Neues Design, neue Funktionen: MySpace will es noch mal wissen

Von Carolin Neumann

Das sinkende Schiff hat einen neuen Anstrich bekommen: MySpace versucht nicht länger mit Facebook zu konkurrieren, sondern konzentriert sich ganz auf "Social Entertainment" und eine jüngere Zielgruppe. Der Relaunch ist zugleich ein letzter Versuch, rote in schwarze Zahlen zu verwandeln.

MySpace: Neuausrichtung als Entertainment-Netzwerk Zur Großansicht

MySpace: Neuausrichtung als Entertainment-Netzwerk

Es ist schon ein wenig ironisch, dass MySpace seine Wiederauferstehung ausgerechnet in der Woche initiiert, für die der Musiker und Blogger Andrew Dubber schon vor einem Jahr zum " Quit MySpace Day" aufgerufen hat. "Every frickin' band on the planet" sei auf der Plattform vertreten, schrieb er im Oktober 2009. Statt jedoch diese tollen Voraussetzungen für ein professionelles Netzwerk für Musiker zu nutzen, werde verzweifelt Facebook nachgeeifert. Dubber forderte Musiker deshalb auf: Löscht euer MySpace-Konto am 24. Oktober 2010, wenn sich bis dahin nichts geändert hat.

Wenige Tage nach dem "Quit MySpace Day" ist klar: Es hat sich etwas getan, aber anders, als Kritiker wie Dubber sich das vorgestellt haben dürften. Das neue MySpace verabschiedet sich endgültig von dem Wunschdenken, Facebook als soziales Netzwerk in Sachen Reichweite und Macht einholen zu können. Der einstige Vorreiter der Branche bekennt sich stattdessen zu dem, was er im Grunde bereits war: eine Entertainment-Plattform. Genutzt wurde MySpace längst weniger zum freundschaftlichen Austausch als zum Konsum von Audio- und Video-Inhalten.

Das schlägt sich auf der neuen Startseite wieder - Bilder gibt es bei Gawker. Statt dem eigenen Profil sieht man dort künftig Musik- und Videoempfehlungen und das wesentlich übersichtlicher. Denn auf den ersten Blick wirkt MySpace deutlich aufgeräumter und angenehmer fürs Auge. Vom Grundprinzip her erinnert zumindest die Startseite stark an YouTube. Zu Musikclips kommen im Sinne einer umfassenden Entertainment-Seite Filme und vor allem die geradezu unvermeidlichen Streams beliebter US-Serien. Das Videoportal Hulu, an dem MySpace-Eigner News Corporation beteiligt ist, stellt dafür Material zur Verfügung.


Welcome to the new Myspace

Myspace | Myspace Video
So naheliegend der Gedanke auch ist, er ist nicht ordentlich zu Ende gedacht, denn hier liegt wie üblich die Krux: Die Videofenster bleiben in Deutschland, einem der größten Märkte für MySpace, aus lizenzrechtlichen Gründen schwarz. Die Hulu-Kooperation kann deshalb unmöglich ausreichen, um MySpace zu retten. Ob NewsCorp. allerdings "gewillt ist, noch mehr Geld für das sinkende Schiff auszugeben", fragt das Open-Source-Magazin t3n.

Empfehlungen teilen statt Freunde horten

Es kann gut sein, dass MySpace das gar nicht als notwendig erachtet, schließlich wird noch eine Menge weiterer Content eingespeist, von MTV, der "LA Times" oder "Access Hollywood". Von Musikvideos über Filmtrailer bis zu Mode- und Celebrity-News soll so alles abgedeckt werden, was die Generation Y - die neue Zielgruppe der 13- bis 35-Jährigen - interessieren könnte.

"Sie bestimmen die Seite, indem sie Interessen ausdrücken, Geschmäcker teilen", sagt CEO Mike Jones über die Nutzer, die er nach dem Relaunch mehr denn je als den Antrieb von MySpace betrachtet. Sie sollen Inhalte verbreiten und werden mit Badges, virtuellen Anstecknadeln wie etwa beim Geolocation-Dienst Foursquare, belohnt, wenn sie besonders aktiv sind.

