"LG ;-)": Kampf gegen die roten Blasen

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Noch eine SMS, noch ein Status-Update, kurz auf Facebook checken, wer heute Geburtstag hat, und dann E-Mails lesen: Die Journalistin Nina Pauer hat ein verzweifeltes Buch über unsere Sucht nach Kommunikation geschrieben. Offline-sein aber fällt für sie als Alternative aus.

Ständig wachsen rote Blasen auf unseren Smartphones, diverse Apps zeigen mit einem solchen Kringel das Eintreffen von Neuigkeiten an. Dann leuchten sie in unseren Hosentaschen und Handflächen: 14 Facebook-Updates, 31 E-Mails, 5 Kurznachrichten, 3 verpasste Anrufe, 7 Twitter-Benachrichtigungen.

Die roten Blasen sind Symptom einer Krankheit, die "Zeit"-Redakteurin Nina Pauer in ihrem Buch "LG ;-)" untersucht. Weil es kaum Hoffnung auf Heilung gibt, nennt sie die Krankheit lieber "das Spiel". In diesem Spiel erschaffen wir uns digitale Doppelgänger, die in sozialen Netzwerken existieren und mit Status-Updates gefüttert werden müssen wie Tamagotchis. "LG ;-)" (das steht für "Liebe Grüße, Zwinkersmiley") erzählt von zwei Menschen, die in diesem Spiel mitmachen und für die Dauer einer Zugfahrt durch Funklöcher noch stärker als sonst mit ihrer Angst konfrontiert werden, etwas zu verpassen.

Anna, jung und berufstätig, ist mit ihrer Mutter unterwegs zur Großmutter. Die Mutter hat sich auf die Fahrt gefreut, auf Zeit mit der Tochter. Es gibt wichtige Dinge zu besprechen. Doch Anna ist ständig mit ihrem Telefon beschäftigt. Sie kämpft an gegen die roten Blasen. Anna ist hier und woanders, richtig da ist sie nirgendwo. Außerdem sitzt Markus im Zug, ein junger Vater und erfolgreicher Unternehmer, der sich selbst schon wieder überfordert, obwohl er doch gerade erst zusammengebrochen war.

Auf einfache Antworten wird verzichtet

Sie rauschen durch das Nichts, auf einer Reise zu sich selbst, zwischen Arbeitsklausur und Offline-Denkzeit. Für einen Moment reißen die Fäden ab, die ständigen Gespräche, der Kontakt zum virtuellen Ich, zu anderen Menschen, mit deren Timelines sie sich synchronisieren, der Strom der Statusnachrichten.

Wollen wir so leben? Nina Pauer erzählt von einer großen Zerrissenheit, von der Suche nach Prioritäten im alltäglichen Aufgabenwahnsinn, von einer Sehnsucht nach Struktur. "Wie wir vor lauter Kommunikation unser Leben verpassen", ist der Untertitel des Buchs. Das klingt fast nach Ratgeber, mindestens aber nach Zeigefinger. Zum Glück trifft beides nicht zu.

Die Dauerkommunizierer Anna und Markus wissen, was sie anrichten und was mit ihnen angerichtet wird. Sie wissen nur keine Antwort darauf. Sollen sie zu "Selbstversuchsfibeln" greifen? "Alles Quatsch", schreibt die Erzählerin. Auf einfache Antworten wird verzichtet, das Ausklinken aus dem Netz gilt nicht als ernstzunehmende Option - zu Recht.

Stattdessen beschreibt Pauer die erfreulich komplexen Leben von Anna und Markus, so dass man als Leser mitfiebern muss: Wird Annas Mutter ausrasten? Schafft es Markus aus der Burnout-Falle? Aus diesen Geschichten holt sie ihre Thesen von der allgemeinen Verunsicherung, von Überforderung, von einem Leben mit der Sucht, in dem etwas nur noch stattfindet, wenn es mit anderen auf Facebook geteilt wird. Auch wenn dort niemand den Eintrag unter den Tausenden anderen findet. Das ist treffend beschrieben - und in seiner ganzen Zuspitzung sehr deprimierend.

