Neues Betriebssystem: Wie Google das Web verchromen will

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Googles Versuch, den Markt für Betriebssysteme aufzurollen, verschiebt sich um sechs Monate - der Webkonzern muss bei Chrome OS nachbessern. Doch sind die Nutzer überhaupt bereit für die Software? Immerhin sollen sie Google ihre komplette Datenverarbeitung anvertrauen.

Ein Screenshot der Internet-Seite von Google Chrome OS: Kommt jetzt die Wolke? Zur Großansicht
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Ein Screenshot der Internet-Seite von Google Chrome OS: Kommt jetzt die Wolke?

Google ist noch nicht so weit: Vor eineinhalb Jahren hatte der Konzern erstmals sein Betriebssystem Chrome OS vorgestellt. Vor über einem Jahr wurde der Sourcecode der Betaversion veröffentlicht - und nun, in der zweiten Jahreshälfte 2010, sollte die Software eigentlich präsentiert werden.

Doch daraus wird nichts, Chrome OS verspätet sich um weitere sechs Monate.

Ursache ist angeblich Nachbesserungsbedarf im Detail: Die Anbindung von USB-Geräten laufe noch nicht wie gewünscht, und auch der Druckservice via Web hake noch. Immerhin liegt mit dem sogenannten CR-48 nun ein erstes Referenz-Netbook vor, auf dem eine Vorabversion installiert ist. 60.000 Stück davon hat der taiwanesische Hersteller Inventec an Google Chart zeigen geliefert. Kaufen kann man das Gerät trotzdem nicht. Nur als Tester kann man sich bewerben - ein ganz schönes Brimborium, denkt sich der normale Nutzer da.

Aber was ist schon normal an Googles Betriebssystem? Chrome OS wird wieder einmal versuchen, die Art und Weise, wie wir mittels Rechnern arbeiten und kommunizieren, völlig zu verändern. An Stelle des klassischen PC-Boliden mit höchstmöglicher Hardware-Power soll wieder einmal der kommunizierende Kleinrechner treten, der sich Leistung und Intelligenz aus dem Web zieht.

Chrome-OS-Rechner - in der Regel wohl Netbooks und nicht von Google, sondern von ausgesuchten, großen Hardware-Partnern angeboten - werden auf dem Prinzip basieren, mit wenig Hardware sehr viel zu bieten. Sie werden wenig Energie verbrauchen, geringe Anforderungen an Prozessoren und Speichermedien stellen, aber trotzdem hohe Sicherheit und Geschwindigkeit liefern. Das alles soll möglich werden, weil die Computer sich die wesentliche Infrastruktur aus dem Web holen - aus der so häufig, oft und laut beschworenen Datenwolke ("Cloud"), in der alle vernetzt sind und Ressourcen und Programme zur Verfügung stehen.

Cloud alias ASP: Eine Idee mit langer Geschichte

Vor 15 Jahren nannte man den Vorläufer dieses Prinzips Application Service Providing (ASP). Seine Protagonisten Larry Ellison (Oracle Chart zeigen) und Scott McNealy (Sun Microsystems Chart zeigen) glaubten, Microsoft damit in die Schranken weisen zu können. Ihre Vorstellung erinnerte an eine Art virtuellen Großrechner, an den sich simpel konzipierte PC ankoppeln sollten. Der versprochene Vorteil: Statt hoher Lizenzgebühren für Software sollte man nur die Leistung bezahlen, die man gerade brauchte.

Der ambitionierte Plan beförderte immerhin den Erfolg von Java, das dem als Network Computer (NC) bezeichneten Rechner als Betriebssystem dienen sollte. Doch zwischen 1996 und 2000 degenerierte der NC zunehmend von einer vielversprechenden Vision zum Running Gag, denn abheben wollte die Idee partout nicht. Die damals häufig geäußerten Gegenargumente: Die nötigen Bandbreiten existierten nicht, der Servicesicherheit wurde nicht vertraut und Unternehmen wollten ihre Daten und Informationen keinem Dritten überlassen.

