Obdachlose im Internet Rudi Ratzke empfiehlt Einkaufswagen-Sharing

Wohnungslose sind von der digitalen Welt in der Regel ausgeschlossen. Die deutsche Webseite PennerVZ.de will das ändern: Mit kessen Sprüchen und Stories eines gewissen Rudi Ratzke. Obdachlose in den USA betreiben sogar schon eigene Blogs.

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Nimm einfach eine Papiertüte, empfiehlt Kevin Barbieux. Pack ein Paar saubere Socken ein, Einwegrasierer, eine Reisezahnbürste. Vielleicht noch einen Nagelklipser. Kevin Barbieux ist obdachlos. Unter thehomelessguy.blogspot.com schreibt er über seinen Alltag, knipst die Suppenküche, bei der er zu Mittag gegessen hat, berichtet, dass die Stadtverwaltung seiner Heimat Nashville Obdachlose im Zentrum für geschäftsschädigend hält. Und für Barmherzige listet er auf, welche Utensilien für Menschen auf der Straße einfach unentbehrlich sind.

Kevin Barbieux: Bloggt als "The homeless guy"

Kevin Barbieux: Bloggt als "The homeless guy"

Barbieux ist eine Ausnahme. Wer kein Geld hat, um sich etwas zu essen zu kaufen, kein Dach über dem Kopf, für den haben ein freier Internetzugang oder regelmäßige Weblogeinträge keine Priorität. Der US-Blogger hat mittlerweile seine Kontakte, manchmal geht er einfach ins Internetcafé. In Nordamerika gibt es längst eine ganze Reihe wohnungsloser Blogger. In Deutschland: Fehlanzeige. Wer hier strukturell nicht die Möglichkeit hat, das Internet zu nutzen, bleibt gemeinhin außen vor. Wertvolle Informationen, Kontakte, Hilfe gibt es für sie fast nur offline.

Die Initiative PennerVZ.de will das ändern. "Finde heraus, wer noch in Deiner Straße sitzt!", steht auf der grün leuchtenden Seite, "Tipps & Tricks: Wo lohnt sich das Betteln wirklich noch?" und "Wie heißt die Süße neben Dir in der Bahnhofsmission?". Wärmstens empfohlen wird Einkaufswagen Sharing: "So sparst du Energie!" Was wie ein Witz daherkommt, ist auch einer. Allerdings einer mit einem echten Anliegen. Innerhalb von sechs Wochen seit ihrem Bestehen hatte die Seite über eine Million Besucher, am 24.12. wird sich PennerVZ weitgehend auflösen: Ab Weihnachten, dem von PennerVZ ausgerufenen "Tag der Armut 2.0", werden Besucher von der Startseite aus auf drei gemeinnützige Institutionen weitergelinkt, "Die Tafeln" ist eine davon.

"Ich wollte Publicity für diese Menschen machen", erklärt Andreas Jacob, der Betreiber von PennerVZ. Er ist 27, studiert in Mannheim Kulturwissenschaften, Spanisch und Englisch. Und er hat mitunter Schwierigkeiten, den Humor seiner Mitmenschen einzuschätzen. Die Idee zu PennerVZ kam Andreas Jacob Ende Oktober - ausgerechnet beim Essen. Da war dieser ältere Herr am Nebentisch in der Mensa, er fiel nicht weiter auf, einer von vielen Seniorenstudenten eben. Jacob und seine Kommilitonen saßen noch über ihren Tabletts mit Mannheimer Uni-Essen und tratschten ein wenig über StudiVZ, das Studentenportal, das gerade negative Schlagzeilen machte. Und dann war da dieser Mann, der sich die Reste vom Tisch nebenan einpackte.

Die vermeintliche Penner-Community war für Jacob die logische Konsequenz. "Es sollte eine Persiflage von StudiVZ sein", erklärt er. Mitten im damaligen Negativ-Hype wollte er mit dieser Strategie auf seine Seite locken, um auf Menschen aufmerksam zu machen, die sich ihr Essen von Mensatabletts klauben müssen. Die markigen Sprüche auf der Startseite, die Ankündigungen, auf die vorliegende Beta-Seite folge bald eine technisch aufgemotzte, der Wohnungslose Rudi Ratzke und seine Biographie – alles Farce. Und sie hat funktioniert. Nur wer das im begleitenden Blog verlinkte Interview fand, ahnte, dass mehr dahinter steckte. Dass man denken könnte, er mache sich über Randgruppen lustig, überrascht Jacob allerdings noch immer.

Leute aus der Randgruppe der Offliner sind nicht notwendig wohnungslos. Arbeitslos oder einkommensschwach zu sein, reicht meist schon aus, um sich die Trias aus Hardware, Software und DSL-Anschluss nicht leisten zu können oder zu wollen. Offliner, das sind in der Regel Frauen über 60 mit niedrigem Bildungsstand, so das Ergebnis des "(N)Onliner-Atlas 2006" der Initiative D21. Wohnungslose tauchen in der Studie nicht auf, nur "Wohnbevölkerung" mit "Festnetz-Telefonanschluss im Haushalt" wurde befragt.

Auch wenn Wohnungs- und Obdachlose in aktuellen Studien über Internetnutzung kaum eine Rolle spielen, gibt es dennoch gezielte Angebote für sie. Seit Mitte November etwa das Portal www.wohnungslos-in-koeln.de, eine Seite, die von einem Zusammenschluss gemeinnütziger Einrichtungen betrieben wird. Wann sich Frauen wo duschen können, wann welche Kleiderkammer geöffnet hat und wo es einen kostenlosen Internetzugang gibt, steht hier genauso wie das Formular für den Wohnberechtigungsschein. Ähnlich umfangreich sind auch Berliner oder Hamburger Angebote wie www.wohnungslose.de und www.obdachlosigkeit.hamburg.de.

"Einen Internetzugang zu haben und gleichzeitig nichts zu essen, macht keinen Sinn", sagt PennerVZ-Initiator Andreas Jacob. "Aber es wäre doch toll, wenn Wohnungslose besser durch den Winter kommen, weil Sie Zugang zum Internet haben und sich über die Angebote der Kältenothilfe informieren können." Die Vorteile, die das Internet bietet, sollten ihnen nicht verschlossen bleiben, findet er. Mit zwei Mannheimer Internetcafés hat er deswegen schon Kontakt aufgenommen, spruchreif sei aber noch nichts.

Kevin Barbieux hat sich zu Weihnachten eine Digitalkamera gewünscht, seine alte war kaputt gegangen. Er braucht sie, um die filigranen Origamiboxen zu fotografieren, die er regelmäßig bei eBay versteigert. Das ist sein Einkommen. Er hat die Kamera schon vor Heiligabend bekommen. Sein größter Wunsch ist noch offen: ein Job.



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