"No war" Hochsaison für Graffiti

Die "American Academy of Diplomacy" verlor zeitweilig ihr Gesicht. Defacer ersetzten die Website der US-Diplomatenschule durch den dutzendfach wiederholten Schriftzug "No war". Das FBI warnt vor Hackattacken gegen Regierungsseiten - und weiß da wohl Bescheid: Die Bundespolizei liegt selbst unter virtuellem Beschuss.


"No war": Friedens-Aktivisten verewigen den Slogan zur Zeit publikumswirksam auf dem Dach der Oper in Sidney
DPA

"No war": Friedens-Aktivisten verewigen den Slogan zur Zeit publikumswirksam auf dem Dach der Oper in Sidney

Am Sonntag verschwand der Bericht über eine Auszeichnung für US-Außenminister Colin Powell im digitalen Nirvana: Defacer - Hacker, deren Sport es ist, Webseiten zu verändern - ersetzten die Webseite der US-Diplomatenakademie durch eine einfache, aber vielfach wiederholte Forderung: "No war!"

Das richtet sich gegen Powell, gegen die Regierung der Vereinigten Staaten und ist einmal wirklich eine politisch motivierte Tat aus einer Szene, die normalerweise damit beschäftigt ist, im Web Bandenkriege und sportliche Konkurrenzen auszufechten. Das könnte in den nächsten Tagen häufiger geschehen.

Warnt zum Beispiel die amerikanische Bundespolizei FBI und spricht da wohl aus Erfahrung: Seit Stunden liegt die Website unter virtuellem Beschuss, es bekämpfen sich auf der einen Seite die IT-Fachleute des FBI, auf der anderen Seite unter anderem die Cracks der wahrscheinlich brasilianischen Hackergruppe souL. Die haben angekündigt, das Design unter www.fbi.gov merklich verändern zu wollen - kamen bisher aber nicht durch.

Das gelang der Konkurrenz von ION ("Intruders of Networks") zumindest zeiweilig mit der Webseite der US-Botschaft in Chile, und wohl nicht nur, weil die weniger gut geschützt ist, sondern auch, weil ION in einer ganz anderen Liga kicken: Im Augenblick gilt die Defacergruppe als eine der effektivsten weltweit.

Kein Zweifel: Die Jagdsaison auf Webseiten amerikanischer Regierungsbehörden ist eröffnet. Allein der Defacement-Erfolg bei der Website der Diplomatenschüler dürfte den Ehrgeiz sowohl der Hacktivisten, wie der Spaß-Defacer ordentlich kitzeln: Solche Attacken kommen in Wellen.

Der Einsatz von Defacements als Form des digitalen politischen Protestes gehört inzwischen zur Web-Normalität. In normalen Zeiten ist die Szene der Täter weitgehend unpolitisch: Von Behörden oft übertreibend und dramatisierend als "Cyberwar" tituliert, beschränken sich ihre Hacks in der Regel darauf, eine Webseite zeitweilig zu verändern und zumeist mit Grußworten an Konkurrenten, Freunde und Feinde zu versehen - eine Form der digitalen Graffiti.

Einige wenige Gruppen gelten auch als politisch, und die erfolgreichsten Defacer-Gruppen kommen an der Politik sowieso nicht vorbei: Als Vorbilder ihrer Szene wird von Gruppen wie Fatal Error, ION, haxOrs Lab, PoizonBOx oder den Silver Lords der gehackte politische Kommentar schon fast erwartet.



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