Nutzungs-Statistik: Web-Erfinder warnt vor Facebooks Datenmonopol

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Für Tim Berners-Lee ist Facebook wie ein Daten-Silo. Der Erfinder des World Wide Web kritisiert die Vorherrschaft weniger Online-Riesen, die digitale Informationen einsperren. Konkret: Seiten wie Facebook saugen Daten auf, geben aber selbst wenig preis.

Web-Historie: Die Väter des WWW Fotos
DPA/ CERN

Vor fast 22 Jahren hat Tim Berners-Lee mit einem Aufsatz die Welt verändert. Damals setzte der junge Informatiker sich in Genf an seinen Rechner und tippte 30.000 Zeichen Text unter dem Titel " Informationsmanagement: Ein Vorschlag" - es war der Bauplan für das World Wide Web, wie wir es heute kennen. Nun hat Berners-Lee wieder einen Aufsatz über das Netz geschrieben, gut 23.000 Zeichen lang diesmal, unter dem Titel " Lang lebe das Web".

Dass das Web, wie wir es kennen, lange fortbesteht, hält Berners-Lee nicht für ausgemacht. Im Gegenteil, noch nie war es so sehr in Gefahr wie heute. Als größte Gegner eines freien Netzes macht Berners-Lee diese Gruppen aus:

  • Regierungen, die das Nutzungsverhalten ihrer Bürger überwachen
  • Internet-Provider, die bestimmte Daten bevorzugt transportieren wollen - gegen Bezahlung durch die Anbieter womöglich
  • große soziale Netzwerke, die Informationen horten und streng abgeschirmt vom Rest des Webs Datenmonopole pflegen

In Gefahr sieht Berners-Lee vor allem diesen Grundsatz, den er vor 21 Jahren für das neue Netz aufgestellt hat: Ein "universelles, verbundenes Informationssystem" sollte das World Wide Web werden.

Berners-Lee: "Jede Seite ist ein Silo, strikt getrennt von den anderen"

Universell und verbunden - das sind die Informationen, die zum Beispiel der Netzwerkriese Facebook (Berners-Lee erwähnt den Dienst ausdrücklich neben Linkedin und Friendster) in seinen Datenbanken sammelt, bei weitem nicht. Berners-Lee beschreibt den Zustand so:

"Wer einmal Daten bei diesen Diensten eingibt, kann diese nicht einfach so auf anderen Seiten verwenden. Jede Seite ist ein Silo, strikt getrennt von den anderen. Ja, die Nutzerseiten bei einem Dienst sind im Web, aber die Daten sind es nicht. Nutzer können eine Webseite mit einer Liste ihrer Kontakte bei einem Dienst aufrufen, aber sie können diese Liste oder Teile davon nicht an andere Dienste senden."

Das Problem bei dieser Architektur: Je intensiver man einen bestimmten Dienst nutzt, desto besser funktioniert er, desto attraktiver ist er für die Nutzer und desto schwieriger wird es, diesen Dienst wieder zu verlassen. Netzwerke wie Facebook zentralisieren Daten in einer exklusiven Datenbank, die ständig von den Nutzern kostenlos erweitert wird. Im Durchschnitt erstellt jedes der 500 Millionen Facebook-Mitglieder im Monat 90 Beiträge (Kommentare, Fotos, Verweise auf andere Webseiten), kommuniziert mit seinen durchschnittlich 130 Kontakten und folgt auf durchschnittlich 80 Facebook-Seiten den Äußerungen bestimmter Gruppen, Veranstaltungen oder Urheber.

Es liegt in der Natur der Sache, dass ein solches Netzwerk mit jedem neuen Mitglied, jeder Meinungsäußerung, jedem Foto, jeder Verknüpfung attraktiver für Menschen wird, die noch nicht dabei sind.

Facebooks Datenmonopol verstärkt sich selbst

Berners-Lee warnt: "Je weiter diese Art von Architektur sich verbreitet, desto fragmentierter wird das Web und desto weniger können wir einen universellen, verbundenen Informationsraum genießen."

