Neue Zeitungsmodelle Rückkehr der rasenden Reporter

Die Zukunft der Zeitung liegt im Netz - das ist inzwischen allen großen Verlagen klar. Die "Washington Post" wagt jetzt zaghafte Schritte, Print und Online näher zueinander zu bringen. Andere Medienhäuser sind ihr da Längen voraus.

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Was braucht eine Zeitung, um zu überleben?

Die "Washington Post" hat diese zentrale Frage, die derzeit Zeitungsmacher umtreibt, für sich beantwortet: Nötig ist eine enge Verzahnung von Print- und Onlineredaktion - die letztlich darauf hinausläuft, das Eine im Anderen aufgehen zu lassen.

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DDP

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Auch die Altgedienten der eher behäbigen "Post" sollen nun schnellstmöglich lernen, wie man Storys für das Netz schreibt, anspitzt, weiterdreht, aufbereitet. Nicht mehr die Online-Kollegen müssen künftig zwischen zwei Medien vermitteln - sondern sie. Bis zum Jahresende erhält bei der "Post" die Online-Berichterstattung Vorfahrt vor dem gedruckten Blatt - unter reger Mitarbeit der Print-Redakteure, versteht sich.

Man kann das als innovativ oder mutig oder konsequent feiern, es als Erleichterung für die Online-Kollegen verkaufen, es bespötteln als langsam oder als viel Wind um sehr wenig.

Man kann es aber auch pragmatisch übersetzen: Wer als Zeitungsmacher das Onlinen heute nicht lernt, ist morgen überflüssig.

Seit vor mehr als einem Jahrzehnt die Zeitungskrise der westlichen Welt begann, machen die Verlage harte Zeiten durch. Abo- und Verkaufszahlen bröckeln nicht mehr nur, sondern stürzen ab. Job- und Kleinanzeigen wandern ins Netz. Vor gut sieben Jahren brach auch noch der Werbemarkt ein (nach einem von der Dotcom-Hysterie mitverursachten Kurzzeit-Boom, der den Absturz am Ende nur tiefer machte). Dass etliche Zeitungen nicht mehr lange überleben, scheint ausgemacht.

Gegenmittel: Geschwindigkeit und Nähe

Seit die Verleger das erkannt haben, strampeln sie nach Kräften, suchen nach Gegenmitteln- von kleineren Druckformaten bis hin zur versuchten Verjüngung des Inhaltes. In den USA setzt endlich der Trend ein, Lokalzeitungen zu invertieren: Überregionale Nachrichten stehen irgendwo hinten, auf der Titelseite wuchern die Zeitungsmacher hingegen mit einer kompetenten, intensiven Lokalberichterstattung. Diese stützt sich zunehmend auf Citizen Reporters, engagierte Leser-Schreiber, respektive endlich wieder mobile Außenreporter.

Quer durch die Zeitungslandschaft gilt zudem ein Prinzip: Web first - Vorrang für die Aktualität im Netz. Das kommt in der Welt des gedruckten Journalismus einer Revolution gleich, ist für die Leser aber keineswegs neu. Online liest man eben aktuelle Nachrichten. In der Zeitung dagegen günstigstenfalls die von gestern.

Anders statt nur aktuell?

Die einst schnelle Tageszeitung hat Radio und Fernsehen überlebt, weil die ihr inhaltlich keine Konkurrenz machen konnten. Das Netz aber kann das - und mehr: Im Vergleich zu den Recherche-, Update- und Vertiefungsmöglichkeiten des Internets sieht die Zeitung sehr, sehr alt aus. Was Springer-Chef Mathias Döpfner im Frühjahr 2006 zu der Erkenntnis brachte, dass sich Zeitungen "horizontal" orientieren müssen: Leser suchen im Netz die aktuelle, schnelle Nachricht und gezielt nach Informationen. Darum muss die Zeitung als "Horizont-Medium Wünsche und Interessen schaffen und befriedigen, von denen der Leser noch gar nicht wusste, daß er sie haben könnte".

"Bis zum nächsten Morgen zu warten, während andere Internetseiten diese Nachrichten bereits im Laufe des Tages veröffentlichen, bedeutet, sich dem Risiko der Belanglosigkeit auszusetzen."
Alan Rusbridger, Chefredakteur des "Guardian"

Der Effekt: Das Haupt-Nachrichtengeschäft der Zeitung findet künftig im Netz statt. Eine Tatsache, die in den USA alle führenden Verlagshäuser längst akzeptieren.

Damit einher geht allerdings ein Problem, das alles andere als trivial ist. Zwar haben inzwischen so gut wie alle überregionalen US-Zeitungshäuser mehr Online- als Print-Leser, zwar steigen die Werbeerlöse im Netz rapide - doch gleicht das noch nicht die Verluste bei den gedruckten Zeitungen aus. Nur nach und nach verschiebt sich der Umsatz von der Offline- in die Onlinewelt. Für die Verlage bleibt das gedruckte Wort mittelfristig überlebenswichtig. Die Ankündigungen, denen zufolge sich durch Web first auch das Noch-Kernprodukt Zeitung verändert, sind auch deshalb allenfalls in Ansätzen verwirklicht.

