Nintendo-Guru Miyamoto "Ich möchte nicht der Soundso der Videospielindustrie sein"

Shigeru Miyamotos Bedeutung für Videospiele ist schwer in Worte zu fassen. Von "Donkey Kong" bis zum Nintendo DS, seit 25 Jahren prägt Miyamoto die gesamte Industrie. Die Ehrungen für sein Lebenswerk häufen sich. Was würde Nintendo ohne ihn machen? Wir haben nachgefragt.


Für einen kurzen Moment ist sie ihm anzumerken, die Erschöpfung. Leer bleibt der Blick auf dem schweren Eichenholztisch haften, der den kleinen Konferenzraum des Charlotte Street Hotels im Londoner Stadtteil Soho fast gänzlich ausfüllt. Doch es ist nur ein Sekundenbruchteil, dann kehrt das Lächeln in das Gesicht, die Neugier in die Augen von Shigeru Miyamoto zurück.

Shigeru Miyamoto: Mastermind hinter Nintendos originellsten Spielideen
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Shigeru Miyamoto: Mastermind hinter Nintendos originellsten Spielideen

Vor zwei Tagen war er in Paris, um vom französischen Kulturminister die Ritterwürde zu empfangen. Für seine Verdienste um das Kulturgut Videospiel. Nach der Kür folgt die Pflicht: Interviews. Paris, London. Vier Tage, zwei Städte, im Halbstundentakt kommen die Journalisten und löchern ihn. Zum neuen Nintendo-DS-Spiel "Brainage", einem Intelligenztrainer, und natürlich zur neuen Konsole, der Revolution, über die Miyamoto selbstredend nichts sagen darf.

Er wirkt erleichtert, als er hört, dass wir vor allem über ihn, den Menschen Shigeru Miyamoto sprechen wollen.

Frage: Das "Time Magazine" nannte Sie einmal den Steven Spielberg der Videospielindustrie. Schmeichelt Ihnen dieser Vergleich?

Shigeru Miyamoto: Ich weiß nicht, warum diese beiden Medien immer in einen Topf geworfen werden müssen. Natürlich gibt es, vor allem bei Videospielen aus den USA, eine gewisse Annäherung an das Medium Film. Für mich sind diese beiden Medien aber grundverschieden. Videospiele sind eine ganz andere Form der Unterhaltung als Filme. Und ich denke, dass die Arbeit von Steven Spielberg als Fimemacher eine ganz andere ist als meine Arbeit als Entwickler von Videospielen. Im ersten Moment bin ich immer etwas verlegen, wenn mich jemand mit Steven Spielberg vergleicht, aber im Grunde genommen weiß ich nicht so richtig, wie ich darauf reagieren soll.

Frage: Ich glaube, es ging bei diesem Vergleich vor allem darum, Ihre Bedeutung klar zu machen. Mit anderen Worten: Sie haben für Videospiele das geleistet, was Steven Spielberg für Kinofilme erreicht hat.

Miyamoto: Tja, also … ich weiß nicht. Ich will versuchen, das zu erklären. Der höchste Berg Japans ist der Fujijama. Und es gibt nur einen Fujijama. Trotzdem nennen viele Menschen den Berg, in dessen Nähe sie leben, auch "Fuji" – und setzen dann immer noch was dazu: "A-Fuji", B-Fuji", "C-Fuji". Statt sie beim eigenen Namen zu nennen, degradieren diese Menschen ihren Berg, indem sie sagen, er sei so etwas ist wie der Fujijama. Diese Bezeichnung beinhaltet aber, dass ihr Berg nicht so gut, nicht so hoch ist wie der richtige Fujijama. Und so geht es mir, ehrlich gesagt, mit diesem Vergleich.

Ich möchte nicht der "Soundso der Videospielindustrie" sein. Weil das darüber hinaus auch impliziert, dass Videospiele noch nicht so weit sind wie Filme. Es hört sich so an, als ob wir noch viel zu lernen hätten von der Filmindustrie. Es mag sein, dass bei den amerikanischen Entwicklern viele Leute arbeiten, die eigentlich lieber in der Filmbranche arbeiten würden, es dort aber nicht geschafft haben. Solche Leute wollen wir aber bei Nintendo nicht. Wir wollen Mitarbeiter, die Videospiele und nichts anderes machen wollen. Insofern ist dieser Vergleich letzten Endes für mich auch bedeutungslos.

Frage: Gibt es Dinge oder Persönlichkeiten, die Sie besonders beeinflusst haben?

Miyamoto: Es fällt mir schwer, einzelne Dinge oder Personen herauszuheben. Ich werde permanent beeinflusst durch Dinge oder Menschen, die mich umgeben. Ich muss allerdings zugeben, dass mich der ehemalige Präsident von Nintendo in meiner Entwicklung stark beeinflusst hat. Und natürlich Gunpei Yokoi, mein ehemaliger Vorgesetzter bei Nintendo (und Erfinder des Gameboy, Anm. d. Red.). Er hat mir strukturiertes Arbeiten beigebracht – dafür bin ich ihm immer noch dankbar.

Frage: Apropos unstrukturiert: Es heißt, Sie hätten für ihr Studium in Industriedesign fast doppelt so lange gebraucht wie eigentlich nötig … weil Sie ständig gezeichnet haben, statt die Lesungen zu besuchen. Inwiefern hat sich diese Arbeitseinstellung geändert? Wie kann man sich einen typischen Tag im Leben von Shigeru Miyamoto vorstellen?

Miyamoto: (lacht) Tja, diese Beschreibung meiner Studienzeit ist korrekt. Heute bin ich natürlich viel ernsthafter als früher. Ich arbeite viel und hart, versuche aber trotzdem, so viel Zeit wie möglich mit meiner Familie oder auch mit mir zu verbringen. Wenn meine Familie das gehört hätte, würden sie jetzt wahrscheinlich "Lügner!" rufen. Im Ernst: Werktags muss ich meistens lange arbeiten, dafür habe ich in der Regel die Wochenenden frei.



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