Neuer Browser Chrome Wie Google den Desktop kapern will

Wer Google Chrome hat, soll kein anderes Programm mehr brauchen: Dank der neuen Alles-in-einem-Erfindung des Konzerns verschmelzen Suchmaschine und Internet-Browser zu einer Einheit. Sie lässt sich sogar zum Mini-Betriebssystem samt Bürosoftware machen - Microsoft muss bangen.

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Sarah war Ende 30, als sie vor sieben Jahren damit begann, Computer und das Internet zu nutzen. Sie hatte die üblichen Orientierungsprobleme auf dem Desktop. Die Maus - für sie eine feinmotorische Herausforderung. Aber Übung macht ja den Meister. Irgendwann lief es ganz prächtig.

Neuer Browser-Clash mit dem Internet Explorer: Google hat Chancen, weil niemand größere Massen von Menschen erreicht
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Neuer Browser-Clash mit dem Internet Explorer: Google hat Chancen, weil niemand größere Massen von Menschen erreicht

Nur mit dem Internet nicht.

Auch nach sieben Jahren glaubt Sarah, dass man Internet-Adressen nicht etwa in die Adresszeile des Browsers eingibt - sondern in die praktische Google-Suchzeile in der Mitte ihres Startbildschirms. Auch nach sieben Jahren erreicht Sarah also jede Web-Seite auf einem Umweg: nämlich über die Google-Ergebnisliste, in der sie auf den ersten Eintrag klickt und erst dann am Ziel ankommt.

Das gleiche Phänomen lässt sich bei Kindern, Senioren und anderen Web-Einsteigern beobachten: Für sie sind Google und Internet quasi Synonyme. Google ist das Internet, das Internet ist Google.

Diese Nutzer nehmen den Internet-Browser kaum bewusst als Schnittstelle zum Web wahr - und schöpfen seine Möglichkeiten nur selten aus.

Die massenhafte Ignoranz mag der Grund sein, warum bei Browsern Leistung kaum belohnt wird. Seit Jahren schreibt die Fachpresse darüber, dass Programme wie Opera, Firefox oder Safari dem Internet Explorer von Microsoft in vielerlei Hinsicht überlegen sind. Trotzdem setzen sie sich einfach nicht durch.

"c't"-Benchmark-Test der aktuellen Browser (Abbildung mit freundlicher Genehmigung des Heise-Verlags)

"c't"-Benchmark-Test der aktuellen Browser (Abbildung mit freundlicher Genehmigung des Heise-Verlags)

Die "c't", höchst renommierte Computer-Fachzeitschrift und für ihre detaillierten Teststrecken berüchtigt, hat die maßgeblichen Browser in ihrer aktuellen Ausgabe gründlich getestet, inklusive der zweiten Beta-Version des geplanten Internet Explorer 8 (siehe Großversion der Tabelle links). Ergebnis: Der Internet Explorer 8 mag irgendwann mal der beste Browser werden, den Microsoft je entwickelt hat - wenn er fertig ist. Doch im Augenblick ist er sogar schlechter als sein eigener Vorläufer. In den meisten Leistungstests schneiden beide Internet Explorer schlechter ab als die Konkurrenz Firefox 3.0.1, Opera 9.52 und vor allem Safari 3/4 (Safari 4 wurde in einer Entwicklerversion getestet, die noch nicht auf dem Markt ist).

Wie wenig Leistung bei Browsern honoriert wird, zeigt vor allem das Beispiel Opera. Er ist für jedes auch nur marginal relevante Betriebssystem zu haben und seit mehr als einem Jahrzehnt stets einer der besten am Markt, wenn nicht gerade wieder an der Spitze. Die meisten Innovationen im vergangenen Jahrzehnt wurden von Opera eingeführt und teils erst nach Jahren von Konkurrenten übernommen - auch pfiffige Ideen, die Google nun in Chrome verbaut und als neu anpreist (siehe Kasten oben). Der magere Lohn der Kreativität: Opera hat laut den Marktbeobachtern von Net Applications aktuell einen Weltmarktanteil von unter einem Prozent (siehe Grafik).

Aktuelle Marktanteile (weltweit) der meistverbreiteten Browser
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Aktuelle Marktanteile (weltweit) der meistverbreiteten Browser

Der Schluss liegt nahe: Außerhalb der Gruppe der Internet-begeisterten, technisch interessierten Nutzer wächst die Bereitschaft nur sehr langsam, sich überhaupt auf einen anderen Browser einzulassen.

Warum auch? Jeder Browser hat ja Google - und somit eben aus Sicht vieler Nutzer "das Internet".

