Neugestaltung Facebook baut sich zur Web-Schwatzbude um

Aktualisierungen in Echtzeit, Freundesprofile für Firmen und Politiker - das neue Facebook guckt sich ein paar Tricks bei Twitter ab. Ziel des Seitenumbaus: Die Community als zentraler Aufmerksamkeitsverteiler im sozialen Web.


Wenn sich die aktuellen Analysen zur Web-Nutzung auf einen Nenner bringen lassen, dann auf diesen: Junge Menschen verlagern ihr Sozialleben ins soziale Web. Netzwerke wie Facebook greifen E-Mail und eigenständigen Chat-Programmen die Nutzer ab, auf wenigen Seiten sind Menschen so häufig, so regelmäßig und so lange wie auf Facebook oder StudiVZ. Und wenn es nach Facebook-Boss Mark Zuckerberg geht, soll man bald gar keinen Grund mehr haben, die Seite zu verlassen.

Nächste Woche gibt sich Facebook ein neues Gesicht, und was man damit auf lange Sicht vorhat, beschreibt Zuckerberg im Firmen-Blog mit Schlagworten wie "Informationsstrom" oder "Menschen Kontakt zu allem geben, was sie interessiert". Auf lange Sicht sollen Menschen Facebook nicht mehr benutzen, um "bestimmte Inhalte zu finden, sondern um am Informationsfluss selbst teilzuhaben".

Facebook: Das Weltnetz
Mitglieder
Facebook
Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach Angaben von Goldman Sachs hatte Facebook Anfang 2011 600 Millionen Mitglieder weltweit, nach eigenen Angaben loggt sich jeden Tag die Hälfte von ihnen auf der Seite ein (Stand: Januar 2011).
Plattform
Seit Mai 2007 können externe Entwickler auf Nutzerdaten zugreifen, wenn die Facebook-Mitglieder dem zustimmen. Seit die Plattform für externe Entwickler geöffnet wurde, wächst das Angebot des einstigen Studentennetzwerk rasant – die Nutzer können aus mehreren tausend kostenloser Anwendungen wählen – Spielen, Fotoverwaltern, Programmen zum Abgleich von Lese-, Film- und Musikvorlieben zum Beispiel.
"Mir gefällt das"
Facebook überall: Die "Mir gefällt das"-Funktion können Website-Betreiber auf ihren eigenen Seiten einbauen. Mit einem Klick teilen Facebook-Nutzer ihren Freunden mit, was ihnen gefällt. Im Gegenzug kann Facebook Werbung gezielter schalten - und weiß, welche Seiten die Mitglieder ansurfen.
Geschäft
Der Umsatz von Facebook lag 2009 schätzungsweise bei 800 Millionen Dollar. Als Facebook-Gründer Mark Zuckerberg im November 2007 bei einer Präsentation in New York 250 Werbekunden ein "Interface, um Erkenntnisse über die Facebook-Aktivitäten von Mitgliedern zu sammeln, die fürs Marketing relevant sind", versprach, brach ein Proteststurm los.
Firmenwert
Facebook hat Google 2010 als meistbesuchte Website in den USA überholt. Anfang 2011 investierten die US-Großbank Goldman Sachs und die russische Beteiligungsgruppe Digital Sky Technologies 500 Millionen Dollar in das US-Unternehmen. Der Wert des Netzwerks klettert auf 50 Milliarden Dollar.
Hollywood
Der Film zum Phänomen: Die Gründungsgeschichte von Facebook wurde 2010 von David Fincher mit Jesse Eisenberg in der Hauptrolle verfilmt. "The Social Network" zeigt Zuckerberg als soziopathischen Nerd, der Facebook aus enttäuschter Liebe gründet.

Moment mal - war dafür nicht eigentlich das Web da? Zuckerbergs Ausführungen klingen je nach Lesart etwas nebulös oder größenwahnsinnig, als Unternehmensstrategie ist die Idee von Facebook als soziale Webzentrale aber folgerichtig: Ein Angebot, das Menschen nutzen, wann immer sie online sind, bindet enorm viel Aufmerksamkeit für Werbekunden.

Jederzeit-Live-Medium

Mit der Neugestaltung baut Zuckerberg Facebook ganz pragmatisch zum Jederzeit-Medium um. Die Hauptseite soll demnächst in Echtzeit jedem Mitglied Nachrichten darüber liefern, wer aus seinem Bekannten- und Freundeskreis gerade was denkt, kommentiert, im Web entdeckt, gekauft, gehört, gesehen hat. Bislang aktualisierte Facebook die zentrale Nachrichtenseite nur alle 10 bis 15 Minuten, nun soll das ständig passieren.