Zumindest das letzte Argument wird auch Google, in den vergangenen Jahren zunehmend in der Kritik und unter Beobachtung von Datenschützern, in den nächsten Monaten wohl noch öfter zu hören bekommen.

Der Konzern hat allerdings nicht vor, den Großrechner völlig neu zu erfinden. Der Chrome-OS-Ansatz ist ein anderer: Er erinnert eher an Apples i-Plattform oder Amazons Kindle. Googles Ziel ist nicht primär, zum "Rechner in der Wolke" zu werden. Vielmehr wollen die Entwickler nur einen Teil des Webs monopolisieren. 17 Jahre lang haben unzählige Organisationen und Unternehmen an einem gemeinsamen Netzwerk gestrickt. Jetzt tritt das Internet in eine Phase, in der vor allem Apple Chart zeigen, Google und Facebook versuchen, das Netz in große Teile zu schneiden - und möglichst viel davon einzusacken. Ihre Konzepte ähneln sich dabei sogar.

Google setzt auf Apps

Und so ist auch im Chrome-OS-Ansatz das zentrale Element ein App-Store. Wie Apple will auch Google eine geschlossene Plattform etablieren, auf der es andere für sich arbeiten lässt. Als Betreiber würde Google Gerätehersteller, Softwareentwickler und Nutzer an sich binden und sie wie ein Makler einander zuführen. Es entstünde eine Art Chrome-Netz innerhalb des Internets. Chrome-Nutzer wären einfach jene, die mit Chrome-Hard- und Software ungewöhnlich schnell und bequem im Web unterwegs wären - und zwar immer.

Denn letztlich fußt das Chrome-Konzept auf dem Gedanken, einem Rechner als Arbeitsoberfläche einen Browser zu verpassen. Es gilt das Prinzip: Desktop ade, jetzt wird gesurft.

Stets und überall per Google-ID identifiziert, stehen dem Nutzer dann seine Applikationen zur Verfügung - zur Not auch offline. Denn natürlich enthält so ein Chrome-Netbook einen Flashspeicher, auf dem sich die wichtigsten Apps und Daten ablegen lassen. Beim nächsten Besuch im Internet soll sich dann alles miteinander synchronisieren, innerhalb virtueller Chrome-Firmennetze sogar unter allen an Projekten beteiligten Mitarbeitern. Man wird sehen, ob in der Unternehmenswelt heute mehr Bereitschaft zur Öffnung besteht als zu Oracles NC-Zeiten. Zweifel sind berechtigt, ist in den meisten Firmen doch selbst der Gebrauch von Google Mail verpönt.

Reine Vertrauenssache

Dabei gibt es wirklich gute Argumente für den Trend zur Proprietät. Konzepte, bei denen Hard- und Software perfekt aufeinander abgestimmt sind, funktionieren oft deutlich besser, bieten mehr Service und Sicherheit als die in vielerlei Hinsicht überreizten "Standards" der herkömmlichen, modularen IT-Strukturen. Es ist kein Zufall, dass auf das iPhone - ein ziemlich teures Minderheiten-Handy mit einem noch immer kleinen Marktanteil von circa 14 Prozent weltweit - fast die Hälfte des weltweiten Handy-Surfvolumens entfällt. Das Ding hat keinen Browser, es ist ein Browser.

Genauso soll auch Chrome OS funktionieren. Auf Chrome-Netbooks ist der gleichnamige Browser die Schnittstelle zu ausnahmslos allen Diensten. Die Google-ID wird zum Ausweis, der den Zugang zu Leistungen und Daten erschließt. Dazu gehört eine Menge Grundvertrauen. Für Daten- und Verbraucherschützer ist so ein System der Alptraum schlechthin, letztlich aber längst Standard: Der normale Nutzer ärgert sich zwar über die Datenskandale, die vermeintlich vertrauenswürdige Unternehmen wie Google, Facebook oder auch die Telekom produzieren. Dennoch nutzt er deren Dienstleistungen weiter. Auch versucht Facebook mit dem Connect-Ansatz derzeit per Software und Dienstleistung eben das zu schaffen, was Google nun auch mit Hardware erreichen will. Alles längst Business as usual.

