Mobiles Netz in der Provinz Spiegel Offline

Was in Heide passiert, bleibt in Heide. Zumindest länger als anderswo, denn Bilder und Videos über das Mobilfunknetz zu verschicken, kann ewig dauern. Ein Erfahrungsbericht aus Schleswig-Holstein.

Kein Netz in Heide: Selbst im tiefsten Wald an der russischen Grenze kam man besser ins Internet als in Schleswig-Holstein

Kein Netz in Heide: Selbst im tiefsten Wald an der russischen Grenze kam man besser ins Internet als in Schleswig-Holstein


Am Wochenende war ich für eine Weltpremiere in Heide. Der YouTube-Film "Kartoffelsalat" wurde hier uraufgeführt, weil Berlin und Hamburg angesichts all der YouTube-Fans eine Massenpanik fürchteten. In Heide fehlt für Panik die Masse.

Das Städtchen hat 22.000 Einwohner und liegt eine gut einstündige Zugfahrt von Hamburg entfernt in der schleswig-holsteinischen Provinz. Vom schnellen Internet ist sie abgeschnitten, ein Glasfasernetz gibt es nicht.

Schon unterwegs hat das Handy immer wieder den Kontakt zum O2-Netz verloren. Gut, man könnte jetzt denken, wer ein O2-Netz hat, ist selbst schuld. Doch seit der Fusion von Telefonica und E-Plus schien das Netz verbessert, und in der Großstadt hatte ich bisher so gut wie keine Empfangsprobleme.

Nicht so in Heide: Auf der Premiere habe ich auch fotografiert und gefilmt. Nicht viel, ein paar Megabyte, aber weil sie mit dem Text zusammen am Sonntagnachmittag noch auf SPIEGEL ONLINE veröffentlicht werden sollten, mussten sie so schnell wie möglich in die Redaktion nach Hamburg.

In zwei Cafés ist das Internet ausgefallen

Ein LTE-Netz gibt es für O2-Kunden in Heide nicht. 3G ist theoretisch verfügbar, aber ausgerechnet jetzt nicht - eineinhalb Stunden vor der Textabgabe. Und auch der Veranstalter stellt kein WLAN. Also ab in ein Café, da würden sie schon WLAN haben, dachte ich.

Erster Versuch, der "Marktpirat": Eine freundliche Bedienung erklärt, man habe grundsätzlich schon ein Kunden-WLAN, gerade heute sei es aber ausgefallen. Nächster Versuch, eine Filiale einer Bäckerei-Kette: An der Eingangstür klebt ein WLAN-Symbol, doch drinnen begegnet mir das gleiche Problem wie eben. Heute sei das WLAN ausgefallen, erklärt die Verkäuferin. Noch eine Stunde bis zur Abgabe.

Ich bin mal von Helsinki mit dem Zug nach Sankt Petersburg gefahren. Selbst im tiefsten Wald an der russischen Grenze hatte ich dort einwandfreies WLAN - sogar kostenlos. Nicht so in Deutschland. Und erst recht nicht in Heide.

Ein kleines Stück Globalisierung in der Fußgängerzone

Auf der Suche nach Internet hetze ich durch die Fußgängerzone und überlege, ob es nicht schneller ginge, den nächsten Zug zu nehmen und die Dateien persönlich nach Hamburg zu bringen, als ich endlich ein kleines Stück Globalisierung entdecke: eine McDonald's-Filiale. Dort muss es doch WLAN geben!

Und tatsächlich: zwei Stunden Gratis-WLAN. Zwar ein sehr langsames, und es gibt keine Sitzplätze, aber das ist egal. Alles ist besser als ein 2G-Netz. Ich verbringe fast eineinhalb Stunden in dem Laden, bis alle Bilder und Videos in der Redaktion sind.

Tatsächlich wäre ich schneller gewesen, wenn ich die Dateien mit der Regionalbahn von Heide nach Hamburg gebracht hätte. Am schnellsten wäre es allerdings wohl gegangen, wenn ich die Daten nicht innerhalb Deutschlands hätte verschicken müssen - in den meisten Nachbarländern ist die Sache mit dem Netz unterwegs nämlich kein Problem.

mos



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insgesamt 71 Beiträge
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Kitu 20.07.2015
1. Ich war auch überrascht
Ich bin von Deutschland echt überzeugt. Es ist ein guter Ort zum Leben und arbeiten. Aber... Das bedeutet noch lange nicht, das wir hier überall führend sind. Gerade was IT angeht und die Anbindung an das Internet sind wir.. Durchschnitt. Bestenfalls. Ich war in Island und es gab überall in den Städten freies WLAN. Rasend schnell, kostenlos und unkompliziert. In den Bussen, Cafés, Geschäften, Restaurants. Überall. Auch in den Hotels war es standard. Da geht noch einiges in Deutschland. Einiges.
derbarde 20.07.2015
2. Nicht nur im Norden
Was Sie in Ihrem Beitrag für den Norden beschreiben, können Sie auch im Süden erleben. Im Norden des Heilbronner Landes ist ein halbwegs vernünftiger Online-Zugang nur mit Festnetz oder D1 möglich. Man ist damit an einen einzigen Anbieter gebunden, dem man häufig für nur die Hälfte der versprochenen Leistung den vollen Preis bezahlen darf. Glasfaser kennt man hierzulande nur vom Hörensagen.
gribofsky 20.07.2015
3. Störerhaftung und Lizenzen
Bedanken sie sich bei ihrer Regierung und bei Verbänden wie der VG Wort die es mittels der Störerhaftung unmöglich machen ein offenes WLAN zu betreiben. Außerdem verkauft die Regierung die Mobilfunklizenzen so teuer (die letzte Versteigerung war letzten Monat, 5 Milliarden !) das es sich bei uns nicht lohnt den Ausbau in wenig bewohnten Gebieten voranzutreiben. Schöne Grüße aus dem ländlichen Bayern, wo es auch kein Festnetzinternet gibt.
dk5ras 20.07.2015
4. O2 als Journalist?!
Selber Schuld. Wie wäre es mit dem Marktführer, der Telekom? Die haben da vielerorts UMTS, und in Sachen LTE quasi Vollversorgung. Wie, kostet mehr? Ach.
Flying Rain 20.07.2015
5. @Moritz Stadler
...etwa überrascht das es nicht wenige Ecken in Neuschland gibt in denen es kein Kabelloses oder nur grottig schlechtes Internet gibt? ;) Neuschland ist doch bekanntlich das Aushängeschild der Eu in Sachen Indianernetz...
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