Hamburg - Eine vermeintliche "New York Times"-Kolumne hat am Wochenende Wogen geschlagen: Bill Keller, der frühere Chefredakteur der Zeitung, geht darin hart ins Gericht mit US-Firmen wie PayPal wegen eines Boykotts, der enorme finanzielle Schwierigkeiten für WikiLeaks bedeutete. Nur: Weder der Text noch ein ihn anpreisender Tweet stammen tatsächlich von Keller. Die Whistleblower-Plattform selbst schreibt sich die Fälschung auf die Fahnen.
Der Kommentar wurde sehr positiv aufgenommen und verbreitete sich am Samstag rasant - hätte aber wohl für mehr Skepsis sorgen müssen. Auch wenn es an Kellers Sprache angelehnt und sogar mit seinen Zitaten durchzogen war, hatte der Journalist in der Vergangenheit deutlich gemacht, dass er kein Fan der Seite oder deren Gründer Julian Assange ist. Vor wenigen Tage allerdings hatte er sich durchaus unterstützend zu WikiLeaks geäußert.
Doch auch wenn die Keller'sche Verteidigung inhaltlich nicht ganz an den Haaren herbeigezogen ist, hätten andere Dinge die Fälschung aufdecken können. Zwar macht die Seite optisch einen täuschend echten Eindruck, die Domain opinion-nytimes.com hingegen weicht klar vom Original ab. "Buzzfeed" weist außerdem auf textliche Feinheiten wie fehlende Anführungsstriche hin, die Leser hätten stutzig machen müssen. Ein angeblicher Blogeintrag auf thepaypalblog.co führt bei aktuellen Browsern allerdings auf eine Warnmeldung.
Selbst ein "Times"-Redakteur verbreitete den Fake
Nun sind die meisten Leser aber nun mal nicht dafür bekannt, solche Details und Schreibstandards eines Mediums zu bemerken. Bemerkenswert ist jedoch, dass selbst angesehene Journalisten, darunter ein Redakteur der "Times" selbst, auf die Satire hineinfielen und via Twitter ihrer vorschnellen Empfehlung der angeblichen Keller-Kolumne Entschuldigungen hinterherschicken mussten.
Der echte Keller beeilte sich, am Sonntagmorgen klarzustellen, dass er nicht der Autor des viel herumgereichten Stückes sei. Wirklich schlimm findet er das Ganze trotz Großbuchstaben angeblich aber nicht: Im Gespräch mit dem britischen "Guardian" nannte er die Fälschung "einen kindischen Streich" und "langweilige Satire". "Ich würde es ernster nehmen, wenn es lustig wäre."
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