Twitter
Prinzip
zu Deutsch zwitschern oder schnattern, ermöglicht es, kurze Textnachrichten als Mikroblog per SMS, Instant Messaging oder Web-Oberfläche zu veröffentlichen. Andere Nutzer können diese Meldung beispielsweise mit ihrem Mobiltelefon oder RSS-Reader verfogen. Der Dienst heißt Twitter, die SMS-ähnlichen Nachrichten Tweets. mehr zu Twitter auf der Themenseite
Geschäft
Twitter hat bislang kein Erlösmodell. Im Gespräch sind Werbung oder kostenpflichtige Twitter-Accounts für Unternehmen. Ende 2008 lehnte CEO Evan Williams ein Übernahmeangebot über 500 Millionen Dollar von Facebook ab. Akute Geldsorgen hat die Firma dennoch nicht - 55 Millionen US-Dollar Risikokapital hat das Unternehmen seit Gründung erhalten, zuletzt brachte eine Finanzierungsrunde noch einmal 35 Millionen US-Dollar.
Dienste von SPIEGEL ONLINE

Die Facebook-Denke: Wenn ständig etwas Neues passieren kann, ist der Drang groß, ständig die entsprechende Seite zu verfolgen. Das erinnert sehr an den Reiz von Twitter, dem gerade enorm gehypten Echtzeit-Mikroblogging-Dienst, der seinen Nutzern das Gefühl gibt, nahezu live zu verfolgen, was im Web passiert.

Die zweite große Facebook-Neuerung erinnert auch an Twitter: In Zukunft unterscheidet Facebook nicht mehr sonderlich zwischen den Seiten von normalen Mitgliedern und Unternehmen, Politikern, Bands und Stars.

Mein Freund Obama

Das ist mehr als eine optische Gestaltung, Facebook ändert damit sein Funktionsprinzip: Bislang verfolgten Mitglieder über die Facebook-Seite vor allem, was Freunde und Bekannte so denken, machen und kommentieren. Facebook assoziierte man vor allem mit privater Kommunikation. Mitglieder konnten systembedingt nicht mehr als 5000 Freunde um sich scharen, für Unternehmen gab es eigene "Seiten", auf denen sie "Fans" sammeln konnten.

Bei Twitter ist das anders, da scharen Politiker, Firmen, Medien und Privatleute Anhänger um sich und kommunizieren direkt mit ihnen. Es dürfte Facebooks Werbekunden wohl kaum gefallen haben, dass sie beim Menschelnetz keine derart direkte Kommunikation aufbauen konnten.

Das ändert sich nun. In Zukunft kann dann also jeder Facebook-Nutzer seinem Freund Obama oder SPIEGEL ONLINE zuhören wie den Schulkollegen. Mark Zuckerberg beschreibt das im Firmenblog ganz anschaulich so: "Sie können nun auf derselben Seite lesen, was Präsident Obama und was Ihre besten Freunde sagen. Sie können verfolgen, was Ihre Mutter tut, was Ihre Schulfreunde und der Präsident anstellen, denken und mit Ihnen teilen, indem Sie sich einfach bei Facebook einloggen."

Facebook als Aufmerksamkeitsverteiler

Das klingt nach Web-Schwatzbude, geht aber noch darüber hinaus: Wenn man Zuckerbergs Ausführungen liest, sieht man irgendwann Facebook als den großen Aufmerksamkeitsverteiler im Web vor sich. Neue Musik? Mal sehen, was die Freunde bei Facebook empfehlen. Gipfeltreffen in Washington? Mal sehen, was Obamas Team schreibt.

Etwas beunruhigend ist der da durchscheinende Glaube, dass eine direkte, unvermittelte Kommunikation von Politikern, Organisationen und Firmen mit ihren plötzlich zu Facebook-Freunden gewordenen Wählern, Mitgliedern und Kunden per se etwas Wunderbares ist, so ganz ohne kritische Einordnung.

Aber die zu leisten, ist weder Facebooks Aufgabe noch das Geschäftsmodell einer Firma, die sich mehr und mehr als eine Art soziales Google-Gegenstück gibt. Facebook muss als Unternehmen Aufmerksamkeit binden und Werbeplätze verkaufen.

Das dürfte nach der Neugestaltung besser funktionieren.



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