Auch wenn Freundesammeln nicht mehr die Priorität ist, hat MySpace den Community-Aspekt doch nicht ganz aufgegeben. Aber offenbar eingesehen, dass es unschlau ist, sich allzu offensichtlich gegen Facebook mit seinen über 500 Millionen Mitgliedern zu positionieren. Die einen nennen den Relaunch deshalb eine Kapitulation gegenüber Facebook, andere ein letztes Aufbäumen gegen den mächtigen Konzern News Corp., der das schrumpfende Netzwerk abzustoßen droht.

Laut einem Bericht des Magazins " Business Week" ist das Unternehmen gerade mal noch die Hälfte dessen Wert, was Murdoch vor fünf Jahren auf den Tisch legte. Die Zahlen sind rot, und die Nutzerzahlen sinken derart, dass MySpace sie auf seiner offiziellen Presseseite nur mit "über 100 Millionen" statt genauen Zahlen angibt. Die paar, die seit dem "Quit MySpace Day" abgesprungen sein dürften, fallen kaum auf.

Einen Blick riskieren

Wer sich jetzt neu bei MySpace anmeldet, kann die Beta-Version des neuen Designs bereits sehen, für alle anderen dauert es noch ein paar Wochen, bevor auch sie die neue Optik und die neuen Funktionen ausprobieren können.

