Neues Betriebssystem: Wie Google das Web verchromen will
Googles Versuch, den Markt für Betriebssysteme aufzurollen, verschiebt sich um sechs Monate - der Webkonzern muss bei Chrome OS nachbessern. Doch sind die Nutzer überhaupt bereit für die Software? Immerhin sollen sie Google ihre komplette Datenverarbeitung anvertrauen.
Google ist noch nicht so weit: Vor eineinhalb Jahren hatte der Konzern erstmals sein Betriebssystem Chrome OS vorgestellt. Vor über einem Jahr wurde der Sourcecode der Betaversion veröffentlicht - und nun, in der zweiten Jahreshälfte 2010, sollte die Software eigentlich präsentiert werden.
Doch daraus wird nichts, Chrome OS verspätet sich um weitere sechs Monate.
Ursache ist angeblich Nachbesserungsbedarf im Detail: Die Anbindung von USB-Geräten laufe noch nicht wie gewünscht, und auch der Druckservice via Web hake noch. Immerhin liegt mit dem sogenannten CR-48 nun ein erstes Referenz-Netbook vor, auf dem eine Vorabversion installiert ist. 60.000 Stück davon hat der taiwanesische Hersteller Inventec an Google
geliefert. Kaufen kann man das Gerät trotzdem nicht. Nur als Tester kann man sich bewerben - ein ganz schönes Brimborium, denkt sich der normale Nutzer da.
Aber was ist schon normal an Googles Betriebssystem? Chrome OS wird wieder einmal versuchen, die Art und Weise, wie wir mittels Rechnern arbeiten und kommunizieren, völlig zu verändern. An Stelle des klassischen PC-Boliden mit höchstmöglicher Hardware-Power soll wieder einmal der kommunizierende Kleinrechner treten, der sich Leistung und Intelligenz aus dem Web zieht.
Chrome-OS-Rechner - in der Regel wohl Netbooks und nicht von Google, sondern von ausgesuchten, großen Hardware-Partnern angeboten - werden auf dem Prinzip basieren, mit wenig Hardware sehr viel zu bieten. Sie werden wenig Energie verbrauchen, geringe Anforderungen an Prozessoren und Speichermedien stellen, aber trotzdem hohe Sicherheit und Geschwindigkeit liefern. Das alles soll möglich werden, weil die Computer sich die wesentliche Infrastruktur aus dem Web holen - aus der so häufig, oft und laut beschworenen Datenwolke ("Cloud"), in der alle vernetzt sind und Ressourcen und Programme zur Verfügung stehen.
Cloud alias ASP: Eine Idee mit langer Geschichte
Vor 15 Jahren nannte man den Vorläufer dieses Prinzips Application Service Providing (ASP). Seine Protagonisten Larry Ellison (Oracle
) und Scott McNealy (Sun Microsystems
) glaubten, Microsoft damit in die Schranken weisen zu können. Ihre Vorstellung erinnerte an eine Art virtuellen Großrechner, an den sich simpel konzipierte PC ankoppeln sollten. Der versprochene Vorteil: Statt hoher Lizenzgebühren für Software sollte man nur die Leistung bezahlen, die man gerade brauchte.
Der ambitionierte Plan beförderte immerhin den Erfolg von Java, das dem als Network Computer (NC) bezeichneten Rechner als Betriebssystem dienen sollte. Doch zwischen 1996 und 2000 degenerierte der NC zunehmend von einer vielversprechenden Vision zum Running Gag, denn abheben wollte die Idee partout nicht. Die damals häufig geäußerten Gegenargumente: Die nötigen Bandbreiten existierten nicht, der Servicesicherheit wurde nicht vertraut und Unternehmen wollten ihre Daten und Informationen keinem Dritten überlassen.
Zumindest das letzte Argument wird auch Google, in den vergangenen Jahren zunehmend in der Kritik und unter Beobachtung von Datenschützern, in den nächsten Monaten wohl noch öfter zu hören bekommen.
Der Konzern hat allerdings nicht vor, den Großrechner völlig neu zu erfinden. Der Chrome-OS-Ansatz ist ein anderer: Er erinnert eher an Apples i-Plattform oder Amazons Kindle. Googles Ziel ist nicht primär, zum "Rechner in der Wolke" zu werden. Vielmehr wollen die Entwickler nur einen Teil des Webs monopolisieren. 17 Jahre lang haben unzählige Organisationen und Unternehmen an einem gemeinsamen Netzwerk gestrickt. Jetzt tritt das Internet in eine Phase, in der vor allem Apple
, Google und Facebook versuchen, das Netz in große Teile zu schneiden - und möglichst viel davon einzusacken. Ihre Konzepte ähneln sich dabei sogar.