Was aber nicht bedeutet, dass Misstrauen in Sachen Datenschutz ungerechtfertigt oder unangebracht wäre. Der Staat und viele Unternehmen haben es sich in den letzten Jahren (mitunter un-)redlich verdient. Lange Jahre war das Thema Privatsphäre und Datenschutz etwas, für das sich nur Hardcore-Nerds interessierten. Inzwischen ist es eines der großen Themen in der öffentlichen Debatte.

Im Falle Chrome OS ist die Frage dabei nicht, ob man so etwas nutzen will oder sollte, sondern eher, wofür. Googles System verspricht Leistung und Bequemlichkeit, vielleicht auch zu guten Preisen. Man wird es nutzen, wenn es Nutzen bringt. Sein Hirn muss man vor dem Einschalten ja nicht abschalten.

Google hat jetzt noch sechs Monate Zeit, sein System zu jener Perfektion zu bringen, die sich Begeisterung und Vertrauen verdienen kann. Über den Erfolg entscheidet schließlich nicht Googles mythische Marktmacht, sondern die Nutzer.

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Forum - Cloud statt Software - wieviel vertrauen verdient die Wolke?
insgesamt 122 Beiträge
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1. Auch SAP System by Design will das und
maximal-debil 08.12.2010
Zitat von sysopGoogle, Microsoft und andere wollen uns zu reinen Online-Arbeitern machen, die Software und Daten dem Netz anvertrauen. Ein guter Plan?
dort ist die durchschnittliche Nutzgröße so um die 15. Also Unternehmen mit 20 - 50 Beschäftigte. Wer technologische Erkenntnisse zu verteidigen hat sollte sich besonders vor amerikanischen Anbietern hüten. Ansonsten ist es die beste und kosteneffektivste Art der Selbstverwaltung.
2. abwarten
ralf_si 08.12.2010
"Doch sind die Nutzer überhaupt bereit für die Software?" Sie meinen, bereits im Schädel durch Google weichgekocht, dem Schnüffelkonzern, der mit CIA und Recorded Future in zweifelhaften Verbindungen steht, Daten anzuvertrauen? Bei der Jugend habe ich das unbestechliche Gefühl: JA, derart sorglos, wie der Konzern gefeiert wird (weil ANGEBLICH kostenlos). Wenn die in die Führungsriege von Unternehmen nachrücken ist es für die Amis noch einfach Wirtschaftsspionage zu betreiben (oder glaubt einer ernsthaft, dass die an Google über deren Apps übermittelten Daten vertraulich bleiben? Das wäre ja auch nicht im Sinne von Recorded Future)) In den USA wird die Seuche auch an Schulen verteilt, ich hoffe, dass hier zuvor die Verbaucherministerin einschreiten und das hier unterbinden wird. Erst wenn die Schüler einen Intensivkurs zum Datenschutz belegt haben. Wie war das eigentlich bei MS: Dort wurde die Kopplung des Browsers an das OS angekreidet und führte zu einer enormen Strafe. Wie ist das nun mit dem crap von Google? Wer schreitet dort ein?
3. schon heute weiss google viel zu viel über jeden.
graubeer 08.12.2010
das würde noch mehr werden. oder sehe ich gespenster? hier ist einiges gesammelt. einfach mal lesen: http://litfas.de/computertreff/identitaets-missbrauch.php
4. Nein danke
Pilchard 08.12.2010
Cloud computing kommt für mich nicht in Frage. Ich möchte meine Daten bei mir behalten und habe kein Interesse daran diese irgendwo im Netz abzuspeichern. Vielleicht bin ich dafür zu alt, vielleicht zu skeptisch, vielleicht auch altmodisch.
5. .....
wkaiser 08.12.2010
Zitat von sysopGoogle, Microsoft und andere wollen uns zu reinen Online-Arbeitern machen, die Software und Daten dem Netz anvertrauen. Ein guter Plan?
Wer sich darauf einlässt, ist selbst dran Schuld... Wie kann man sich von Dritten so abhängig machen? Schon vergessen, warum es überhaupt PCs gibt? Weil die Anwender sich von den Zentralrechnern unabhängig machen wollten. Und jetzt kommt der Zentralrechnern in Form der Cloud wieder.. Eins ist sicher: meine Daten bekommen die nicht, das mache ich alles schön hier bei mir zu Hause.
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  • -23-
Das Pro und Kontra von Chrome OS
Das spricht für Chrome OS
  • Security: Es gibt weniger Angriffspunkte für Schadsoftware