Bei diesem Konzentrationsprozess geraten die Giganten im Netz immer wieder aneinander, Anfang November sperrte Google zum Beispiel Facebook den Zugriff auf die Kontaktlisten seiner Kunden. Facebook bietet Nutzern an, ihre Kontaktlisten bei großen E-Mail-Anbietern wie Google, Yahoo oder Hotmail zu durchsuchen, um schneller ihre Bekannten auch bei dem sozialen Netzwerk zu finden. Dabei greift Facebook über sogenannte Programmierschnittstellen (APIs) auf die externen Systeme zu und schlägt dem Anwender die Kontaktaufnahme zu weiteren "Freunden" aus den Adressbüchern vor. Google werde anderen Websites grundsätzlich so lange keinen automatischen Zugang zu Kontaktdaten erlauben, bis sie eine ähnliche Funktion anbieten, sagte ein Google-Sprecher damals.

Das freie Web füttert Facebook

Facebook saugt an immer mehr Stellen im freien Web Informationen in seine Datenbanken. Dafür stellt das Unternehmen Web-Seiten-Betreibern kostenlos eine Reihe recht einfach zu integrierender Code-Schnipsel bereit, die sich aus dem Facebook-Datenpool bedienen und ihn füttern. Konkret sieht das zum Beispiel so aus: Wenn ein Facebook-Mitglied eine Webseite aufruft, sieht er sofort, welche Beiträge seine Facebook-Freunde dort schon empfohlen haben.

Der Vorteil für die Webseiten-Betreiber: Die Nutzer bleiben vielleicht länger auf den Seiten, weil sie mehr entdecken und Empfehlungen ihrer Freunde folgen können, denen sie vertrauen. Der Vorteil für Facebook: Die wertvollsten Informationen, nämlich die über Meinungsäußerungen, Vorlieben und Nutzungsarten bestimmter Nutzer, fließen von überallher aus dem Web in die Facebook-Datenbanken.

Die Strategie zahlt sich aus, Facebook bindet im Web immer mehr Aufmerksamkeit. Laut aktuellen Statistiken der US-Markforscher von Hitwise (das Unternehmen analysiert die Internet-Nutzung von mehr als zehn Millionen US-Bürgern) entfiel in der zweiten Novemberwoche jeder vierte Seitenaufruf von US-Internetnutzern auf Facebook - mehr als 16 Prozent mehr als im Vorjahr. Dabei erfasst Hitwise nicht einmal die mobile Internetnutzung.

Die Basis für dieses rasante Wachstum hat vor 21 Jahren Tim Berners-Lee mit seinem Essay über das Web gelegt. Er schuf eine Infrastruktur, die komplett offen ist. Jeder kann sie nutzen. Kostenlos. Jeder kann sie erweitern. Dank dieser Offenheit konnten Konzerne wie Facebook zu den Giganten werden, die sie heute sind. Und nun sind es gerade diese Unternehmen, die im Internet Inseln errichten.

