Nigeria-Vierzeiler Dichtung gegen die Spam-Flut

Um Gedichte für die Erbschafts-Verwalter aus Nigeria und anderen fernen Ländern hatte SPIEGEL ONLINE gebeten - und die Resonanz war überwältigend. Reim und Prosa, Bosheit, Balladen und Wilhelm-Busch-Witz - hier die erste Auswahl der schönsten Antworten auf Nigeria-Spam.

Von


Nigeria-E-Mail: Ab jetzt wird zurückgedichtet

Nigeria-E-Mail: Ab jetzt wird zurückgedichtet

Die lyrische Inspiration, die von lästigem Spam ausgeht, mit dem Betrüger Leichtgläubigen das Geld aus der Tasche ziehen wollen, kennt offenbar kaum Grenzen. Die Schöpfungen der SPIEGEL-ONLINE-Leser, die unserem Aufruf zum Zurück-Dichten folgten, reichen von geradezu Jandl'schen Kurzgedichten bis hin zur vollständigen Ballade - nicht ganz regelgerecht, denn um Vierzeiler war ja gebeten worden, aber zu schön, um sie zu unterschlagen.

Viele der eingesandten Werke kreisen thematisch um das zentral Widerwärtige der Betrugsversuche der sogenannten Nigeria-Connection: die dem vermeintlichen Opfer unterstellte Dummheit. Peter Weber etwa dichtete:

Hallo mein Freund aus Übersee, schnell las ich Deinen Einfall!
Doch eher fällt im Ofen Schnee als dass ich darauf reinfall!
Du bietest Geld mal ebenso, noch eh der Monat um ist.
Ich frag jetzt Dich im Gegenzug: Glaubst echt, dass wer so dumm ist?

Helmut Hülder verknüpft Bauernfänger-Schelte mit an Robert Gernhardt erinnernder Wortspielerei:

Nun sitz ich hier, ich armes Schwein,
und krieg ne Email von dir rein.
Jedoch - du kannst es ja nicht wissen -
ich fühl mich heute schon beschissen.

Frank Löffler fasst seine Skepsis in schlichte, klare Prosa, zu deren Illustration eigentlich nur noch eine Zeichnung des kürzlich verstorbenen F.K. Waechter fehlt:

Gerne mache ich das Geschäft mit Ihnen.
Aber nur, wenn Sie mir schriftlich versichern, dass Sie nicht zu dieser berüchtigten Nigeria-Connection gehören.
Weil dumm sind wir Europäer auch nicht.
Da möchte ich schon etwas in der Hand haben.

Ins gleiche Horn stößt Christof Gräber, allerdings im gewundenen Englisch, in dem immer noch ein Großteil der "419"-E-Mails verfasst sind:

In my country, called Germany,
there is, alas, unfortunately,
a law that stands against your plea:
The Law of Reason. Pardon me!

Michael Pfarr dagegen stellt das ökonomische Nord-Süd-Gefälle in den Vordergrund:

Eure Wirtschaft lahmt, der Export ist tot?
Tourismus am Ende, die Ernte bedroht?
Die Dörfer verfallen, die Städte veröden?
Dann wird's Zeit für die Mails an die Reichen und Blöden!

Eben jenen ökonomischen Spieß drehten zahlreiche Einsender um, indem sie auf die - mal den fernen Betrügern, mal dem als schröpfendem Monster dargestellten Fiskus geschuldete - eigene Mittellosigkeit verwiesen, etwa "Dirk aus Iserlohn":

Nigeria, Nigeria, ich schick Dir all mein Geld.
Und hoff' natürlich inständig, dass es Dir gut gefällt.
Schickt nun mir bitte schnellstens die Reichtümer zurück.
Der Briefträger, der findet mich, hier unter meiner Brück'.

Benjamin Bischoff Düsseldorf dichtete:

Verehrte Herren aus Afrika,
dass Sie sich hier melden ist wunderbar
ich würde ja helfen, sie klingen so nett
ach wenn ich doch bloß ein Bankkonto hätt'...

Und "elCaputo" steuerte diese Verse bei, mit einem kaum verholenen Seitenhieb auf die Staatsgewalt:

Lieber Freund in Afrika,
Gern schickt ich Geld aus Germania,
Doch leider war ich bereits hier
Das Opfer grenzenloser Gier!

Henrik Schmitz stimmt bei mit den Worten:

Soeben las ich mit Erschrecken,
dass in Nigeria der Staat Erspartes stiehlt.
Nur können Sie ihr Geld in Deutschland nicht verstecken,
weil hier der Staat auf Bares gleichfalls schielt.

Noch kürzer fasste sich Carsten Grunwaldt:

Ich weiß - du schwarz,
du reich - ich Hartz.
Hab nix - geb nix,
Gib Ruh' - mal fix.

Den umgekehrten Weg der Spam-Abwehr beschreiten andere, etwa "Käpt'n Speckschwarte", der die unanständigen Angebote aus dem Süden wegen Geringfügigkeit ablehnt (sich und uns dafür aber ein paar Zeilen mehr gönnt):

Ihr wollt mir zig Millionen schenken?
Dafür werd ich mich nicht verrenken!
Ihr armen Leut' aus Afrika... ich kaufe gerade Panama!
Mich reizen nur die dicken Brocken,
ums Kleingeld sollen andere zocken.
Damit ihr mich jetzt recht versteht...
mailt nur, wenn's um Milliarden geht!

Jean-Baptiste Abel schließlich ließ sich von den Großen des deutschen Humorgedichts inspirieren, seine "Ballade von der Nigeria-Connection" gemahnt an Wilhelm Busch, Erich Kästner und Heinz Erhardt (und weil sie so schön ist, zeigen wir sie hier in voller Länge):

Das Internet macht Menschen klug,
doch ist's wie bei Medaillen:
Andrerseits taugt's auch zum Betrug
für Gauner und Kanaillen

Drum jagt man längst schon virtuell
In Lagos, nah den Tropen
und mailt "Zur Not! Ich brauche schnell
statt Antil- Philantr-open!"
"Es gilt zu bergen einen Schatz
aus Wüste, Tropen, Steppen"
Doch wahres Ziel der E-Mail-Hatz
sind letztlich deutsche Deppen.

Als erstes schießt dabei der Tor
dreihundertneunundvierzig Euro für die Verwaltung vor.
Das glaubt er fest. Und irrt sich.
Er wälzt sich nachts in seinem Bett
und schimpft auf die Betrüger.Auch ihn machte das Internet
nicht reicher, aber klüger.

Es gilt am Niger wie am Rhein,
am Rhein so wie am Niger:
Verlierer zahlen erstmal ein
und wer kassiert, bleibt Sieger.

Mehr Nigeria-Vierzeiler gibt es demnächst bei SPIEGEL ONLINE - aber bitte daran denken: Sollten Sie sich entschließen, selbst E-Mails mit Betreffzeilen wie "URGENT BUSINESS PROPOSAL" und mysteriösen Millionenangeboten zum Spaß zu beantworten - öffnen Sie KEINE Spam-Mails ohne topaktuellen Virenschutz auf dem Rechner, geben Sie NIEMALS persönliche Daten heraus, auch nicht Ihren wirklichen Namen, und benutzen Sie NICHT Ihre eigene E-Mail-Adresse, sondern richten Sie zu diesem Zweck einen Wegwerf-Account bei einem kostenlosen E-Mail-Anbieter ein.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.