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Noten in Nöten: Die schaurigste Musik des Internets

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Es gibt Musik, die ist so schlecht, dass man sie sich nicht einmal für Geld anhören möchte. Doch auch die misslungenen Gesangsversuche von Telly "Kojak" Savalas oder einem ehemaligen US-Justizminister finden ihr Publikum - auf abgründigen Seiten des Webs.

Leonard "Spock" Nimoy in der "Hall of Shame": Als Schauspieler wie Sänger auf Gefühllosigkeit spezialisiert

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Als Gavin Bryars Anfang der siebziger Jahre Musiker und Nichtmusiker aufrief, für sein Portsmouth Sinfonia-Orchester vorzuspielen, suchte er sich den tiefsten Abgrund, den er finden konnte: klassische Musik. Die Aufnahmebedingung war ganz einfach: Egal ob Ihr ein Instrument berherrscht oder nicht, gebt euer Bestes!

Was die 82 Musiker gaben, war schmerzhaft, grausam, unverschämt. Doch zum Trotz verkaufte sich ihr 73er-Album "Portsmouth Sinfonia Plays the Popular Classics" so gut, dass sie ein Jahr später sogar in der Royal Albert Hall vor tausend Zuschauern vorspielten. Im Orchester: Musiklegende Brian Eno mitsamt einer ihm fremden Klarinette. In den kakophonischen Versionen von "Also sprach Zarathustra" oder Beethovens "Fünfte Symphonie" hört man ihn nicht heraus. Man hört nur das Grauen - und hin und wieder das verzweifelte Lachen des Publikums.

Einst kultisch verehrt und zu besonderen Anlässen immer wieder aus dem LP-Schrank gekramt, kennt heute kaum noch jemand dieses schiefe Kapitel der Musikgeschichte. Kaum noch jemand, gäbe es nicht Websites wie Miserable Melodies ("erbärmliche Melodien"), die es sich zur Aufgabe gemacht haben, musikalisches Scheitern zu dokumentieren. Unter den knapp 180 Hörbeispielen belegen Yoko Ono und William "Captain Kirk" Shatner Topplätze. Das "Lucy in the Sky with Diamonds" vom Enterprise-Captain gilt vielerohrs als schlimmstes Beatles-Cover aller Zeiten.

Neben dem naheliegenden Grausen findet dort auch abwegigeres Unheil Heimat. Ex-US-Justizminister John Ashcroft mit seinem "Let The Mighty Eagle Soar" zum Beispiel, oder der Kalte-Schauer-Kitsch der "Gregorian Chants". Selbst die heimlichen Aufnahmen von Linda McCartneys Beatles-Hintergrundgesängen oder der hinterhältige wie auch legendäre Enrique Iglesias Live-Mitschnitt - Tontechniker gaben ihm ohne sein Wissen ein funktionsfähiges Playback-Mikrofon - werden in dieser musikalischen Asservatenkammer des Internets sauber verwahrt.

Das Internet ist die Summe allen menschlichen Wissens plus Porn, sagte einst ein Netz-Poet. Man kann es auch anders ausdrücken: Das Internet ist die Unterwasser-Arche-Noah, die all das rettet, was längst hätte fortgespült und vergessen sein müssen. Das 365 Days Project machte sich 2003 an so eine Arbeit. An jedem Tag des Jahres veröffentlichten sie ein seltsames, unbekanntes oder einfach nur fragwürdiges MP3-File und verliehen ihm damit ein Anrecht auf Lebensverlängerung.

Sakropop: "Jogging for Jesus"

Die beängstigende Space Lady-Version von Major Tom, gesungene Hygiene- und Benimmregel "Jogging for Jesus" und die krude Erleuchtungsphantasie The Will of God von Dan Ashwander: Alles MP3s, die man nicht suchen kann, weil man sie nicht denken kann.

Ein Problem, dem sich selbst eingefleischte Fans gegenüber sehen. Viele von ihnen erkannten zum ersten Mal die Noten in Nöten, als sie über musikalische Versuche von Leinwandstars stolperten.

Leonard "Spock" Nimoy, Bing Crosby, Telly "Kojak" Savalas und viele mehr finden sich in der Hall of Shame von Fadetoblack.com. Fortgeschrittenen Sammlern ist das indes zu einfach - wen wundert schon, dass Brent "Data" Spiner seltsame Lieder singt? Sie machen sich lieber in Platten- und Ramschläden auf die Suche. Das Bad Music-Portal steht zwar still, veröffentlichte früher aber regelmäßig Zusammenstellungen der neusten Funde, die es noch heute zum Download gibt. Sortiert nach Patriotismus, Berühmtheit - und Frömmigkeit.

Überhaupt ein Sammelsurium der Vergeblichkeit, die religiös motivierte Musik. Joseph Ratzinger stellte sich ja in den Achtzigern gegen Jazz- und Rockmessen, die den kirchlichen Zugang zu Jugendlichen über Popmusik vereinfachen wollten: "Solche Musik legt die Schranken der Individualität und der Personalität nieder; der Mensch befreit sich darin von der Last des Bewusstseins. Musik wird zur Ekstase, zur Befreiung vom Ich, zum Einswerden mit dem All [...] Vom Grund her muss daher Musik dieses Typs aus der Kirche ausgeschlossen werden."

Davon unbeeindruckt konnte sich bis in die Neunziger der Sakropop etablieren - mit aufblasbaren Kirchen und Flackerlicht sollten Drumloops zu Jungscharen gemacht werden. Ein gefundenes Fressen für Sammler und Theoretiker des Abseitigen wie die österreichische Künstlergruppe monochrom. Eine der letzten Zusammenstellungen ihrer Lashcore-Reihe dreht sich ganz um christlichen Pop (Alle Welt soll es erfahren).

Im Begleitschreiben weisen die Wiener dabei auf einen ihnen wichtigen Punkt hin: "Was uns am Sakropop fasziniert ist sein Scheitern-Müssen und dessen spezifische ästhetische Qualität. [...] Doch geht es nicht nur um die Ausstellung von Versagenshandlungen, sondern auch darum, dass die betreffenden Stücke auf verquere Weise gerade wegen oder manchmal eben auch trotz ihrer Missratenheit Ohrwurmqualitäten entfalten."

Denn das ist der Kern von komischer Musik. Sie ist eben nicht so schlecht, dass sie schon wieder gut ist. Komische Musik zeugt von hehren Zielen, von großen Anstrengungen - und ihrem Scheitern. Ihre Fans wollen nicht schlauer sein als die Musiker. Sie erkennen den Abgrund als Gipfel, sie erkennen das umgekehrt Erhabene der Musik - genau so hatte Jean Paul 1804 in seiner "Vorschule der Ästhetik" das Komische beschrieben.

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