Radikale Verjüngungskur: Die Rückkehr des Reporters

Vorreiter einer vernetzten, lebensnahen, schnellen Zeitung ist der US-Konzern Gannett. Er leistet sich zurzeit einen besonderen Modellversuch: Bei mehreren Lokal- und Regionalzeitungen hat er Printjournalisten regelrecht auf die Straße gesetzt - als mobile Reporter, wie sie viele Verlage zuletzt wegrationalisiert haben.

Sie durchstreifen ihre Reviere nun mit Laptop und WLAN-Equipment, Digitalkamera und 3G-Karte zur Datenübertragung. Gannett nennt diese mobilisierten Profi-Reporter "Mojos" - mobile Journalisten. Ersten Berichten zufolge erleben manche Mojos die neue Nähe zu Ereignissen und Lesern fast euphorisch. Mitunter entstehen Berichte direkt am Ort eines Geschehens. Da wird in den Laptop auf den Knien gehackt, nach Minuten steht der Text samt Fotos auf der Webseite.

Einige Zeitungen in diesem Modellversuch erlebten binnen Wochen eine Verdoppelung ihrer Leserzahlen im Netz - obwohl in der Testphase nur wenige Mojos auf die Straße geschickt wurden.

Aber was kommt dann überhaupt noch in die gedruckte Zeitung? Berichte, die am folgenden Morgen noch Wert haben und nicht von der Zeit überholt sind.

Der Versuch bei Gannett läuft noch, die wichtigste Entscheidung ist aber schon getroffen: In diesem Jahr sollen alle Zeitungsredakteure zu Mojos hochgerüstet und zumindest zeitweise als solche eingesetzt werden.

Den meisten passt das - allerdings nicht allen. Es ist nicht die Angst vor der Straße, die die Kritiker zweifeln lässt, sondern Sorge um die Qualitätsstandards. Denn an Korrekturstufen mangelt es bisher.

Blogger als Berichterstatter?

Der New Yorker Journalismus-Professor Jay Rosen geht noch weiter als Gannett. Je mehr Nähe in der Berichterstattung, umso erfolgreicher das Medium, das ist sein Credo. Professionelle Schreiber und Rechercheure sollen im Netz mit engagierten Bloggern zusammengebracht werden und gemeinsam an Aufgaben arbeiten. Das fordert Rosen und versucht, ein solches Projekt aufzubauen: NewAssignment.net. Professionelle Redakteure sollen das vernetzte Arbeiten koordinieren und Texte redigieren - und so die Qualität wahren.

In Deutschland tastet sich ausgerechnet die WAZ-Gruppe an eine Medienwelt heran, die ihre Nähe zum Leser online sucht - der Großverlag hatte die neuen Medien lange Zeit wie kaum ein anderer ignoriert. Bis März soll nun Online-Chefin Katharina Borchert ihr Konzept einer lokalen Online-Berichterstattung umsetzen. Geplant ist die Einbindung von Bloggern, bemerkenswerter aber der demonstrative Bruch mit der etablierten Dachmarke: Das Web-Portal WestEins.de soll künftig die Leser aller Zeitungen der WAZ-Gruppe in Nordrhein-Westfalen informieren.

Die 45-köpfige Jury des "Medium Magazins", bestehend aus prominenten Journalisten und Medienexperten, ernannte Borchert schon vorab zur journalistischen "Newcomerin des Jahres". Den Beschluss, parallel zur Online-Offensive mehrere Lokalredaktionen zu schließen, hat sie nicht zu verantworten. Die Nähe zum Ort der Berichterstattung sollen statt dessen zunehmend Blogger herstellen - ein Modell, das Jay Rosen wohl gefiele.

"Die telepathische Edition"

Irgendwo da mag die Zukunft der Zeitung liegen: zwischen dem beschleunigten Newsbeat der Web-first-Zeitungen, Döpfners horizontalem Zeitungsmodell, der kostengünstigen Idee "Redakteur steuert Blogger" und Gannetts Mojos. Wahrscheinlich muss man all diese Ansätze zusammenbringen, um zu einem Konzept mit Zukunftschancen zu kommen.

  • Weil das Netz zur Hauptquelle für aktuelle Nachrichten wird, gilt Web first.
  • Weil das gedruckte Wort da nicht konkurrieren kann, muss die Druckausgabe horizontal im Sinne Döpfners sein.
  • Lokal- und Regionaltitel brauchen intime Nähe zu den Lesern, weil sie das unterscheidbar macht - mit professionellen Mojos und betreuten (hoffentlich bezahlten!) Bloggern.
  • Weil nicht zuletzt auch für Lokalmedien eine Konkurrenz im Web erwächst, ist Web first auch dort wichtig. Siehe die Zeitungs-Konkurrrenz onruhr.de. Siehe das Projekt Placeblogger.com, bei dem einmal mehr Online-Journalismus-Vordenker Rosen seine Finger im Spiel hat.

Wie Zeitung in Zukunft genau aussieht, ist wahren Profis im Übrigen einerlei. Schon vor fast zehn Jahren sagte Arthur Sulzberger jr., Chef der "New York Times", das Wort Zeitung bezeichne kein Papier-Medium. Es bedeute die Lieferung aufbereiteter, verlässlicher Informationen in jeder gewünschten Weise. "Wenn die Konsumenten danach verlangen, ihre Zeitung telepathisch geliefert zu bekommen, werden wir auch das versuchen."

Klingt wie ein guter Plan.

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