Noah Glass Der verdrängte Twitter-Miterfinder spricht

"Ich habe das begonnen", schreibt der Geschäftsmann Noah Glass in seinem Twitter-Profil und meint den Kurznachrichtendienst. Twitter-Manager Evan Williams gibt ihm öffentlich recht - nach fünf Jahren Schweigen über die wahre Gründungsgeschichte.

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Noah Glass' Twitter-Konto: "I started this" steht rechts, ein Hinweis auf seine Rolle

Noah Glass' Twitter-Konto: "I started this" steht rechts, ein Hinweis auf seine Rolle


Die Anerkennung kommt spät, gut fünf Jahre hat es gedauert: "Ja, es ist wahr", erklärt Twitter-Mitgründer Evan Williams in einer Kurznachricht, der Geschäftsmann Noah Glass habe Twitter miterfunden. Und ja: "Noah hat nie genug Anerkennung für seine frühe Mitarbeit bei Twitter erhalten. Und ja, er hat auch den Namen erfunden - das war brillant."

Diese Erklärung überrascht ein wenig. Denn bislang tauchte der Name Noah Glass nicht in der Twitter-Firmengeschichte auf. Vor einigen Wochen feierte die Firma ihr fünfjähriges Bestehen - niemand erwähnte Glass, niemand schrieb ihm die Namensgebung zu.

Ganz freiwillig kam Williams Erklärung nun nicht: Zuvor hatte das US-Fachblog " Business Insider" eine umfassende Geschichte über den vergessenen Twitter-Mitgründer veröffentlicht. Oder präziser: Die Geschichte des verdrängten Mitgründers. So stellt sich Glass im Gespräch mit "Business Insider" dar. In der Anfangszeit sei der gesamte Twitter-Dienst auf einem Notebook in seinem Büro gelaufen. Jack Dorsey, der als Erfinder von Twitter gilt, habe tatsächlich die Grundidee für den Kurznachrichten-Dienst gehabt. Sie hätten ihn jedoch gemeinsam entwickelt. Er habe auch Chef von Twitter werden wollen, sei jedoch aus dem Unternehmen gedrängt worden. Später habe er eine Beteiligung an dem Dienst bekommen.

Die eigene Gründungsgeschichte stellte Twitter bislang so dar: 2006 saßen einige Mitarbeiter der Firma Odeo auf einer Kinderrutsche in einem Park in San Francisco und grübelten. Eigentlich wollte Odeo in San Francisco einen Podcasting-Dienst entwickeln. Nun aber schlug der Entwickler Jack Dorsey vor, kurze Statusmeldungen an alle Teammitglieder per SMS zu senden, damit jeder wusste, woran die anderen gerade arbeiteten.

In zwei Wochen entstand ein Prototyp, am 21. März 2006 schickte Dorsey die erste Twitter-Nachricht: Sie ist, wie jede Nachricht, die über den Dienst jemals verschickt (und nicht später vom Urheber gelöscht) wurde, bis heute erhalten. Twitter war, das wird den Dienst eines Tages zu einer wertvollen Ressource für Historiker machen, von Anfang an auch sein eigenes Archiv.

"Es war ein Gruppenprozess. Ich habe Twitter nicht allein entwickelt."

Dieses Archiv belegt: Am 21. März legte zuerst Jack Dorsey ein Twitter-Konto an, dann Biz Stone, dann Noah Glass und danach Evan Williams.

Glass betont im Gespräch mit "Business Insider", er habe Twitter keineswegs allein erfunden. Er fühlt sich nur um seinen Anteil betrogen: "Einige Menschen haben die öffentliche Anerkennung erhalten, andere nicht. In Wahrheit war es ein Gruppenprozess. Ich habe Twitter nicht allein entwickelt. Es ist aus Gesprächen entstanden."

Diese Version der Geschichte bestätigen im Gespräch mit "Business Insider" einige ehemalige Twitter-Mitarbeiter. Auch im Netz finden sich einige Belege für Glass' Mitarbeit bei Odeo. Ein Foto vom Weihnachtsessen der Odeo-Mitarbeiter 2005 zeigt ihn am Kopfende des Tischs, in seinem Blog schreibt Glass 2005 viel über die Entwicklung bei Odeo.

Die nun veröffentlichten Details zur Gründungsgeschichte werfen einige Fragen zur Ausgründung von Twitter aus der ersten Firma Odeo auf.

Nun fragen sich laut "Business Insider" einige frühe Odeo-Investoren, ob Evan Williams sie hintergangen haben könnte. Als der Kurznachrichtendienst gerade einmal 5000 Nutzer hatte, machte Williams Odeo dicht und zahlte den Investoren ihre rund fünf Millionen Dollar zurück. Heute wird der Wert von Twitter auf mehrere Milliarden geschätzt. Einige der Odeo-Investoren fragen sich laut "Business Insider" nun, ob Williams damals schon das Potential des Dienstes erkannt habe und ihn für sich haben wollte.

Als Odeo das Nebenprojekt Twitter für alle Nutzer öffnete, war die Firma überrascht vom Erfolg. Der Dienst ist so simpel, dass viele ihn bis heute für albern bis lächerlich halten: Nutzer veröffentlichen Nachrichten von maximal 140 Zeichen Länge - weniger, als in eine SMS passt (was damit zu tun hat, dass man ursprünglich darüber nachdachte, die restlichen 20 Zeichen als Werbefläche zu vermarkten).

Ein gutes Jahr nach dem ersten Tweet gründete Dorsey gemeinsam mit Biz Stone und Evan Williams eine eigene Firma unter dem heutigen Namen Twitter Inc. und Twitter begann seinen Siegeszug: Im März 2007 wurde der Dienst beim US-Festival "South by Southwest" gefeiert, die Nutzerzahlen stiegen und der Dienst bekam den SXSW Web Award.

Twitter gehört zur Infrastruktur der Online-Öffentlichkeit

Heute ist Twitter Infrastruktur der Online-Öffentlichkeit wie auch Facebook und Google. Der Dienst hat die Welt verändert - das hätten sich die Podcast-Unternehmer auf der Spielplatzrutsche vor fünf Jahren wohl kaum vorstellen können. Der Dienst hat inzwischen etwa 200 Millionen registrierte Nutzer. Viele davon sind Karteileichen oder setzen selbst nie einen Tweet ab - die Zahl der aktiven Nutzer dürfte dennoch mehrere Dutzend Millionen betragen. Und diese Millionen sind eine vergleichsweise kleine, aber meinungs- und lautstarke Gruppe innerhalb der Milliarden Internetnutzer auf dem Planeten.

"Business Insider" zitiert einen nicht namentlich genannten Investor zu möglichen Klagen: Sollte es dazu kommen, würde die entscheidende Frage sein: "Wie viel wusste Evan über die Aktivität der Nutzer und die Nutzerzahlen zu dem Zeitpunkt, als er es herauskaufte?"

Mit Material von dpa

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