Sorge um digitale Zukunft Interner Bericht listet Mängel bei "New York Times" auf

Lässt sich die "New York Times" im Internet abhängen? In einem internen Bericht zerpflücken Mitarbeiter die Strategie ihres Verlags. Das Dokument hat ausgerechnet ein Konkurrent veröffentlicht - einen Tag nach dem Chefwechsel bei der "NYT".

Büro der "New York Times": Schonungslose Abrechnung mit Digitalstrategie
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Büro der "New York Times": Schonungslose Abrechnung mit Digitalstrategie


Eigentlich macht die "New York Times" gerade sehr viel richtig: Die riesige Redaktion der angesehenen Zeitung sitzt in einem modernen Newsroom, die Website wurde runderneuert und hat eine Bezahlfunktion eingebaut, verschiedene Apps stehen bereit - viele andere Verlage schielen neidisch nach New York.

Doch hinter den Kulissen ist der digitale Wandel offenbar noch nicht überall richtig angekommen. Zumindest legt das ein interner Bericht nahe. Auf knapp 100 Seiten rechnen Mitarbeiter einer offiziell eingesetzten Kommission mit der Digitalstrategie ab. Frust und Nervosität könne man aus dem Bericht herauslesen, analysiert das Nieman Journalism Lab der Harvard-Universität.

Veröffentlicht hat das interne Dokument nun ausgerechnet "BuzzFeed", eine Seite, die in dem Bericht als neue Konkurrenz ausgemacht wird. Aufgetaucht ist der Innovationsbericht zur digitalen Zukunft unmittelbar nach dem Chefwechsel bei dem Traditionsblatt. Am Mittwoch hatte die "New York Times" ihre bisherige Chefredakteurin Jill Abramson entlassen. An ihre Stelle rückt nun Dean Baquet, der dort bislang als Redaktionsleiter arbeitete.

Wichtige Punkte aus dem Bericht:

  • Vor allem die digitale Konkurrenz macht der "New York Times" zu schaffen. Laut dem Bericht fühlt sich die Zeitung abgehängt von Nachrichten-Start-ups wie der "Huffington Post", "Vox" oder "Buzzfeed". Die Portale seien der "Times" voraus, indem sie Online-Journalisten mit beeindruckender Technik ausrüsteten, heißt es in dem Dokument. Die neuen Konkurrenten würden außerdem erfolgreich fähige Mitarbeiter von der "Times" abwerben. Der journalistische Vorteil schrumpfe "immer weiter, je mehr diese Emporkömmlinge ihre Newsrooms ausbauen", heißt es in dem Bericht.
  • Vor allem die Startseite der Online-Ausgabe verliere an Wert. Nur ein Drittel der Leser besuchten demnach die Homepage, Seitenaufrufe und Verweildauer seien im vergangenen Jahr im zweistelligen Prozentbereich eingebrochen. Die Strategen der Zeitung empfehlen deshalb zeitlose Geschichten, anstatt sich im aktuellen Nachrichtengeschäft mit der Konkurrenz zu messen: Museumsberichte, Buchrezensionen und Theaterkritiken.
  • Weitere Probleme: Viele Inhalte würden abends veröffentlicht, also parallel zum Abgabetermin der gedruckten Ausgabe. Zudem würden mobile Angebote stiefmütterlich behandelt und größtenteils automatisch befüllt. So würden die Tablet- und Smartphone-Leser unter anderem dazu aufgefordert, Kommentare zu hinterlassen, obwohl das eigentlich nur im Browser funktioniert. Die Autoren des internen Berichts weisen darauf hin, dass es sinnvoll sein könnte, die Apps nicht auf Autopilot laufen zu lassen und stattdessen einer Qualitätskontrolle zu unterziehen und kreativ zu betreuen.

Für Nieman-Forscher Joshua Benton zeigt der Bericht, dass der digitale Wandel selbst bei der "New York Times" noch nicht angekommen sei, immerhin einer der größten Redaktionen weltweit. Benton zufolge haben sich ihm gegenüber viele Mitarbeiter der Zeitung begeistert geäußert, den Bericht als "unglaublich wichtig" bezeichnet und von "einem großen Moment für die Zukunft der 'Times'" gesprochen.

