Anschlag von Nizza Wie Facebook  sein wichtigstes Krisentool generalüberholt

Facebook schaltet nach Anschlägen immer häufiger den Safety Check frei - auch in Nizza. Nach Kritik an der Funktion gibt der Konzern den Nutzern mehr Macht, sagt Facebooks Chef für Produktdesign im Interview.

Lastwagen des Attentäters in Nizza
REUTERS

Lastwagen des Attentäters in Nizza

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"Bist du in Sicherheit?" Diese Frage stellte Facebook seinen Nutzern nach den Anschlägen von Paris, den Attentaten in Brüssel und am Atatürk-Flughafen in Istanbul. Und auch nach dem Anschlag von Nizza konnten Nutzer des Netzwerks sich wenig später als "in Sicherheit" markieren und Freunde und Verwandte so über ihren Verbleib informieren.

Die Safety Check genannte Funktion ist relativ neu, doch Facebook arbeitet aktuell an einer massiven Ausweitung - und dreht gleichzeitig im Live-Betrieb, etwa in Nizza, an wichtigen Stellschrauben, die das Feature stark verändern, erklärt Facebooks Chef für Produktdesign, Luke Woods, im Interview mit SPIEGEL ONLINE.

Denn mit seinem neuen Krisentool hat Facebook sich in eine verzwickte Situation manövriert: Das Netzwerk muss beim Einsatz des Safety Check letztlich beurteilen, wann eine Situation gravierend genug für eine Aktivierung ist - und wann nicht. So wurde der Check für Paris zwar aktiviert. Als wenige Tage später ein Anschlag in Beirut 43 Tote forderte, reagierte Facebook nicht. Nach einem Bombenattentat in Bagdad im Juli wurde die Funktion erst mit großer Verspätung freigeschaltet. Das brachte dem Netzwerk viel Kritik ein - und den Vorwurf, sich hauptsächlich um westliche Nutzer zu kümmern.

SPIEGEL ONLINE: Herr Woods, wie kam Facebook zu der Entscheidung, in Nizza den Safety Check zu aktivieren?

Woods: Tatsächlich hatten wir in Nizza einen der ersten Fälle, in denen das Tool durch die Community, die Facebook-Nutzer, selbst aktiviert wurde. Die Menschen in Nizza haben den Safety Check selbst ausgelöst, kein Facebook-Mitarbeiter. Wir testen diese neue Funktion des Community-aktivierten Safety Check seit Juni.

SPIEGEL ONLINE: Wie funktioniert das?

Woods: In einer Krisensituation wie in Nizza sehen wir häufig einen Anstieg von Postings bei Facebook. Auffällig viele Nutzer sprechen plötzlich über ein bestimmtes Thema, einen Ort, einen Anschlag. Diese Signale verarbeiten wir und versuchen, aus allen Inhalten herauzufiltern, wo sich auf der Welt gerade eine Krise ereignet. Auf Basis der Nutzeraktivitäten spielen wir dann den Safety Check an Nutzer aus, die gerade etwas gepostet haben. Wir fragen sie, ob sie sich als "in Sicherheit" markieren wollen. Sie können dann auch ihre Freunde anfragen, das Gleiche zu tun - ein Schneeballsystem.

Luke Woods
  • Luke Woods/ Facebook
    Bei Facebook in Kalifornien ist Luke Woods als Head of Product Design dafür verantwortlich, wie wichtige Funktionen des Netzwerks für seine rund 1,65 Milliarden aktiven Nutzer im Monat aussehen und funktionieren. Woods arbeitet an Facebooks Messenger, genauso wie an der Weiterentwicklung neuer Funktionen wie dem Safety Check.

SPIEGEL ONLINE: Bisher entschied Facebook, wann der Safety Check zum Einsatz kommt und wann nicht. Lagern Sie diese schwierige Entscheidung jetzt an die Nutzer aus?

Woods: Nein. In Nizza hat Facebook nach der Aktivierung durch die Nutzerschaft ebenfalls reagiert und für die gesamte Gegend den Safety Check ausgelöst. Wir wollten sichergehen, dass wenn notwendig alle Nutzer das Tool zur Verfügung haben, nicht nur bestimmte Teile des Netzwerks.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Community also das Frühwarnsystem, bevor Facebook eingreift?

Woods: Nach einer Aktivierung durch die Nutzerschaft muss Facebook nicht zwangsläufig nachziehen. Jede Krise ist anders, sie sind extrem schwer vorherzusagen, das liegt in der Natur der Situation. Eine Geiselnahme in einer Bank ist vielleicht nur für die direkte Nachbarschaft relevant, aber nicht die ganze Stadt. Bei einem Anschlag wie in Nizza hingegen ist sofort die gesamte Region betroffen.

SPIEGEL ONLINE: Wer entscheidet bei Facebook, wann der Sicherheitscheck aktiviert wird?

Woods: Wie die Entscheidungsprozesse innerhalb von Facebook aussehen, können wir nicht verraten. Für uns spielt aber beispielsweise eine Rolle, wie viele Postings zu einem bestimmten Ereignis verfasst werden - und ob traditionelle Medien das Ereignis durch Berichte validieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie oft hat die Nutzerschaft selbst schon einen Safety Check ausgelöst?

Woods: Vor Nizza ist das schon nach dem Attentat auf einen Nachtklub in Orlando passiert, und nach der Explosion einer Autobombe in Bagdad.

SPIEGEL ONLINE: Der Einsatz des Features in Bagdad hat auch viel Kritik provoziert. Warum hat es über einen Tag gedauert, bis der Safety Check für dortige Nutzer bereit stand?

Woods: Wir sind uns der Kontroverse bewusst. Bagdad war das allererste Mal, dass die Community den Safety Check ausgelöst hat. Wir testen das Tool noch und stehen ganz am Anfang, mit jedem Einsatz lernen wir dazu. Ein Problem war auch, dass die Internetabdeckung im Irak nicht sonderlich gut ist. Viele Betroffene haben erst spät nach dem Anschlag den Weg zu Facebook gefunden. Das hat auch zu der Verzögerung beigetragen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn nun auch die Nutzer das Feature aktivieren können, gibt Facebook die Kontrolle darüber zumindest teilweise aus der Hand. Wird die Frage "Bist du in Sicherheit?" künftig viel häufiger aufploppen auf Facebook?

Woods: Wir wollen, dass die Funktion künftig so vielen Menschen wie möglich in Krisen zur Verfügung steht. Das erste Mal wurde der Safety Check nach dem Taifun auf den Philippinen im Dezember 2014 ausgelöst. Im Jahr 2016 ist das Tool bisher schon 20-mal eingesetzt worden - das ist jetzt schon eine höhere Fallzahl als in den Jahren 2014 und 2015 kombiniert.



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weltverkehrt 16.07.2016
1.
Die spannendere Frage an ihn ist doch, wie hat es denn gestern funktioniert? Hat es überhaupt funktioniert (Facebook)? Im Fernsehen hieß es gestern Nacht, dass Facebook, Twitter und Instagram in der Türkei (zeitweise) deaktiviert waren und nur über VPN erreichbar. Im Netz heißt es Facebook und Instagram waren deaktiviert, Twitter war online, dafür aber erstere schon zwei Stunden vor dem Putsch abgeschaltet. Können Sie da noch mal kurz nachhaken?
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