Will die Technik wirklich nichts?

Das "wir" im Buch, das sind Menschen wie Anna und Markus, um die dreißig, vernetzt, vor allem berufstätig und in Städten lebend. Das Kommunizieren am Gerät, es ist nicht bloßes Gedaddel, es ist ihr Leben. Ihre Familie, ihre Freunde, ihre Arbeit. Das "wir" ist die Generation von Nina Pauer, Jahrgang 1982. In ihrem ersten Buch, "Wir haben (keine) Angst", auch eher ein Werk der schlechten Laune, wurde das "wir" noch etwas zu sehr in Anspruch genommen. In "LG ;-)" wird weniger gedeutet und dafür mehr erzählt. Es ist eine der Stärken des Buchs, Widersprüche anzunehmen.

Der Leiter eines Burnout-Seminars, das Markus besucht, gibt Tipps wie aus der Apothekenumschau. Natürlich macht sich Markus darüber lustig, weiß aber auch, dass da etwas Wahres dran ist. Wenn wir nicht so enden wollen wie Anna, die, wenn sie so weitermacht, schließlich enden muss wie Markus, dann müssen wir die Geräte beherrschen, fordert Nina Pauer, nicht andersherum. Wenn es nur so einfach wäre.

Pauer vertritt die Überzeugung, Technik wolle nichts, sie sei schlicht da: Wir müssen uns nur wehren wollen. "Wired"-Gründer Kevin Kelly etwa, an sich durchaus kein Technik-Pessimist, sieht das ganz anders. Wir haben etwas erschaffen, glaubt Kelly, das nun mehr ist als die Summe seiner Teile und in eine Richtung drängt, die wir nur schwer erfassen und kontrollieren können. Vielleicht braucht es den Glauben an die Beherrschbarkeit der Technik, damit Markus und Anna am Zielbahnhof aus dem Zug aussteigen können.

Warum lesen? Um sich über Geräte-Abhängigkeit und unser voll vernetztes Leben klar zu werden, ohne danach gleich in eine Waldhütte ohne fließend Wasser zu fliehen zu müssen. Und für Wörter wie "Statusfähigkeit".

Zweite Meinung: "Nina Pauers 'LG' ist flott und amüsant geschrieben, und motiviert dazu, das fiepende Handy in den Flugmodus zu befördern." (ORF)

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1.
forenuser 28.09.2012
Zitat von sysopNoch eine SMS, noch ein Status-Update, kurz auf Facebook checken, wer heute Geburtstag hat, und dann E-Mails lesen: Die Journalistin Nina Pauer hat ein verzweifeltes Buch über unsere Sucht nach Kommunikation geschrieben. Offline-sein aber fällt für sie als Alternative aus. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/nina-pauer-lg-a-858179.html
Also mir, als 28ig-Jährigem, sind keine Menschen bekannt bei denen das Smartphone so auf Hochtouren läuft. Bei meinem fünf Jahre jüngerem Bruder das gleiche. Wenn da was bimmelt ist es entweder Whatsapp, als SMS-Ersatz, oder gleich das Telefon. Facebook wird übers Handy kaum benutzt, als App erst recht nicht (was auch hirnrissig wäre). Und E-Mails werden sowieso überbewertet. Total bescheidenes Format.
2. Selbstgemachtes Chaos
gbkom 28.09.2012
Wer denn wirklich wissen will, wer wann in welchem Geschäft was gesehen hat und sich dafür in etlichen Gruppen/Kreisen/wasauchimmer anmeldet, hat selbst Schuld, sorry! Seit meine liebe Gattin sich in der What'sApp Gruppe des Pferdestalls angemeldet hat ("Ich muss das! Die sind alle da!") düdelt ihr Mobiltelefon auch gefühlt alle drei Minuten und die Liste ist so lang, dass wichtige Nachrichten übersehen werden. Nee, das ist selbstgemacht und wird bestimmt demnächst als Krankheit deklariert...
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