  • Geschwindigkeit: Instant Booting, Systemstart in Sekundenbruchteilen, hohe verarbeitungsgeschwindigkeiten

  • Batteriereichweite: Niedriger Stromverbrauch der Netbooks

  • Nahtlose Vernetzung: Kollaboratives Arbeiten, Zugriff auf gemeinsame Ressourcen bis hin zum Remote-Printing

  • Eingebauter Jailbreak-Modus: Googles erlaubt eigene System-Anpassungen

  • 3G pauschal an Bord: Zwei Jahre eingebaute Mobilfunkanbindung mit 100 MB Freivolumen, danach versch. Flatrates

  • Offline-Modus: Flash-Speicher hält gespeicherte Apps (Beispiel: Google Docs) und Daten vor

  • Das spricht gegen Chrome OS
  • Abhängigkeit von einem Anbieter (wie bei Apple)

  • Abhängigkeit vom Netzzugang (sonst eingeschränkte Nutzbarkeit)

  • Google ID als "Ausweis", Google-Dienste als Schnittstelle für Informationsfluss: eine Vertrauenssache

  • Generell: Proprietäre Blase, in der Google regiert. Weniger Wahlfreiheit bezgl. Hard- und Softeware

  • Schlanker, aber auch weniger leistungsfähig als herkömmliche Rechner

  • Flexibilität: Genutzt werden kann nur, was der App-Store hergibt. Wer hoch spezialisierte Software braucht, kann auf herkömmlichen Rechner nicht verzichten