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1.
Walter Sobchak 20.11.2010
Einfach nicht mitmachen und gut ist. Ich kann ganz gut ohne Facebook leben, obs andersherum auch so ist, wage ich zu bezweifeln.
2. Facebook
Lightbringer 20.11.2010
Aus Sicht der Nutzer wäre es das Beste Facebook in eine global kontrollierte Non-Profit Organisation umzuwandeln; im Interesse des Betreibers ist das mit Sicherheit nicht. Der Hauptmechanismus, kontrollierte Kommunikation, hat ja nicht nur Nachteile. Wie viel Energie investieren wir doch alle, um uns vor Spam-Emails zu schützen. Bei Facebook reicht ein Klick auf "Sender blockieren" - sofern da überhaupt etwas kommt.
3.
ohne_sorge 20.11.2010
Ich glaube nicht, dass die sozialen Netze über lange Zeit wirklich so wahnsinnig benutzt werden, wie derzeit und dann veralten die Daten doch recht schnell. Also wenn ich da bei meiner Frau zusehe, wie sie sich in Facebook einloggt und 10 neue Kommentare von der Qualität "in China ist ein Sack Reis umgefallen" und xy findet es toll, dann möchte ich an dieser Zeitverschwendung nicht teilnehmen. Die Leute schreiben belanglose Gags und Kommentare, schicken und empfehlen Links auf solche und spielen banale Spiele auf Bildzeitungsniveau und dann wird gechattet wie früher auch schon bei ICQ, Skype usw. Spätestens wenn man tausende Kontakte hat, wie z.B. bei einigen meiner Arbeitskollegen, dann ist langsam die Frage: "Wer ist eigentlich mein Freund?" nicht mehr so leicht zu beantworten. Es sind doch tatsächlich 99% eigentlich nur flüchtige Bekannte, die einem nie wirklich helfen würden. Die größte Bankrotterklärung kam von einem ex Arbeitskollegen, der sehr aktiv ist bei Facebook, StudiVZ usw. und der mir gestehen musste, dass er eigentlich unter den vielen hundert Leuten weder einen wirklich guten Freund noch eine gute Freundin hat - arme Welt. Ich ziehe es da lieber vor, die wirklich guten Freunde zu besuchen und mit denen was zu erleben, der Rest sind bei mir berufliche Kontakte bei Xing und das reicht mir dicke.
4. Problem?
maka2 20.11.2010
Wo ist das Problem? Wenn paralel zum Standard-Net ein seperates Facebook-Net entsteht, dass die gleiche technische Infrastruktur nutzt, wem tut das weh? Das ist ja nicht so, dass ich als Nicht-Facebook-User irgendwelche Einschränkungen erleide. Bei dem massiven Wachstum an Websites und der Zahl der Internet-User wächst ja auch das Standard-Net immer weiter. Also worum sollte man sich sorgen?
5. Nutzen?
Flakes 20.11.2010
Mir konnte noch niemand plausibel erklären, wozu Facebook & Co. eigentlich gut sind und welchen realen Nutzen ich davon habe. Ich habe den Eindruck, dass derlei Netze einfach im Moment Gaga sind und man dort mitblödelt, damit man nicht als vermeintlicher Hinterwäldler darsteht. Also, locker bleiben und den Unfug einfach ignorieren.
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Tim Berners-Lee: Der Vater des WWW

Facebook: Das Weltnetz
Mitglieder
Facebook
Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach Angaben von Goldman Sachs hatte Facebook Anfang 2011 600 Millionen Mitglieder weltweit, nach eigenen Angaben loggt sich jeden Tag die Hälfte von ihnen auf der Seite ein (Stand: Januar 2011).
Plattform
Seit Mai 2007 können externe Entwickler auf Nutzerdaten zugreifen, wenn die Facebook-Mitglieder dem zustimmen. Seit die Plattform für externe Entwickler geöffnet wurde, wächst das Angebot des einstigen Studentennetzwerk rasant – die Nutzer können aus mehreren tausend kostenloser Anwendungen wählen – Spielen, Fotoverwaltern, Programmen zum Abgleich von Lese-, Film- und Musikvorlieben zum Beispiel.
"Mir gefällt das"
Facebook überall: Die "Mir gefällt das"-Funktion können Website-Betreiber auf ihren eigenen Seiten einbauen. Mit einem Klick teilen Facebook-Nutzer ihren Freunden mit, was ihnen gefällt. Im Gegenzug kann Facebook Werbung gezielter schalten - und weiß, welche Seiten die Mitglieder ansurfen.
Geschäft
Der Umsatz von Facebook lag 2009 schätzungsweise bei 800 Millionen Dollar. Als Facebook-Gründer Mark Zuckerberg im November 2007 bei einer Präsentation in New York 250 Werbekunden ein "Interface, um Erkenntnisse über die Facebook-Aktivitäten von Mitgliedern zu sammeln, die fürs Marketing relevant sind", versprach, brach ein Proteststurm los.
Firmenwert
Facebook hat Google 2010 als meistbesuchte Website in den USA überholt. Anfang 2011 investierten die US-Großbank Goldman Sachs und die russische Beteiligungsgruppe Digital Sky Technologies 500 Millionen Dollar in das US-Unternehmen. Der Wert des Netzwerks klettert auf 50 Milliarden Dollar.
Hollywood
Der Film zum Phänomen: Die Gründungsgeschichte von Facebook wurde 2010 von David Fincher mit Jesse Eisenberg in der Hauptrolle verfilmt. "The Social Network" zeigt Zuckerberg als soziopathischen Nerd, der Facebook aus enttäuschter Liebe gründet.

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