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New-Orleans-Blogs und -Foren: Ganz nah dran

Wo ist Richard? Steht mein Haus noch? Weiß jemand, ob es Eve und James aus der Stadt geschafft haben? Wer so konkrete Fragen über die Flutkatastrophe in New Orleans hat, bekommt nur im Web Antworten - eher als über die offiziellen Stellen.

Land unter: Die Hausbesitzer interessiert nicht die Aufrechnung der großen Schäden. Sie wollen wissen: Was ist mit meinem Haus?
AP Photo/The Dallas Morning News, Smiley N. Pool

Land unter: Die Hausbesitzer interessiert nicht die Aufrechnung der großen Schäden. Sie wollen wissen: Was ist mit meinem Haus?

Zuerst kamen die Fragen. Hat jemand meine Mutter, meinen Bruder, Freund, Nachbar, meinen kleinen Sohn, meinen Hund gesehen? Wer weiß, ob mein Haus noch steht? Wie sieht es heute in Arrow Wood aus?

Die Geschichte schien sich zu wiederholen: Wie vor vier Jahren, am 11. September 2001, schien sich wieder die informelle Kommunikation über das Netz anzuschicken, als erstes substanzielle Fragen zu beantworten, bevor die Medien sich auch nur sortiert hatten. Schnell, wie das heute üblich ist, schossen Blogs aus dem Boden, wurden Foren eröffnet und Informationen getauscht.

Tausende von Fragen von Tausenden von Menschen, die der Sturm oder das Wasser aus ihren Häusern vertrieben hatten, und die nicht wussten, ob sie nun vor dem absoluten Nichts standen - oder es etwas zu retten gab. Doch dieses Mal versagte zunächst auch die Web-Kommunikation: Antworten kamen nur sehr wenige.

Woher auch? New Orleans war weitgehend evakuiert worden. Wer noch da war, hatte keinen Strom, kein Wasser, keine Mobilfunkverbindung, sicher aber kein Internet. Im Blog "scyllacat" übernahm ein Freund der Bloggerin die Fortführung des Online-Tagebuchs, als der Besitzer für Tage verschwand. Jetzt bloggt sie wieder.

Und auch in den Foren kommen nun die ersten Antworten.

"Mein Schwager hat nach unserem Haus in Arrow Wood gesehen. Es gab nur geringe oder sogar gar keine strukturellen Schäden. Die sechste Straße könnte okay sein." Es gibt keine Straße in New Orleans, nach der im Forum der St. Tammany Parish und all den anderen Plattformen, die binnen Stunden aus der Taufe gehoben wurden, noch nicht gefragt wurde - und auf immer mehr der Anfragen gibt es Antworten. Da berichten Augenzeugen von der Lage vor Ort, Zwangsevakuierte schildern ihre letzten Eindrücke.

Manchmal ist es auch nur Hörensagen - doch selbst das tröstet, wenn verlässliche Informationen von offizieller Seite nicht zu bekommen sind. "Ich suche nach Cecil McLaughlin", schrieb am Donnerstagmittag Forumsteilnehmerin "lmclaug". "Das letzte, was ich von ihm hörte war, dass er zu einem Schutzraum in Pearl River ging. Keine Ahnung, zu welchem. Bitte richtet ihm aus, er soll seine Tochter in San Antonio anrufen. Danke."

Die Antwort folgte nach nur sechs Minuten: "Es heißt, dass es allen, die in Pearl River in Schutzräumen untergekommen sind, gut geht. Hoffe, das hilft Dir. Es gibt dort keinen Strom oder Telefonanbindung."

Trost ist besser als Nichts

Das ist diffus, aber es ist besser als nichts. Bobby und Kelly werden gesucht? Eigentlich weiß keiner, wo sie jetzt sind, aber vor ihrer Flucht wurden sie noch gesehen: Am Samstag, schreibt Janeann, habe sie noch mit ihnen gesprochen. Sie packten den Truck und Kellys Vater und Mike und waren bereit, loszufahren. Keine Ahnung hatten sie, wohin oder wo lang, aber Kellys Vater kennt sich ja gut aus. "Ich bin mir sicher, es geht ihnen gut und das sie definitiv losgefahren sind."

Das hat weniger Nachrichtenwert als viel mehr tröstenden.

In mehr als einer Hinsicht: Zu den kleinen Nachrichten, die das eigene Leben so direkt betreffen, kommen die zahlreichen Solidaritätsbekundungen aus aller Welt. Mit einem Mal grüßt da ein Vater aus Norddeutschland alle Betroffenen, er denke voller Mitgefühl an die Menschen vor Ort. Man kann das seltsam finden, wenn man will, aber das wäre zynisch: Wer alles verloren hat, braucht soziale Wärme.

Die versprengten, zumindest zeitweilig ehemaligen Bewohner von New Orleans hungern nach all diesen kleinen Nachrichten und Botschaften. Auf weit über 8000 Anfragen brachte es das kleine Forum der Kirchengemeinde seit dem Wochenende - und natürlich ist es nur eines von vielen. Was die Menschen vor allem suchen, ist nicht die große, umfassende Berichterstattung, an der sich die Medien weltweit in Sonderschichten abarbeiten, sondern eben das Detail.

Geradezu verzweifelt gesucht werden vor allem Fotos von Häusern, Straßen, bestimmten Stadtvierteln. Yahoo-News bedient dieses Bedürfnis mit einer der wohl umfassendsten Bildergalerien der Web-Geschichte: Allein die Bildergalerie "Hurricans and Tropical Storms" brachte es am Freitag auf weit über 600 Fotos, durch die man sich hindurchklicken kann.