  • Fotostrecke
    Chrome OS: Googles Betriebssystem schon jetzt testen
    Googles Geschichte
    1995 - When Larry met Sergey
    Angeblich konnten Larry Page und Sergey Brin einander erst einmal nicht besonders gut leiden, als sie sich im Jahr 1995 zum ersten Mal trafen. Der 24-jährige Brin war übers Wochenende in Stanford zu Besuch, der 23-jährige Page gehörte angeblich zu einer Gruppe von Studenten, die Besucher herumführen mussten. Der Legende nach stritten Brin und Page ununterbrochen miteinander.
    1996 - Es begann mit einer Rückenmassage
    Die erste Suchmaschine, die Page und Brin gemeinsam entwickelten, hatte den Arbeitstitel "BackRub" (Rückenmassage), weil sie im Gegensatz zu anderen zu dieser Zeit eingesetzten Suchtechniken auch "Backlinks" berücksichtigte, also Links, die auf die entsprechende Web-Seite verwiesen.
    1998 - Finanzierung
    Nachdem die Versuche gescheitert waren, die eigene Entwicklung an ein Unternehmen wie Yahoo zu verkaufen, entschlossen sich Brin und Page entgegen ihren ursprünglichen Plänen, selbst ein Unternehmen zu gründen. Der Legende nach bekamen sie von Andy Bechtolsheim, einem der Gründer von Sun Microsystems, einen Scheck über 100.000 Dollar - ausgestellt auf Google Inc., obwohl ein Unternehmen dieses Namens zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht existierte. Insgesamt brachten die beiden eine Anfangsfinanzierung von knapp einer Million Dollar zusammen - was reichte, um in der Garage eines Freundes in Menlo Park, Kalifornien, ein Büro einzurichten und einen Angestellten zu engagieren. Im September wurde das mit einer Waschmaschine und einem Trockner ausgestattete Büro eröffnet - was heute als offizielle Geburtsstunde von Google betrachtet wird.
    1999 - Mehr Geld und ein neues Heim
    Schon im Februar 1999 zog das rasant wachsende Unternehmen in ein richtiges Bürogebäude um. Inzwischen hatte es acht Mitarbeiter. Erste Firmenkunden bezahlten Geld für Googles Dienste. Am 7. Juni wurde eine zweite Finanzierungsrunde verkündet: Die Wagniskapitalgeber Sequoia Capital und Kleiner Perkins Caufield & Byers schossen insgesamt 25 Millionen Dollar zu. Noch im gleichen Jahr bezog das Unternehmen den "Googleplex", den Kern des heutigen Hauptquartiers in Mountain View, Kalifornien.
    2000 - AdWords
    Das Jahr 2000 muss als jenes gelten, in dem Google tatsächlich zu dem gemacht wurde, was es heute ist: dem mächtigsten Werbe-Vermarkter im Internet. Der Start eines "Schlüsselwort-gesteuerten Werbe-Programms" schuf die Basis für den gewaltigen kommerziellen Erfolg von Google. Man benutze "ein proprietäres Anzeigen-Verteilungssystem, um eine der Suchanfrage eines Nutzers sorgfältig angepasste Werbeanzeige beizugeben", erklärt die Pressemitteilung von damals das Prinzip. Die Anzeigen konnten online auf sehr einfache Weise eingekauft werden - AdWords war geboren und brachte sofort Geld ein. Noch heute ist die Vermarktung der Textanzeigen auf der Suchseite die zentrale Säule des Google-Imperiums, die den Löwenanteil aller Umsätze ausmacht. Parallel wurden im Jahr 2000 neue Kunden gewonnen, die Google-Suche in ihre Angebote integrierten, darunter Web-Seiten aus China und Japan. Im gleichen Jahr wurde auch die Google Toolbar veröffentlicht, die es erlaubte, mit Google das Netz zu durchsuchen, ohne auf die Google-Web-Seite zu gehen.
    2001 - Profit und ein neuer Eric Schmidt
    Schon im Jahr 2001 machte Google Profit - was man von den meisten anderen Start-ups, die zu dieser Zeit noch die Phantasien der Börsenmakler beflügelten, nicht behaupten konnte. Um den Anforderungen eines rasant wachsenden Unternehmens gerecht zu werden, wurde Eric Schmidt, der zuvor schon führende Positionen in Firmen wie Novell und Sun Microsystems innegehabt hatte, im August 2001 zum Chief Executive Officer Googles ernannt.
    2002 - Corporate Search, Google News, Froogle
    Seit 2002 verkauft Google auch Hardware - Such-Lösungen für die Intranets von Unternehmen. Im September des Jahres wurde die Beta-Version von Google News livegeschaltet, dem Nachrichten-Aggregator, der bis heute für zuweilen böses Blut zwischen Zeitungen, Nachrichtenagenturen und den Suchmaschinisten sorgt. Ein Algorithmus sammelt Schlagzeilen und Bilder und komponiert daraus nach bestimmten Kriterien eine Übersichtsseite. Im Dezember startete zudem Froogle, eine mäßig erfolgreiche Produkt-Suchmaschine. Heute heißt Froogle schlicht Google Product Search.
    2003 - AdSense und Blogger
    AdSense ist die zweite wichtige Säule im Google-Anzeigenimperium. Im Jahr 2003 wurde der Dienst vorgestellt, der den Text auf Web-Seiten analysiert und daneben passende Werbeanzeigen platzieren soll. Das System bietet auch Betreibern kleiner Web-Seiten die Möglichkeit, ihre Angebote zu monetarisieren - die Einkünfte werden zwischen Seiteninhaber und Google aufgeteilt. Im gleichen Jahr kaufte Google Blogger, einen großen Blog-Hoster.
    2004 - Picasa, Googlemail, Bücher und ein Börsengang
    Der Start des E-Mail-Dienstes Googlemail (in den USA Gmail) wurde am 1. April verkündet, mitsamt der Nachricht, dass die Nutzer ein Gigabyte Speicherplatz zur Verfügung haben würden. Es wurde schnell klar, dass es sich nicht um einen Scherz handelte - und dass Google daran selbstverständlich verdienen will. AdSense wurde von Anfang an eingesetzt, um E-Mails nach Schlüsselwörtern zu durchsuchen und mehr oder minder passende Reklame daneben einzublenden. Im Juli kaufte Google Picasa, ein Unternehmen, das sich auf die digitale Fotoverwaltung spezialisiert hatte. Heute ist Picasa ein On- und Offline-Angebot - Googles Antwort auf Flickr.