Wer in diesem Markt Anteile erobern will, muss Aufsehen erregen. Gelungen ist das in den vergangenen Jahren nur dem Open-Source-Browser Firefox, der von der Netz-Community gefeiert wird und übrigens von Google werblich wie finanziell massive Unterstützung bekommt. Firefox liegt derzeit weltweit bei 19,73 Prozent Marktanteil.

Die Dominanz des Internet Explorers dürfte vor allem den unzähligen Firmenrechnern geschuldet sein. Auf ihnen ist die Standardsoftware von Microsoft installiert, also wird sie benutzt. Zu Feierabendzeiten und an Wochenenden steigt Firefox dagegen bei großen Web-Statistik-Sammlern auf Marktanteile von deutlich mehr als 40 Prozent. Privat surft man offenbar anders als im Büro. Das einstige Monopol des Internet Explorers ist demnach längst erschüttert - dafür braucht es Google Chrome nicht mehr. Nur macht die Masse jener Menschen, die ihren Computer vor allem als Arbeitsmaschine nutzen, den Wechsel bisher nicht mit. Sie zu erreichen, wäre für Google lukrativ.

Die Methode Sarah - für uns alle

Im sich abzeichnenden Kampf um den Browser-Markt treten letztlich zwei Monopole gegeneinander an: Suchmaschinengigant gegen Betriebssystem- und Bürosoftware-Riese. Microsoft dominiert mit globalen Marktanteilen um 90 Prozent nach wie vor den PC-Desktop. Googles Marktanteil liegt der aktuellen Statistik von Net Applications zufolge bei gut 80 Prozent aller Suchanfragen, seine Reichweite dürfte 100 Prozent sein.

Beide Konzerne haben auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun - auf den zweiten aber eine Menge. Es geht hier um weit mehr als nur um die Konkurrenz von Browsern. Es geht darum, wer die Welt der Rechner in total vernetzten Zeiten beherrscht.

Denn all jene, die Google selbst mitunter für das Internet halten, könnten dank Chrome in diesem Glauben bestärkt werden: Der Browser macht jedem Nutzer das Angebot, nach Sarahs Methode zu surfen.

Chrome unterscheidet überhaupt nicht mehr zwischen Adress- und Sucheingabefeld. Suchmaschine und Internet-Browser verschmelzen so zu einem Produkt.

Wenn es Google nun noch gelingt, seine zahlreichen Anwendungen wie Mail, Desktop, Documents, Earth etc. adäquat einzupassen, mutiert die Browser-Oberfläche zu einer Art kleinem Betriebssystem.

Googles Chrome würde dann nicht nur mit dem Internet Exploer konkurrieren - sondern mit den Kernstücken der Microsoft-Warenwelt selbst.

Natürlich sind auch Chrome-Versionen für Mac und Linux in der Entwicklung. Im Extremfall entsteht hier eine systemübergreifende, einheitliche Nutzeroberfläche.

Microsoft: Im Web ein Zwerg

Schon der von Google verbreitete Erklär-Comic macht klar, dass Chrome sich besonders für jedwede Browser-gestützte Bürosoftware eignet - weshalb die meisten Kommentatoren erwarten, dass auch Googles eigene Anwendungen darin integriert werden.

Als erster Browser überhaupt soll Chrome mehrere Prozesse parallel abarbeiten können. Damit kann er die Stärken moderner Mehrkernprozessoren möglicherweise weit besser ausnutzen als die Rivalen - und wird zu einer Art Applikations-Browser, einem Träger für Anwendungsprogramme.

Im Klartext: Er wird zu einem Mini-Betriebssystem über dem Betriebssystem.

Das sind wirklich schlechte Nachrichten für Microsoft - in Zeiten, in denen Alt-Konkurrent Apple mehr als fünf Prozent Anteil am Betriebssystem-Weltmarkt zurückerobert hat und Open-Source-Programme in allen Bereichen punkten. Das Betriebssystem Windows und die Office-Softwarepakete, bisher Geldmaschinen des Konzerns, werden unwichtiger.

Auch Microsoft sieht seine finanzielle Zukunft vor allem im Netz. Doch das Unternehmen droht dort keine große Rolle mehr zu spielen - weil das Monopol des Internet Explorers allmählich schwindet und Microsoft keine Suchmaschine hat, also am lukrativsten der Internet-Märkte kaum Anteil hat.