Google setzt auf Apps
Und so ist auch im Chrome-OS-Ansatz das zentrale Element ein App-Store. Wie Apple will auch Google eine geschlossene Plattform etablieren, auf der es andere für sich arbeiten lässt. Als Betreiber würde Google Gerätehersteller, Softwareentwickler und Nutzer an sich binden und sie wie ein Makler einander zuführen. Es entstünde eine Art Chrome-Netz innerhalb des Internets. Chrome-Nutzer wären einfach jene, die mit Chrome-Hard- und Software ungewöhnlich schnell und bequem im Web unterwegs wären - und zwar immer.
Denn letztlich fußt das Chrome-Konzept auf dem Gedanken, einem Rechner als Arbeitsoberfläche einen Browser zu verpassen. Es gilt das Prinzip: Desktop ade, jetzt wird gesurft.
Stets und überall per Google-ID identifiziert, stehen dem Nutzer dann seine Applikationen zur Verfügung - zur Not auch offline. Denn natürlich enthält so ein Chrome-Netbook einen Flashspeicher, auf dem sich die wichtigsten Apps und Daten ablegen lassen. Beim nächsten Besuch im Internet soll sich dann alles miteinander synchronisieren, innerhalb virtueller Chrome-Firmennetze sogar unter allen an Projekten beteiligten Mitarbeitern. Man wird sehen, ob in der Unternehmenswelt heute mehr Bereitschaft zur Öffnung besteht als zu Oracles NC-Zeiten. Zweifel sind berechtigt, ist in den meisten Firmen doch selbst der Gebrauch von Google Mail verpönt.
Reine Vertrauenssache
Dabei gibt es wirklich gute Argumente für den Trend zur Proprietät. Konzepte, bei denen Hard- und Software perfekt aufeinander abgestimmt sind, funktionieren oft deutlich besser, bieten mehr Service und Sicherheit als die in vielerlei Hinsicht überreizten "Standards" der herkömmlichen, modularen IT-Strukturen. Es ist kein Zufall, dass auf das iPhone - ein ziemlich teures Minderheiten-Handy mit einem noch immer kleinen Marktanteil von circa 14 Prozent weltweit - fast die Hälfte des weltweiten Handy-Surfvolumens entfällt. Das Ding hat keinen Browser, es ist ein Browser.
Genauso soll auch Chrome OS funktionieren. Auf Chrome-Netbooks ist der gleichnamige Browser die Schnittstelle zu ausnahmslos allen Diensten. Die Google-ID wird zum Ausweis, der den Zugang zu Leistungen und Daten erschließt. Dazu gehört eine Menge Grundvertrauen. Für Daten- und Verbraucherschützer ist so ein System der Alptraum schlechthin, letztlich aber längst Standard: Der normale Nutzer ärgert sich zwar über die Datenskandale, die vermeintlich vertrauenswürdige Unternehmen wie Google, Facebook oder auch die Telekom produzieren. Dennoch nutzt er deren Dienstleistungen weiter. Auch versucht Facebook mit dem Connect-Ansatz derzeit per Software und Dienstleistung eben das zu schaffen, was Google nun auch mit Hardware erreichen will. Alles längst Business as usual.
Was aber nicht bedeutet, dass Misstrauen in Sachen Datenschutz ungerechtfertigt oder unangebracht wäre. Der Staat und viele Unternehmen haben es sich in den letzten Jahren (mitunter un-)redlich verdient. Lange Jahre war das Thema Privatsphäre und Datenschutz etwas, für das sich nur Hardcore-Nerds interessierten. Inzwischen ist es eines der großen Themen in der öffentlichen Debatte.
Im Falle Chrome OS ist die Frage dabei nicht, ob man so etwas nutzen will oder sollte, sondern eher, wofür. Googles System verspricht Leistung und Bequemlichkeit, vielleicht auch zu guten Preisen. Man wird es nutzen, wenn es Nutzen bringt. Sein Hirn muss man vor dem Einschalten ja nicht abschalten.
Google hat jetzt noch sechs Monate Zeit, sein System zu jener Perfektion zu bringen, die sich Begeisterung und Vertrauen verdienen kann. Über den Erfolg entscheidet schließlich nicht Googles mythische Marktmacht, sondern die Nutzer.