    Am 19. April konnte man Google-Aktien an der Technologiebörse Nasdaq erstmals kaufen. Eine Aktie kostete 85 Dollar. Heute ist sie knapp fünfmal so viel wert. Mit dem vielen neuen Geld stieß Google noch im gleichen Jahr verschiedene Projekte an - unter anderem Google Print: Mit den Universitäten Harvard, Stanford, University of Michigan, University of Oxford und der New York Public Library kam man überein, Bücher zu scannen, zu digitalisieren und online durchsuchbar zu machen. Im darauffolgenden Jahr wurde Google Print in "Book Search" umbenannt. Inzwischen sind zahlreiche andere Bibliotheken mit im Boot - auch deutsche.
    2005 - Google Maps und Google Earth
    Im Jahr 2005 kam die Google-Maschinerie richtig in Schwung. In rasantem Tempo veröffentlichte das Unternehmen, das bis zum dritten Quartal auf fast 5000 Mitarbeiter angewachsen war, eine Anwendung nach der anderen. Die im Rückblick wohl wichtigste: Google Maps, der Kartendienst, der die Welt geografisch durchsuchbar machen sollte, und sogleich mit der bis dahin nur mäßig erfolgreichen lokalen Suche Google Local verschmolz. Die im Jahr zuvor angekaufte Satellitenkapazität kam nun zum Einsatz: Sie bot die heute beinahe selbstverständliche Möglichkeit, Satellitenfotos statt abstrakter Karten anzusehen. Später im Jahr kam auch noch die Desktop-Software Google Earth, Googles Digitalglobus. Außerdem starteten: die "personalisierte Homepage", die heute iGoogle heißt, Googles Video- und Fotosuche, die Voice-over-IP und Instant-Messaging-Lösung Google Talk, der bis heute ziemlich glücklose Kleinanzeigendienst Google Base, ein eigener RSS-Reader. Und: Google kaufte das Unternehem Urchin und verwandelte dessen Webtraffic-Analysemethoden in sein Angebot Google Analytics. Damit bot das Unternehmen nun erstmals die vollständige Dienst-Palette einer Netz-Mediaagentur, eines Online-Werbevermarkters.

    Die Geschäfte liefen auch 2005 hervorragend für Google - so gut, dass man eine Partnerschaft mit dem strauchelnden Online-Dinosaurier AOL verkünden und eine Millarde Dollar in das Unternehmen investieren konnte.
    2006 - Google Video, Web-Applikationen , YouTube - und Kritik
    Anfang des Jahres stellte Larry Page bei einem Vortrag bei der Consumer Electronics Show in Las Vegas Google Video vor - und Google Pack, einen ersten, offenkundigen Angriff auf Microsoft, denn das Software-Paket enthielt diverse Anwendungen, die als Konkurrenzprodukte zu Microsofts Angebot gelten können. Gegründet wurde die Wohltätigkeitsorganisation Google.org, an den Start gingen außerdem der Finanzinformationsdienst Google Finance und die Paypal-Konkurrenz Google Checkout. Vor allem aber ist 2006 das Jahr, in dem man bei Google ernsthaft damit begann, Office-Anwendungen ins Web zu verlegen. Neben dem Google-Kalender wurde am Jahresende auch Google Docs & Spreadsheets livegeschaltet. Zuvor hatte Google Upstartle gekauft, ein Unternehmen, das bis dahin das Online-Textverarbeitungsprogramm Writely hergestellt hatte - nur eine von mehreren Akquisitionen. Auch SketchUp (3-D-Gebilde für Google Earth) und die Wiki-Plattform JotSpot wurden 2006 ins Google-Reich integriert.