"Rising tides may take homes
But not what's in our hearts and bones
The cries of pain, they won't last
They'll be replaced by jazz and brass"
Aus: The City That Can Never End
von Paul Spreadbury, publiziert von "Katrina Central"

"Katrina-Messages.org" sammelt Botschaften von den und für die Überlebenden. "Katrina Central" führt als Web-Katalog der Betroffenen die Webseiten der verschiedenen Bezirke und Gemeinden zusammen. Die "Hurricane Katrina Connection" sammelt alles: Kontaktanfragen, Geschichten, Fotos, Medienberichte. Bei "Flickr" wächst derweil die Zahl der Katastrophen-Galerien, die die Web-Nutzer zusammentragen.

Triumph einer untergegangenen Zeitung: Im Web wird die "New Orleans Times" zur Info-Plattform ihrer Leser

Triumph einer untergegangenen Zeitung: Im Web wird die "New Orleans Times" zur Info-Plattform ihrer Leser

Der "Online Journalism Review" sammelt die Links zur Berichterstattung, und natürlich wächst nun auch die Zahl der Blogs, die eben das auch versuchen. Die Stadt selbst und ihre Umgebung mag weitgehend "tot" sein, doch rundherum und rund ums Thema New Orleans entsteht eine Informationsnetz, wie es dichter gewebt kaum sein könnte.

Und auch, wenn das Internet als Kommunikationsmittel aus dem betroffenen Gebiet nicht minder versagt haben mag als alle anderen Medien auch, erwies es sich letztlich als überlegen. Denn wo der Leser, Hörer oder Zuschauer vor der Flut unfassbarer Nachrichten, die die klassischen Medien verbreiten, nur noch verstummen kann, verleiht das Web allen Betroffenen und Interessierten eine Stimme. Und im schlimmsten Fall sorgt das Web sogar dafür, dass die Medien selbst nicht verstummen.

Nola: Phoenix aus der Flut

Nichts zeigt das so deutlich wie die Webseite der "New Orleans Times-Picayune", die auch den Kontaktforen für die "St. Tammany Parish" und viele andere als publizistisches Dach dient: Online berichtet die Lokalzeitung weiter, obwohl es sie "auf Papier" natürlich nicht mehr gibt. Die Druckmaschinen, die Produktions- und Redaktionsräume sind für das Redaktionsteam unerreichbar. Online aber macht die "Nola" weiter. "Thank God", resümierte die "Washington Post", "for the Internet."

Aus der Not geboren wagt die "Nola" hier ein Medien-Experiment, das weit über alles hinausgeht, was etablierte Medien in Sachen Blogs und Foren bisher wagten. Seit dem Donnerstag wird augenfällig, dass das Forum der "New Orleans Times" sich zu einer Art kollektivem Blog entwickelt, aus dem einerseits exklusive, aller Wahrscheinlichkeit nach authentische Vor-Ort-Eindrücke in die mediale Berichterstattung einfließen, während es zugleich kommunikative Schnittstelle im Chaos ist. So wird die "Nola"-Seite vielleicht zum ersten glaubwürdigen, von einem professionellen Medienhaus betriebenen "Weblog".

"Wir sitzen hier auf dem Dach unseres Hauses, " schreibt da einer am Donnerstag, "und trauen uns nicht herunter. In den Straßen sind Bewaffnete unterwegs. Wenn das hier jemand liest, bitte sagt der Polizei Bescheid, dass die jemanden vorbeischicken. Wir brauchen Hilfe!"

Live erlebt man im Forum, wie die Geschichte von Katastrophe, Solidarität im Elend, von Gleich- und Heldenmut abkippt ins post-apokalyptische Chaos-Szenario von New Orleans, wie es sich am heutigen Freitag darstellt: mit bewaffneten Gangs, Schießereien, Plünderungen, Kriegsrecht und dem Schießbefehl an die Polizei, die die Situation nicht unter Kontrolle bekommen kann.

Perspektiven: Blogs als Neben-Medien

Und mitten in diesem Hexenkessel eines logistischen Albtraums, in dem sich die Bewohner ganzer Bezirke noch immer völlig von der Außenwelt abgeschnitten fühlen, sind es Einzelne, die zu medialen Mittlern werden: Sie dringen per Handy durch, saugen Infos mit dem letzten Saft der Laptop-Akkus, posten Informationen und Hilferufe in Blogs und Foren.

"In Zeiten der Krise", schrieb der Blogger Rex Hammock bereits am Montag auf seiner Seite, "wird augenfällig, wie wichtig eine aktive Blogging-Gemeinde ist. Es gibt so viele Menschen, die verzweifelt nach jeder Art von Informationen über die betroffenen Gebiete suchen, dass selbst dann, wenn Strom und Internet-Zugang in einer Stadt ausgefallen sind, die getauschten Informationen trotzdem von Wert sind."

Hammock regte an, dass sich Blogger in gefährdeten Gebieten für Katastrophenfälle wappnen und Notfallpläne für die zügige Verbreitung relevanter Informationen entwerfen sollten. Sein Blog-Eintrag wurde direkt von anderen Bloggern aufgenommen und setzte eine Diskussion in Gang. Inzwischen wird bereits darüber diskutiert, dass die PR-Stellen von Gemeinden und Behörden grundsätzlich auch die wichtigsten Blogs einer betroffenen Gemeinde mit einschließen sollten, um Informationen nicht nur über die Schnittstelle der etablierten Medien, sondern auch mit Hilfe der "Community" zu verbreiten.

Frank Patalong

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