Die alle Jahre wieder umbenannte Suchmaschine des Konzerns (aktuell: "Windows Live Search") dümpelt trotz zahlreicher Versuche, sie technisch zu verbessern, im irrelevanten Marktsegment knapp unter 3,5 Prozent. Daran wird wohl auch das Ende Mai gestartete "Live Search Cashback"-Programm kaum etwas ändern. Microsoft zahlt als einziger Suchmaschinenbetreiber in den USA Rabatte an Nutzer aus, die via Live Search ein Produkt finden und kaufen. Laut den Netzstatistikern von ComScore führte das in den USA zu einem Heimmarktanteil von 9,2 Prozent im Juni, nach 8,5 Prozent im Mai. Schon im Juli fiel er wieder auf 8,9 Prozent. Setzt sich der Trend fort, landet Live Search im August wieder, wo es vor "Cashback" war. Die Maßnahme scheint zu verpuffen.

Wenn zwei sich streiten - leidet Firefox?

Nur logisch, dass Google eine Chance wittert - zumal Chrome als Open-Source-Programm zur Weiterentwicklung an alle freigegeben werden soll.

Damit könnte, nebenbei, Firefox zu einem der ersten Leidtragenden des Google-Projektes werden. Auch dieser Browser ist Open Source. Und sein Status als Hauptrivale des Internet Explorers ist nun dahin.

Mozilla, die Stiftung hinter Firefox, gibt sich trotzdem optimistisch, gegenüber dem neuen Kontrahenten zu bestehen. Zumindest bei wirklich Internet-affinen Nutzern dürfte das stimmen. Denn sie sehen Google wegen seines schier unerschöpflichen Informationshungers mittlerweile mit einem ähnlichen Grundmisstrauen wie Microsoft.

Was wohl ganz gut so ist - schließlich hat Konkurrenz auf dem Browser-Markt in der Vergangenheit zahlreiche Innovationen angestoßen. Würde ein Browser-Monopol durch ein anderes ersetzt, wäre das nicht gut.

Dass Google Chrome es auf signifikante Anteile des Weltmarktes bringen wird, steht außer Frage. Es ist hoch wahrscheinlich, dass mit der Veröffentlichung in dieser Nacht der größte Massen-Download der Internet-Geschichte beginnt. Ein Rekord übrigens, den bisher Firefox 3 hielt.

Tester des neuen Browsers wird es also genug geben. Wenn sie dranbleiben, wird ein seit Jahren ziemlich schwerfälliger Markt schlagartig umgekrempelt. Ob sie dranbleiben, hängt davon ab, ob Chrome hält, was die Werbung verspricht - unsere ersten Eindrücke lesen Sie noch in dieser Nacht.



Forum - Angriff - kann Google den Browsermarkt erschüttern?
insgesamt 389 Beiträge
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Seite 1
brainomat 02.09.2008
1.
Zitat von sysopGoogles angekündigter Chrome-Browser soll Microsoft in mehr als einer Hinsicht Konkurrenz machen: Das Programm ist auch ein Vehikel, die zahlreichen Google-Angebote zu integrieren und zu verbreiten. Wie sehen Sie die Aussichten von Google, den Markt aufzurollen?
Tja, da es Google über längere Distanz geschafft hat eine weiße Weste zu behalten und es warhscheinlich Google-Jünger wie Apple-Jünger wie Sand am Meer gibt, sehe ich gute Chancen hierfür.
Memberlinchen, 02.09.2008
2. Fein
kann ich da nur sagen. Als Entwickler von Webanwendungen habe ich auf so einen Browser gewartet. Und Gott sei Dank kommt der Browser von Google, denn dann läuft der Brwoser auch unter Linux.
Nostrusdamus0815 02.09.2008
3. Die Welt wird eine Google
Hi ;-) Als FF Nutzer sähe ich nicht die Notwendigkeit, mal eben zum polierten Chrome zu wechseln. Grund dafür ist die Datensammelwut, die Google an den Tag legt. FF ist gut und im Zweifel auch flexibel, Neuerungen zu übernehmen, die Chrome vermeintlich anbieten wird. Gucken - ja, nutzen wie FF - nein. Ich habe nämlich nicht zu FF gewechselt, um jetzt einen neuerlichen "Microsoft Konzern" zu unterstützen. Im übrigen empfehle ich: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/458378 Eine Reportage von 3Sat über Google ... ganz spannend anzusehen!
odrt69, 02.09.2008
4. bleib bei firefox
sorry, aber ich traue google datenschutztechnisch nicht über den weg, auch wenn man angeblich seine spuren einstellungsmäßig verwischen kann. ich bleib beim firefox.
Dunedin, 02.09.2008
5.
Zitat von odrt69sorry, aber ich traue google datenschutztechnisch nicht über den weg, auch wenn man angeblich seine spuren einstellungsmäßig verwischen kann. ich bleib beim firefox.
sollte man auch nicht da es ein amerikanisches Unternehmen ist. Hier gilt die gleiche Vorsicht wie bei MS
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