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Nigeria-Connection: Millionenschäden, Tote und ein Literaturpreis

Die sattsam bekannten Betrugsbriefe der "Nigeria Connection" kamen Ende letzter Woche zu unerwarteten Ehren. Im Rahmen der Ig-Nobel-Awards für Seltsamkeiten gewann "Nigeria" den Literatur-Preis. Weniger lustig finden Fahnder die Connection: Auf ihre Kappe gehen Millionenschäden - und Tote.

Im Grunde genommen konstituieren die seltsamen Briefe aus Nigeria ein eigenes literarisches Genre: Ihr Aufbau, ihre sprachlichen Bilder, ihre semantischen Mittel sind nicht weniger formalisiert als ein Arztroman. Literarisch verwandter sind sie jedoch zum einen dem Märchen, zum anderen dem Beweisstück - denn haben sie Erfolg, landen sie regelmäßig als solche bei den Fahndungsbehörden.

Nigeria-Briefe kursieren seit Ende der 80er Jahre in der westlichen Welt, zunächst per Fax, seit Mitte der Neunziger als E-Mail. So vielfältig sie sind, so flexibel sie auf Regierungswechsel, Kriege, Regionalkonflikte und Naturkatastrophen eingehen mögen, folgen sie doch alle einem exakt definiertem Grundmuster:

  • Ein einflussreicher Beamter / Minister / sonstwie Reicher will oder muss viel Geld außer Landes schaffen
  • Er sucht eine seriöse Person, der er das Geld anvertrauen kann: Sie!
  • Er bietet Ihnen dafür eine Provision zwischen 10 und 30 Prozent der Millionensumme
  • Da er im Augenblick ziemlich pleite / verhindert / inhaftiert ist, bittet er Sie nur vorab um Überweisung eines kleinen Unkostenbeitrages, um die Spesen /nötigen Bestechungsgelder etc. bezahlen zu können. Wären so 25.000 Dollar in Ordnung?

Internet-Cafe in Lagos, Nigeria: An jedem Platz hängen Warnungen vor dem Versand von Betrugs-E-Mails
AP

Internet-Cafe in Lagos, Nigeria: An jedem Platz hängen Warnungen vor dem Versand von Betrugs-E-Mails

Auch, wenn das schwer zu glauben ist: Auf diese einsam hirnfreie Masche fallen jedes Jahr genügend Menschen herein, um die Nigeria Connection mit einem Umsatz in vielfacher Millionenhöhe am Leben zu erhalten. Insgesamt, glauben US-Fahnder, hat die Connection-Masche seit ihren Anfängen 1988 über 3 Milliarden Dollar in die Taschen der Täter gespült - bei einerseits abnehmender Erfolgsquote, die jedoch dank Internet auf sinkende Versandkosten trifft.

Nachahmer

Die Sache rechnet sich also weiter, was Nachahmer auf den Plan ruft. Nicht nur in den Briefen ist immer öfter von anderen Ursprungsländern (Sierra Leone, Irak, Pakistan) die Rede, die E-Mails kommen auch wirklich aus anderen Gegenden. Im Herbst letzten Jahres ging den Fahndern ein Australier ins Netz, der mit Nigeria-Methoden rund drei Millionen Euro eingesackt hatte.

Ein geschickter Betrüger also, denn pro Betrüger-Kopf schätzen Experten die Profite eher auf wenige Hundertausend Euro - pro Jahr versteht sich. In Deutschland tappen jedes Jahr zwischen 20 und 30 Menschen in die Nigeria-Falle.

Der spektakulärste Fall in Deutschland machte vor drei Jahren Schlagzeilen. In Ennigerloh vergab der damalige Bürgermeister ungesicherte Kredite über 285.000 Mark an einen Sozialhilfeempfänger, der ihm dafür 500.000 Mark versprach: Er müsse nur ein paar Formalitäten bei der Bank of Nigeria erledigen, damit die 35 Millionen Dollar überwiesen werden könnten, an denen er dann einen Provisionsanspruch hätte. Kurz darauf war das Geld samt Sozialhilfeempfänger verschwunden - und der Bürgermeister verlor als erster europäischer Politiker wegen der Nigeria-Connection seinen Posten.

