Nigeria-Connection: Millionen auf der Einbahnstraße

Von Urs Zietan

Seit über zehn Jahren verschickt die Nigeria-Connection E-Mails und Faxe, in denen sie für viele Millionen Dollar nur eine kleine Gegenleistung verlangt. Es stinkt nach Betrug, soll den Gaunern aber bereits 3,5 Milliarden Dollar beschert haben, und in Westfalen haben sie offensichtlich eine ganze Stadt hereingelegt.

Mafiazentrum? Eine belebte Straße in Lagos, Nigeria
AP

Mafiazentrum? Eine belebte Straße in Lagos, Nigeria

Millionen auf dem eigenen Konto, wer hat nicht schon einmal davon geträumt? Auf jeden Fall alle, die auf die Betrügereien der Nigeria-Connection hereingefallen sind. Es beginnt meist mit einer E-Mail oder einem Fax, in der dem Empfänger viel Geld geboten wird. Die gängigste Masche der Afrikaner: Sie geben vor, Geld aus Nigeria schaffen zu müssen, das sonst dem korrupten Staat zufalle.

Der Mail-Empfänger wird lediglich gebeten, diesen Millionenbetrag kurz auf seinem Konto zu parken, weil es illegal sei, Geld aus dem Land zu überweisen. Die Schreiber geben sich geschäftlich-seriös oder drücken auf die Tränendrüse, und das Geld fließt nur in eine Richtung - auf die Konten der Betrüger. Sie ergaunern es, indem sie vorab Geld für angebliche Bestechungen, Anwälte, Steuern oder sonstige Gebühren verlangen. Die Geschäfte sind eine Einbahnstraße für Millionen Euro aus Europa und Amerika. Wöchentlich sollen etwa 30.000 solcher Mails und Faxe von Lagos und anderswo in die Welt geschickt werden - geht nur ein kleiner Bruchteil auf die "business proposals" ein, können sich die Betrüger schon eine goldene Nase verdienen.

Schwarzgeld - einmal wortwörtlich

Mit Angeboten wie diesem lockt die Nigeria-Connection ihre Opfer

Mit Angeboten wie diesem lockt die Nigeria-Connection ihre Opfer

Dabei sind die Verbrecher, die auch gerne Geschäftsleute bis zum Bankrott ausnehmen, durchaus erfinderisch. Eine absurde Variante der Betrügereien gab es vor zwei Jahren. Eine Geschäftsfrau wurde mit "Schwarzgeld" bezahlt. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Dame bekam eine Kiste mit angeblich schwarz gefärbten Dollar-Noten - in Wirklichkeit waren es Papierschnipsel. Ein Gangster verlangte anschließend 200.000 Dollar dafür, dass er die richtige Chemie besorgt, mit der sich die Scheine wieder entfärben lassen. Der Frau war es zu bunt, sie ging nicht darauf ein, hatte aber vorher schon 1,6 Millionen Mark an die Betrüger verloren.

Die haben ein engmaschiges Netz aufgebaut, mit dem sie den Betrogenen weismachen, dass sie seriöse Geschäftsleute sind. Sie mieten für Treffen in Afrika sogar Büros in Gebäuden von staatlichen oder halbstaatlichen Institutionen an, wo sie sich mit den Betrogenen treffen. Briefpapier und "offizielle" Dokumente können sie ebenfalls vorlegen, die natürlich allesamt gefälscht sind.

Keine Hilfe aus Lagos

99 Prozent derjenigen, die eine der Köder-Mails erhalten, befördern sie dorthin, wo sie hingehört - in den digitalen Mülleimer. Doch immerhin ein Prozent der Empfänger geht auf das Angebot ein. Und sei es nur zum Spaß, doch schon das genügt den Betrügern oft. Sie sammeln Adressen oder Bankverbindungen, Firmenbriefpapier, private Telefon- und Faxnummern, um sie für ihre Machenschaften zu verwenden.

Das Bundeskriminalamt ermittelt schon seit 1988 in Sachen Nigeria-Connection, doch allein kann es den Gauner-Zirkel kaum zerschlagen. Die Wiesbadener bitten Interpol Lagos immer wieder um Unterstützung. Bisher ohne Erfolg: "Anfragen zur Nigeria-Connection bleiben unbeantwortet", sagt BKA-Sprecher Dirk Büchner. Doch so leicht wie vor 14 Jahren, als die Masche begann, lassen sich die Deutschen nicht mehr hereinlegen.

In England konnte vor knapp zwei Jahren jedoch ein Kopf der Bande verhaftet und verurteilt werden. Auch in Bremen und Berlin waren die Ermittler erfolgreich. Ein deutsches Zentrum der Connection ist anscheinend das Ruhrgebiet, wo im Jahr 2000 ebenfalls drei Nigerianer verhaftet wurden.

Insgesamt ist die Zahl der dem BKA bekannt gewordenen Betrugsfälle in den vergangenen Jahren eher zurückgegangen. 35 Opfer waren es im Jahr 1988, als die Connection erstmals in Deutschland auffiel, im Jahr 2001 wurden 21 Fälle gemeldet. Und das, obwohl die Mafiosi 2000 begannen, ihre Opfer auch per E-Mail anzulocken. "Wir warnen alle und geben den Rat, auf die Schreiben nicht zu reagieren", so Büchner, "diese Warnungen scheinen gefruchtet zu haben." Der Schaden, den die Opfer davontragen, liegt nach BKA-Angaben meist zwischen einigen tausend Euro und mehreren 100.000 Euro.

Die Stadt Ennigerloh um 285.000 Mark erleichtert

Besonders hohe Summen verlieren Geschäftleute, denen Hoffnungen auf lukrative Geschäfte gemacht wird. Es soll sogar Fälle gegeben haben, in denen die Opfer ihr Geld persönlich nach Nigeria gebracht haben und anschließend als Geisel genommen wurden, die nur gegen Lösegeldzahlungen wieder freigekommen sind.

In Westfalen ist offensichtlich eine ganze Gemeinde auf die Connection hereingefallen. Dort hatte die Stadtverwaltung einem Sozialhilfeempfänger 285.000 Mark überwiesen, der vorgab, 30,5 Millionen Dollar zu besitzen, an die er zurzeit nicht herankäme. Habe er die Millionen erst einmal, würde er über 500.000 Mark an die Stadt spenden. Vorher verlangte die Bank of Nigeria allerdings "Sicherheitsleistungen", und der Mann bekam aus der Stadtkasse Geld für Flüge, Hotels und den Lebensunterhalt. Er konnte ein Schreiben der Bank of Nigeria vorweisen, das eine bevorstehende Auszahlung bescheinigt - die Stadtväter waren überzeugt. Der Mann ist verschwunden und mit ihm das Geld.

"Es sieht alles danach aus, als ob die Nigeria-Connection dahintersteckt", heißt es von der ermittelnden Polizeibehörde in Warendorf. Die Staatsanwaltschaft Münster ermittelt und der Bürgermeister von Ennigerloh, Hans-Ulrich Brinkmann, steht vor seiner Abwahl. Die Stadtbeamten selbst sollen sich nicht durch ihr Tun bereichert haben.

Ein Ende der Fahnenstange ist nicht in Sicht, doch die Internet-User sind anscheinend vorsichtiger geworden, was die krummen Geschäfte anbelangt. Die Mails sind ja auch meist zu absurd.

Beispiele: So lockt die Nigeria-Connection ihre Opfer

  • 1. Teil: Millionen auf der Einbahnstraße
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