bild nicht mehr auf - der US-Soldat aber wird immer noch als Porträt Grattages ausgeworfen.

Neben dem Sexbildchen tauchen in den Grattage-Suchergebnissen auch Bilder aus einem Comic namens "Star Drop" auf, warum ist rätselhaft. Mit anderen Suchanfragen wiederholt sich das Muster - nie passen die Bilder so recht zum Text, geschweige denn zur Suchanfrage.

Andernorts macht man sich längst über den Namen "Cuil" lustig, der auf Gälisch "Wissen" bedeuten und "cool" ausgesprochen werden soll. Die Berufsmeckerer vom US-Blog "Valleywag" listeten gleich mal die "Fünf wahrscheinlichsten Cuil-Schreibfehler" auf, darunter "Cul" (französisch für "Hintern") und die italienische Pornoseite Culi.com. Den Namen Cuil gibt es übrigens auch schon - eine luxemburgische Versicherung heißt so.

Im Tech-Blog "Techcrunch" kommentierte gestern ein Leser: "Wenn das Ding nicht von ein paar Ex-Googlern aufgemacht worden wäre, würde keiner einen Pfifferling drauf geben."

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Forum - Geben Sie Cuil eine Chance?
insgesamt 24 Beiträge
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1.
VisualTwo 29.07.2008
Zitat von sysopHaben Sie den vermeintlichen Google-Killer einmal ausprobiert? Was ist ihre Lieblingssuchmaschine?
Wieso "Google-Killer"? Wieso muss SPON immer reißerische Fragen stellen? Kann man nicht auch sachlich diskutieren oder formuliert sowas bei Euch der Springer Verlag?
2. Qualität schwach - überall
amaama 29.07.2008
Mich stört das Reißerische auch, und das nicht nur an einer Stelle. Um gegen Google konkurrieren zu können, bedarf es nur einer Sache: man muß gut sein. Google taugt nämlich absolut nichts. Ich bin mir sicher, daß es nur die wenigsten gemerkt haben: es gibt nicht nur ein Google. englisch: http://www.google.com/advanced_search deutsch: http://www.google.de/advanced_search Beide haben verschiedene Suchmenues. in dem einen kann man noch NEGIEREN, in dem anderen schon nicht mehr. Ergebnis: man erntet nur noch Schrott. Das ist eine dramatische Verschlechterung der Suchergebnisse. Man wird mit Müll zugeschüttet. Man kriegt auch Suchergebnisse, die man gar nicht will. Warum? Antwort: Weil Google sie einfach ausspuckt. Man KANN gar nicht so genau hinsehen, um zu erkennen, daß es gar nicht die Ergebnisse sind, die man will, sondern einfach "Vorschläge" von Google, bei denen Google BEKANNT ist, daß sie nicht passen! Cuil allerdings ist noch so dumm, daß es tonnenweise Müll von Datendieben als Suchergebnis ausgibt.
3.
Phil2302 29.07.2008
Also ich habe es heute auch einen Tag lang getestet, jede einzelen Suchanfrage habe ich mit Google und Cuil durchgeführt, wobei ich Cuil immer den Vortritt ließ. Mir gefielen die Google Ergebnisse aber deutlich besser, da Google einfach intelligenter wusste, was ich wirklich will.
4.
Think-Smart 29.07.2008
Zu meinem eigenen Namen (er ist recht ausgefallen) findet Google 59 Einträge und Cuil "0". Man hätte den Start noch verschieben sollen.
5. Informationsfreiheit
flenders1 29.07.2008
Merkwürdig, dass der Autor das wesentliche Merkmal von Cuil unterschlägt: Die Löschung IP-bezogener Daten. Das bietet in der Form nur IXQuick.
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