Einer will sogar beim Lesen geweint haben, weil der Bericht so viele Probleme der Unternehmenskultur an die Oberfläche gebracht hätte, mit denen digitale Entwicklungen jahrelang zu kämpfen hatten. Offenbar wiegt das Print-Erbe des Verlags immer noch schwer. Im Bericht heißt es dazu: Trotz des digitalen Erfolgs orientiere sich die Redaktion der "New York Times" "in vielerlei Hinsicht an einem alten Modell".

jbr



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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
23 1/3 16.05.2014
1. Wie eben in Deutschland ...
... wo der Digitalmarkt aufgrund des Festhalten am Print immer noch in den Kinderschuhen steckt.
spon-facebook-10000053669 16.05.2014
2. und spon?
gerade im bereich videos könnt ich auf spon durchdrehen, egal ob im browser oder auf dem smartphone, wieso muss ich 0:45 min werbung sehen für einen beitrag mit einer länge von 1:36 min? das steh in keinem verhältnis! wie content angeboten wird im bereich video ist auch dürftig, da werden mir zu aktuellen ereignissen wirklich videos von 2009 angeboten?! und wenn die dann doch mal interessant sein sollten, sind die älteren videos meist offline... video-tipps der redaktion sind dann meist nur das beste der letzten wochen und die tipps muss ich dann manchmal über wochen ertragen, gerade in der app sehr nervig jeden tag die gleichen videos angeboten zu bekommen, wenn man keine unter-kategorie auswählt.... aktuell z. b., "WM-Kolumnist Harald Stenger: "Testspiele sind zum Ausprobieren da"" steht unter aktuelle videos, alle anderen sind vom 16. bzw. 15.04.14, dieses eine ist vom 13.04. wieso wird mir das noch unter aktuell angeboten? zumal das eins dieser videos ist, wo man beim anguckn denkt "ok für youtube hätte es gereicht, aba wtf? was sucht das bitte auf spon?" mehr struktur in der app, mehr personalisierungsmöglichkeiten und mehr videos mit mehr optionen (auch was qualität angeht, ob ich die über wlan oder edge gucke macht schon einen unterschied für den user) dann könnt ihr dafür auch mal geld verlangen ;)
george2013 16.05.2014
3. Unsinnige Sonderangebote für Web-Nutzer
Für die Vetriebsstrategen der NYT endet die Welt wohl an US-amerikanischen Grenzen. Auf einmal stellen sie das Abo für den Reiseteil ein und bieten stattdessen kostspielige "Pakete" an, die für uns "Ausländer" einfach uninteressant sind. Andere US-Blätter hingegen haben sich schon sehr früh um differenzierte Angebote bemüht. Oder sind heute noch kostenlos...
Das Grauen 20.05.2014
4. Die Paywall ist auch so'ne Fehlentscheidung
Natürlich bricht die Auflage der Online-Ausgabe ein! denn die HuffPo, die so stark aufrüstet, ist ja kostenlos! Und da die reinen Nachrichten sich ja nicht sonderlich von der Konkurrenz unterscheiden, ist da kein großer Anreiz, dafür zu bezahlen. Wer Geld haben will muß eben dafür auch etwas bieten, daß es woanders nicht umsonst gibt! Allerdings bietet auch die HuffPo viele exklusive Inhalte, vor allem km Entertainment und Opinion Bereich. Und das für lau. Da kann ein kostenpflichtiges Angebot den Kampf um die höchsten Klickzahlen nicht gewinnen. nicht zuletzt deswegen war seinzeit auch der Online-Chef der NYT seinerzeit gegen die Paywall. Er befürchtete, zurecht, daß darunter das Wachstum und die Reichweite der "gray lady" leiden würde. Daß die NYT immer noch geradezu verzweifelt für das Probeabo für 99 cent wirbt (seit Jahren immer die gleichen Spammails!) zeigt, daß die Kundenzahlen wohl immer noch unbefriedigend sind. Selbst schuld. Für die paar hochqulaitariven Beiträge,die man woanders nicht finden würde, ist der Zugang zu teuer. Kes ist auch nicht schön für die Journalisten, die mitansehen müssen, daß Ollegen bei kostenlosen Medien viel mhr Leser haben.
Das Grauen 20.05.2014
5. Der Bericht ist vom SOHN des Herausgebers!
Arthur Gregg Sulzberger leitet die "new ideas task force", die die online Präsenz der NYT kritisch untersucht hat. Da dürfte sein Report beim Vater ein besonderes Gewicht haben. Ob die Entlassung Abramsons was damit zutun hat, ist allerdings fraglich. Es heißt, sie war eher moderner als der klassisch orientierte Basquet. problem war wohl eher daß sie zuviele Mit Sulzberger gut vernetzte Mitarbeiter vor den Kopf gestoßen hat, und so schließlich m Opfer von Grabenkämpfen wurde. Zudem hatte der sehr populäre Basquet ein Angebot von Bloomberg. Womöglich wäre er gegangen, wenn er jetzt nicht auf den Chefposten gekommen wäre. Interessant wird sein, zu sehen, was sich jetzt bei der gray lady tatsächlich ändern wird. Womöglich wird der Sohn des Herausgebers, der sich mit dem anscheinend von vielen Mitarbeitern unterstützten Bericht Respekt verschafft hat, mehr Verantwortung und Kompetenz für die Online-Präsentation bekommen, während sich Basquet auf die Qualität des Inhalts konzentriert. Das wäre eine geschickte Arbeitsteilung. Schließlich handelt es sich um sehr unterschiedliche Bereiche, die aber beide sehr wichtig für die Zukunft der NYT sind.
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