Rund 30.000 solcher Nigeria-Briefe, schätzt das deutsche Bundeskriminalamt, werden jede Woche auf den Weg gebracht - jeweils in millionenfacher Anzahl. Die Erfolgsquote liegt nach Schätzungen der Fahnder bei allenfalls 1 Prozent - das aber reicht, um die Sache profitabel zu machen.

Eine mögliche Erklärung dafür ist nicht nur in der Denkprozesse unterbindenden Macht der menschlichen Gier zu suchen, sondern eventuell in der nun so prominent ausgezeichneten literarischen Qualität der Briefe zu finden. Denn um das dürre Gerüst "Schick mir Geld, ich schick dann mehr Geld zurück" stricken die Trickbetrugs-Poeten epische Geschichten voller Leid und Elend, Religiosität und Herzenswärme; schlüpfen in Rollen und bebalzen das Opfer im schönsten, verdrehten Pidgin-Englisch oder Beinahe-Deutsch, dass man nur noch weinen möchte (vor Rührung oder vor Lachen).

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Typischer Nigeria-Brief: 30 Prozent Provision

Typischer Nigeria-Brief: 30 Prozent Provision

Nicht zum Lachen finden Polizeifahnder und Staatsanwälte die Connection. Neben substanziellen finanziellen Schäden soll es bereits mehrere Todesfälle in Verbindung mit Geldübergaben oder Versuchen, die Connection zurückzuverfolgen, gegeben haben. Dazu kämen mehrere Fälle, in denen hoffnungsvolle Opfer, die ihr Geld persönlich der Connection überbrachten, nur gegen Lösegeldzahlung wieder frei kamen.

Für Nigerias Regierung ist dieser organisierte Trickbetrug ein so großes Problem, dass er ein eigenes Gesetz dagegen erließ (den sogenannten Paragraph 419). Vor zwei Jahren erschoss ein frustriertes Betrugsopfer in Prag den nigerianischen Botschafter.

Seit einigen Jahren hat Nigerias Regierung die Fahndung nach den schreibenden Missetätern verschärft, mit einigen wenigen Erfolgen in den letzten zwei Jahren. Die deutschen Behörden warnen Geschädigte davor, sich direkt an Nigeria zu wenden und den Betrug lieber in Deutschland anzuzeigen. Viele der Betrüger operieren heute von den Niederlanden aus.

Lichtscheu sind sie jedenfalls unabhängig von ihrem "Arbeitsort". Echte, noch aktive Nigeria-Schreiber hat daher auch das Kommitee der "Annals of Improbable Research" nicht ausfindig machen können, das die "Ig-Nobels" verleiht.

Aber an Preisverleihungen in Abwesenheit der Geehrten sind die Veranstalter des Preises für seltsame, besonders humorige oder sinnfreie Errungenschaften gewöhnt: Rund 30 Prozent der Ausgezeichneten ziehen es vor, ihr Gesicht nicht zu zeigen. Der Rest nimmt's mit Humor und mitunter mit Stolz. So auch Gregg Miller, diesjähriger Preisträger in der Kategorie "Medizin" und Erfinder der Silikon-Hoden-Prothesen für kastrierte Tiere.

Er schwört, seine Plastik-Eierchen, die er Wallachen, kastrierten Katern und Kötern einsetzt, milderten die seelischen Leiden der Tiere. "Wenn man bedenkt, dass meine Eltern glaubten, ich sei ein Idiot, als ich jung war", sagte der stolze Preisträger der Nachrichtenagentur AP, "ist das hier eine große Ehre. Ich wünschte, sie lebten noch, um das zu erleben."

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