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1. ...
Nostromo72 30.10.2010
Das ist wirklich betrüblich! Myspace ist wenigstens eine Plattform, auf der man sein Profil/Homepage nach eigenen Vorstellungen designen kann. Bin seit 2 Monaten jetzt auch bei Facebook, aber für mich hat der Marktführer den öden Charme einer Intranet-Seite des Finanzamtes von Castrop-Rauxel!
2.
kaitou1412 30.10.2010
Ich frage mich ja, warum die ganzen Musiker nicht irgendwie last.fm nutzen. Da wäre man ganz nah an den Leuten dran, hätte Statisken und wenn ich mich nicht irre gleich sogar Vertriebsmöglichkeiten. Aber eigentlich präferiere ich generell eigene Künstlerhomepages … Whatever, myspace ist eh Müll. Übrigens: Muss auf jedem screenshot der browser mit zu sehen sein??? Geht das nicht auch neutral ohne?
3. Hand auf's Herz ...
52m.de 31.10.2010
... niemand braucht für rein privates wirklich Social Networks. Von meinen echten Freunden habe ich E-Mail-Adresse und Telefonnummer - chatten kann man wesentlich geschützter mit Skype, ICQ und anderen ähnlichen Tools. Keiner muss einen öffentlichen Datenstriptease machen, um mit seinen Freunden in Kontakt zu bleiben. Und müssen meine Freunde wissen, wann ich auf's Klo gehe? Zumal der Informationsgehalt vieler Profile gegen Null geht. Bei MySpace kann man zumindest noch halbwegs anonym bleiben, weil die nicht alles wissen wollen. Für Bands ist Myspace besser als Facebook. Berühmt wird man aber trotzdem nicht deswegen. Da braucht es viel mehr. Social Networks sind ein Segen für die Werbewirtschaft, weil die zielgenauer Werbung an den Mann bringen können. Für Otto-Normal-Verbraucher ist ein Profil dort eigentlich nicht wirklich notwendig - es sei denn man hat ein Hobby oder ähnliches. Die 500 Millionen Gesichterbuch-Facebook-Nutzer würde ich aber relativieren. Da werden viele viele Millionen an Karteileichen dabei sein. Es wird in nicht allzuferner Zukunft auch dort rückwärts gehen - spätestens wenn die Sättigung erreicht ist - und plötzlich wird es hip, nicht bei Gesichterbuch oder MeinRaum zu sein, sondern wirklich privat. Das ist nur eine Frage der Zeit.
4. Neues Design, neue Funktionen: MySpace will es noch mal wissen
echo167 31.10.2010
Zitat von 52m.de... niemand braucht für rein privates wirklich Social Networks. Von meinen echten Freunden habe ich E-Mail-Adresse und Telefonnummer - chatten kann man wesentlich geschützter mit Skype, ICQ und anderen ähnlichen Tools. Keiner muss einen öffentlichen Datenstriptease machen, um mit seinen Freunden in Kontakt zu bleiben. Und müssen meine Freunde wissen, wann ich auf's Klo gehe? Zumal der Informationsgehalt vieler Profile gegen Null geht. Bei MySpace kann man zumindest noch halbwegs anonym bleiben, weil die nicht alles wissen wollen. Für Bands ist Myspace besser als Facebook. Berühmt wird man aber trotzdem nicht deswegen. Da braucht es viel mehr. Social Networks sind ein Segen für die Werbewirtschaft, weil die zielgenauer Werbung an den Mann bringen können. Für Otto-Normal-Verbraucher ist ein Profil dort eigentlich nicht wirklich notwendig - es sei denn man hat ein Hobby oder ähnliches. Die 500 Millionen Gesichterbuch-Facebook-Nutzer würde ich aber relativieren. Da werden viele viele Millionen an Karteileichen dabei sein. Es wird in nicht allzuferner Zukunft auch dort rückwärts gehen - spätestens wenn die Sättigung erreicht ist - und plötzlich wird es hip, nicht bei Gesichterbuch oder MeinRaum zu sein, sondern wirklich privat. Das ist nur eine Frage der Zeit.
Das seh ich sehr ähnlich. Die sozialen Netzwerke werden mit der Zeit wieder an Bedeutung verlieren. Ich bin zwar selbst nur bei StudiVZ, aber selbst dort werde ich mich bei Zeiten wieder abmelden. Ich bin schon heute regelmäßig irritiert, wenn Leute, die über meine sonstigen Kontaktdaten verfügen, mich über StudiVZ anschreiben. Skype mir, ruf mich an, schick mir ne Mail oder von mir aus auch ne Postkarte, aber zwing mich nicht, mich irgendwo extra einloggen zu müssen, bevor ich überhaupt sehen kann was du von mir willst. Für mich sind Messenger wie Skype o.ä. ein viel besseres Medium, um Kontakte zu pflegen und zu kommunizieren...direkt und gut. PS. Dazu kommt, dass zumindest bei StudiVZ der Trend zunimmt keine Klarnamen mehr zu verwenden, am Ende guckt der Arbeitgeber auch mal rein. Dann aber ist man fast nur noch über die Kontaktlisten gemeinsamer Freunde zu finden und der Vorteil gegenüber anderen Kommunikationsdiensten schmilzt dahin..
5. Karteileichen
stukenbrok 01.11.2010
Zitat von 52m.de... niemand braucht für rein privates wirklich Social Networks. Von meinen echten Freunden habe ich E-Mail-Adresse und Telefonnummer - chatten kann man wesentlich geschützter mit Skype, ICQ und anderen ähnlichen Tools. Keiner muss einen öffentlichen Datenstriptease machen, um mit seinen Freunden in Kontakt zu bleiben. Und müssen meine Freunde wissen, wann ich auf's Klo gehe? Zumal der Informationsgehalt vieler Profile gegen Null geht. Bei MySpace kann man zumindest noch halbwegs anonym bleiben, weil die nicht alles wissen wollen. Für Bands ist Myspace besser als Facebook. Berühmt wird man aber trotzdem nicht deswegen. Da braucht es viel mehr. Social Networks sind ein Segen für die Werbewirtschaft, weil die zielgenauer Werbung an den Mann bringen können. Für Otto-Normal-Verbraucher ist ein Profil dort eigentlich nicht wirklich notwendig - es sei denn man hat ein Hobby oder ähnliches. Die 500 Millionen Gesichterbuch-Facebook-Nutzer würde ich aber relativieren. Da werden viele viele Millionen an Karteileichen dabei sein. Es wird in nicht allzuferner Zukunft auch dort rückwärts gehen - spätestens wenn die Sättigung erreicht ist - und plötzlich wird es hip, nicht bei Gesichterbuch oder MeinRaum zu sein, sondern wirklich privat. Das ist nur eine Frage der Zeit.
Das ist nicht richtig. Bei den 500 Millionen handelt es sich um aktive User (davon loggen sich 50% täglich auf Facebook ein). Karteileichen wurden nicht mitgezählt.
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