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- Mittwoch, 08.12.2010 – 13:45 Uhr
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Am 19. April konnte man Google-Aktien an der Technologiebörse Nasdaq erstmals kaufen. Eine Aktie kostete 85 Dollar. Heute ist sie knapp fünfmal so viel wert. Mit dem vielen neuen Geld stieß Google noch im gleichen Jahr verschiedene Projekte an - unter anderem Google Print: Mit den Universitäten Harvard, Stanford, University of Michigan, University of Oxford und der New York Public Library kam man überein, Bücher zu scannen, zu digitalisieren und online durchsuchbar zu machen. Im darauffolgenden Jahr wurde Google Print in "Book Search" umbenannt. Inzwischen sind zahlreiche andere Bibliotheken mit im Boot - auch deutsche.
Die Geschäfte liefen auch 2005 hervorragend für Google - so gut, dass man eine Partnerschaft mit dem strauchelnden Online-Dinosaurier AOL verkünden und eine Millarde Dollar in das Unternehmen investieren konnte.
Der prominenteste Ankauf des Jahres war jedoch YouTube: Google zahlte 1,65 Milliarden Dollar für die Videoplattform und holte sich so Konkurrenz zum eigenen, eben erst gestarteten Videoangebot ins Haus. Zudem wurde eine Werbe- und Suchpartnerschaft mit dem eben von Rupert Murdoch aufgekauften MySpace verkündet: Google stieg endlich ernsthaft ins Geschäft mit dem Web 2.0 ein.
Parallel verlor Google in den Augen vieler Nutzer seine Unschuld: mit dem Start einer eigenen Suchmaschine für China, die sich den Zensurwünschen der dortigen Regierung beugt. Eine Tibet-Unterstützergruppe rief eine Initiative namens "No love 4 Google" ins Leben - und fasste damit einen globalen Meinungsumschwung zusammen. Der Engelsglanz des vermeintlich anderen, besseren Unternehmens, den Google lange hatte aufrechterhalten können, schwand nach und nach.
Ende 2006 hat Google mehr als 10.600 Angestellte.
Vor allem aber ging Google 2007 auf Einkaufstour - in seinem Kerngeschäftsbereich, der Online-Werbung. Zunächst wurde Adscape, ein Spezialist für Werbung in Computerspielen, aufgekauft, dann DoubleClick. Über drei Milliarden Dollar ließ man sich den Online-Anzeigenvermarkter kosten - und eine Menge Ärger. Erst im März 2008 segnete die EU-Kommission den Kauf ab. Datenschützer sehen Google seit der DoubleClick-Akquisition noch kritischer, denn das Unternehmen ist nicht zuletzt darauf spezialisiert, möglichst gründlich Nutzerdaten zu sammeln, um personalisierte Werbung servieren zu können.
Außerdem schickte Google 2007 seine Foto-Autos los: Für die Maps-Erweiterung Streetview fuhren die Kamera-Mobile zunächst durch US-Großstädte - im Jahr 2008 sind sie auch in Deutschland unterwegs.
Außerdem beginnt Google verstärkt, Fühler in Richtung der alten Medienwelt auszustrecken - es gibt Testläufe für Werbevermarktung im Radio, in Print-Publikationen und im traditionellen Fernsehen.
Schon seit Jahren hatte Google verschiedene seiner Dienste in speziellen Handy-kompatiblen Versionen angeboten - Ende 2007 kam dann der ganz große Schritt in die mobile Welt: Das Handy-Betriebssystem Android wurde angekündigt, ein Open-Source-Projekt in Zusammenarbeit mit vielen Telekommunikationsanbietern und Handy-Herstellern.
Ein weiteres Open-Source-Projekt soll Google den Zugriff auf das Vermarktungspotential der Social Networks erleichtern: Die Plattform OpenSocial soll Netzwerkapplikationen transportabel machen, so dass sie bei MySpace genauso laufen können wie bei Xing. Die meisten der großen Communitys sind OpenSocial beigetreten - bis auf Facebook.
Gleichzeitig wächst die Kritik am Suchmaschinengiganten. Die immer neuen Projekte scheinen vielen Nutzern und Datenschützern inzwischen Ausdruck eines gewaltigen Datenhungers - sowohl auf persönliche Informationen über die Nutzer als auch auf nahezu jede beliebige Art von Information, die dem gewaltigen Weltarchiv Google einverleibt werden könnte. Der Google Leitspruch "Don't be evil" hat für manche inzwischen einen hohlen Klang, und die Missionserklärung, man wolle "alle Information der Welt organisieren", klingt zuweilen eher wie eine Drohung.
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