    Der prominenteste Ankauf des Jahres war jedoch YouTube: Google zahlte 1,65 Milliarden Dollar für die Videoplattform und holte sich so Konkurrenz zum eigenen, eben erst gestarteten Videoangebot ins Haus. Zudem wurde eine Werbe- und Suchpartnerschaft mit dem eben von Rupert Murdoch aufgekauften MySpace verkündet: Google stieg endlich ernsthaft ins Geschäft mit dem Web 2.0 ein.

    Parallel verlor Google in den Augen vieler Nutzer seine Unschuld: mit dem Start einer eigenen Suchmaschine für China, die sich den Zensurwünschen der dortigen Regierung beugt. Eine Tibet-Unterstützergruppe rief eine Initiative namens "No love 4 Google" ins Leben - und fasste damit einen globalen Meinungsumschwung zusammen. Der Engelsglanz des vermeintlich anderen, besseren Unternehmens, den Google lange hatte aufrechterhalten können, schwand nach und nach.

    Ende 2006 hat Google mehr als 10.600 Angestellte.
    2007 - Googlemail für alle, DoubleClick, Streetview und Android
    Im Februar wird Googles E-Mail-Dienst für alle geöffnet - bis dahin brauchte man eine Einladung, um seine E-Mails von AdSense nach Schlüsselwörtern durchsuchen zu lassen.

    Vor allem aber ging Google 2007 auf Einkaufstour - in seinem Kerngeschäftsbereich, der Online-Werbung. Zunächst wurde Adscape, ein Spezialist für Werbung in Computerspielen, aufgekauft, dann DoubleClick. Über drei Milliarden Dollar ließ man sich den Online-Anzeigenvermarkter kosten - und eine Menge Ärger. Erst im März 2008 segnete die EU-Kommission den Kauf ab. Datenschützer sehen Google seit der DoubleClick-Akquisition noch kritischer, denn das Unternehmen ist nicht zuletzt darauf spezialisiert, möglichst gründlich Nutzerdaten zu sammeln, um personalisierte Werbung servieren zu können.

    Außerdem schickte Google 2007 seine Foto-Autos los: Für die Maps-Erweiterung Streetview fuhren die Kamera-Mobile zunächst durch US-Großstädte - im Jahr 2008 sind sie auch in Deutschland unterwegs.

    Außerdem beginnt Google verstärkt, Fühler in Richtung der alten Medienwelt auszustrecken - es gibt Testläufe für Werbevermarktung im Radio, in Print-Publikationen und im traditionellen Fernsehen.

    Schon seit Jahren hatte Google verschiedene seiner Dienste in speziellen Handy-kompatiblen Versionen angeboten - Ende 2007 kam dann der ganz große Schritt in die mobile Welt: Das Handy-Betriebssystem Android wurde angekündigt, ein Open-Source-Projekt in Zusammenarbeit mit vielen Telekommunikationsanbietern und Handy-Herstellern.

    Ein weiteres Open-Source-Projekt soll Google den Zugriff auf das Vermarktungspotential der Social Networks erleichtern: Die Plattform OpenSocial soll Netzwerkapplikationen transportabel machen, so dass sie bei MySpace genauso laufen können wie bei Xing. Die meisten der großen Communitys sind OpenSocial beigetreten - bis auf Facebook.
    2008 - Knol, Chrome und kein Ende
    Im laut offizieller Zeitrechnung zehnten Jahr seiner Existenz lässt die Suchmaschine im Tempo nicht nach. 2008 wurden eine kollaborative Wissensplattform (Knol), eine 3-D-Chatanwendung (Lively), Straßenansichten für noch mehr Großstädte - und ein eigener Google-Browser gestartet.

    Gleichzeitig wächst die Kritik am Suchmaschinengiganten. Die immer neuen Projekte scheinen vielen Nutzern und Datenschützern inzwischen Ausdruck eines gewaltigen Datenhungers - sowohl auf persönliche Informationen über die Nutzer als auch auf nahezu jede beliebige Art von Information, die dem gewaltigen Weltarchiv Google einverleibt werden könnte. Der Google Leitspruch "Don't be evil" hat für manche inzwischen einen hohlen Klang, und die Missionserklärung, man wolle "alle Information der Welt organisieren", klingt zuweilen eher wie eine Drohung.


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